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Je reicher ein Land, desto mehr neue Arten

Von Roland Knauer

Wissen

Robinie, Waschbär und Co. kommen in reiche Länder. | Klima spielt eher kleinere Rolle. | Halle. Strauße rennen in Mecklenburg-Vorpommern über die Felder, Waschbären betrachten Berliner Tiefgaragen als ihr Revier und Robinien bereiten den seltenen Orchideen auf einem geschützten Halbtrockenrasen in Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt Probleme. Solche für Europa fremde Arten gibt es hierzulande inzwischen relativ häufig.


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Die Chancen für eine solche biologische Invasion aber hängen relativ stark vom Wohlstand und der Bevölkerungsdichte eines Landes ab. Diesen zunächst verblüffenden Zusammenhang fanden Ingolf Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle und Kollegen aus 15 Ländern. Fällt doch ein Anfangsverdacht eher auf natürliche Faktoren wie das Klima als zentralen Faktor, der die Chancen eines Neuankömmlings steuert.

Die Samen einer Robinie brauchen zum Beispiel relativ warme Sommer zum Ausreifen. Daher verwildern diese Bäume, die als Zierpflanzen aus den nordamerikanischen Appalachen in die alte Welt kamen, vor allem in Gebieten mit warmen Sommern wie dem Rheintal oder dem Osten Deutschlands. Das Klima erklärt 17 Prozent der Verbreitung neuer Arten und spielt damit eine wichtige Rolle.

Edelgewächs Robinie

"Noch ein wenig wichtiger aber sind sozio-ökonomische Faktoren", erklärt Ingolf Kühn. Je reicher ein Land also ist und je mehr Menschen auf der gleichen Fläche leben, umso mehr invasive Arten finden die Forscher dort. Leben in Ländern wie Deutschland oder Österreich auf jedem Quadratkilometer mehr als 91 Menschen und liegt der nationale Reichtum pro Einwohner über einer Viertelmillion US-Dollar, erreicht auch die Zahl fremder Arten Spitzenwerte. Wieso aber sollten sich Robinie, Waschbär, Strauß und alle anderen Arten für den Wohlstand in ihrer neuen Heimat interessieren?

Ein Blick auf die Geschichte der invasiven Arten beantwortet diese Frage. "Vor dem 20. Jahrhundert wurden die meisten Arten bewusst nach Europa gebracht", erklärt Ingolf Kühn. Dazu gehört zum Beispiel die Robinie, die im 17. Jahrhundert einen Siegeszug durch die Parks der alten Welt begann. Da nur reiche Herrscher sich solche Parks leisten konnten, ist der Zusammenhang mit dem Wohlstand offensichtlich, auch wenn das spätere Verwildern mit den Kassen kaum zusammenhängt.

"Seit dem 20. Jahrhundert aber dominiert das unbewusste Einbringen das Geschehen", sagt Kühn. Da kommen Schiffe in den Hafen und lassen dort das vor der nordamerikanischen Küste aufgenommene Ballastwasser ab. Darin sind Larven von Muscheln, Würmer und andere Kleintiere können sich dann in Europas Gewässern etablieren.

Oder es werden Pflanzen importiert, auf denen unbemerkt Schädlinge mit einreisen. Solche blinden Passagiere aber kommen umso häufiger in ein Land, je stärker der Verkehr über die Grenzen ist. Der Verkehr hängt vor allem von Wohlstand und Bevölkerungsdichte ab. Je mehr Menschen in einem Land leben, umso mehr Güter importieren sie. Und je höher der Wohlstand ist, umso eher kann man sich die importierte Ware leisten.