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Jeder 5. Lehrling patzt im Finale

Von Rosa Eder-Kornfeld und Sophia Freynschlag

Wirtschaft

Ruf nach mehr Qualität in der Lehrausbildung wird wieder laut.


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Wien. Die Supermarktkette Spar Österreich setzt auf die Jugend. 2700 Lehrlinge sind derzeit bei dem Lebensmittelhändler in Ausbildung, 900 schließen jährlich ihre Lehre ab. Damit möglichst viele die Lehrabschlussprüfung bestehen, gibt es Vorbereitungskurse, in denen etwa die Testsituation simuliert wird. "Nur ein sehr geringer Prozentsatz der Prüfungskandidaten fällt durch", sagt Spar-Pressesprecherin Nicole Berkmann.

Die Gesamtsituation in Österreich sieht anders aus: Von den 57.511 Lehrlingen, die 2011 zur Abschlussprüfung angetreten sind, schlossen zwar 6527 mit Auszeichnung ab, 10.071 Lehrlinge fielen jedoch durch. Nur rund 4100 Jugendliche treten jährlich zur Wiederholungsprüfung an - damit bleiben fast 6000 Lehrlinge ohne Abschluss.

Gar nicht erfasst werden jene Jugendlichen, die erst gar nicht bis zur Abschlussprüfung kommen - weil sie nicht antreten oder während der Lehrzeit gekündigt werden oder selbst kündigen. Ohne Abschluss werden diese Arbeitnehmer im Kollektivvertrag niedriger eingestuft und verdienen somit weniger.

Vor allem im Gewerbe und Handwerk, wo jeder dritte Lehrling ausgebildet wird, bestehen viele Jugendliche nicht. Am höchsten ist die Durchfallquote bei Malern und Anstreichern, wo mehr als jeder dritte Lehrling die Abschlussprüfung nicht schafft. "Für viele ist dieser Beruf nicht die erste Wahl. Die persönliche Motivation hängt auch vom sozialen Umfeld ab", sagt Franz Huemer, Geschäftsführer der Bundesinnung der Maler und Tapezierer. Außerdem absolvieren viele Maler-Lehrlinge eine überbetriebliche Ausbildung. Es gebe aber auch viele motivierte Malerlehrlinge mit Vorbildwirkung, die bei internationalen Lehrlingswettbewerben siegen.

Überdurchschnittlich viele Koch-Lehrlinge schaffen den Abschluss nicht. "Viele Jugendliche sind nicht auf die Prüfung vorbereitet. Es gibt hervorragende Ausbildungsbetriebe, aber in manchen - vor allem Klein- und Mittelbetrieben - üben Lehrlinge über den Großteil der dreijährigen Ausbildung einfachste Tätigkeiten wie Erdäpfelschälen aus", sagt Rudolf Kaske, Vorsitzender der Gewerkschaft Vida. Angesichts des Fachkräftemangels müssten die Betriebe eigentlich daran interessiert sein, Mitarbeiter gut auszubilden, so Kaske.

Eine Überprüfung sowohl bei Lehrlingen als auch bei den Betrieben wird als Möglichkeit zur Verbesserung gesehen. "Wer einmal die Lehrberechtigung erhalten hat, behält diese derzeit unbefristet", sagt Kaske. Er fordert daher, dass die Betriebe in regelmäßigen Abständen, zum Beispiel alle fünf Jahre, kontrolliert werden, ob sie noch die Voraussetzungen für die Lehrausbildung erfüllen.

Der Vorarlberger Egon Blum, von 2003 bis 2008 Lehrlingsbeauftragter der Bundesregierung, fordert eine verpflichtende Teilprüfung zur Hälfte der Lehrzeit. Diese wurde Ende 2008 bereits in Österreich eingeführt, aber bald darauf wieder abgeschafft. "Mit einer Qualitätssicherung zur richtigen Zeit würde man erkennen, wo die Schwachstellen liegen. Ohne Qualitätssicherung wird die Glaubwürdigkeit der Lehre sinken", sagt der Erfinder des "Blum-Bonus" zur Förderung zusätzlicher Lehrstellen.

"Gefahr für Österreich als Produktionsstandort"

Blum sieht einen Notstand in der derzeitigen Lehrlingsausbildung: Es sei notwendig, den Stellenwert der Lehre aufzuwerten, denn immer mehr Jugendliche entscheiden sich für eine weiterführende Schule anstatt einer Lehre. Verschärft wird der Rückgang der Lehrlingszahlen durch die demografische Entwicklung. "Die österreichische Wirtschaft braucht qualifizierte manuelle Arbeitskräfte, die im Beruf bleiben. Uns werden die Fachkräfte ausgehen, nicht die Akademiker - das gefährdet den Produktionsstandort Österreich", sagt Blum.

Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner kündigte an, mit einem neuen Lehrlingscoaching werden ab Herbst sowohl die Jugendlichen als auch die Ausbilder in den Betrieben bei Bedarf unterstützt und begleitet.