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Jeder Beinahe-Unfall muss gemeldet werden

Von Eckehard Bauer

Recht
Selbst bei heißem Wetter dürfen Arbeiter ihre Schutzhelme nicht abnehmen, weil diese gefahrenbedingt vorgeschrieben sind.
© adobe.stock / markus laeng / EyeEm

Die Anzahl der Arbeitsunfälle sinkt: Unternehmen fürchten sich unter anderem vor Strafen, wenn sie ihre Sorgfaltspflicht vernachlässigen.


Vermutlich ist schon jeder Berufstätige einmal knapp einem Arbeitsunfall entronnen. Was aber kaum jemand weiß: Für Arbeitnehmer gibt es sogar eine Verpflichtung zur Meldung von Beinahe-Unfällen. Sie sollten aber auch noch andere Punkte beachten.

Nahezu im Wochentakt stößt man in den Medien auf menschliche Tragödien aufgrund von Arbeitsunfällen: Bauarbeiter stürzt in einen drei Meter tiefen Schacht, Arbeiter wird bei Wartungsarbeiten schwer verletzt, Verschubarbeiter gerät unter einen rollenden Waggon. Blättert man die Jahresstatistiken der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt AUVA durch, stehen diese Ereignisse exemplarisch für die häufigsten Arbeitsunfallursachen. An der Spitze rangiert der Kontrollverlust über Maschinen, gefolgt von Stürzen und Abstürzen.

Auf längere Sicht zeigt sich allerdings ein positiv stimmender Trend. Und zwar auch, wenn man ausklammert, dass aufgrund von Corona in vielen Betrieben weniger gearbeitet wurde und es dadurch auch weniger Arbeitsunfälle gab. Die Kurve mit der relativen Schadenshäufigkeit zeigt längerfristig sowohl bei Arbeitern als auch bei Angestellten klar nach unten. Es gibt eine Vielzahl von Gründen, warum das so ist. Zugleich müssen die Bemühungen weiter erhöht werden. An vorderster Stelle steht die Verhinderung menschlichen Leids. Zugleich sorgt in Zeiten des Arbeitskräftemangels jeder Krankenstand für eine weitere Verschärfung der Lage. Unternehmen fürchten sich aber auch (zurecht) vor Imageschäden sowie vor Strafen, wenn sie ihre Sorgfaltspflicht vernachlässigen - um nur einige Beispiele zu nennen.

Im § 15 des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes gibt es unter "Pflichten der Arbeitnehmer" eine Passage, die vermutlich nicht allen bewusst sein dürfte. Beschäftigte müssen nicht nur jeden Arbeitsunfall, sondern auch jedes Ereignis, das beinahe zu einem Unfall geführt hätte, melden. Zudem muss jede von ihnen festgestellte ernste und unmittelbare Gefahr für die Sicherheit oder Gesundheit unverzüglich den zuständigen Vorgesetzten oder den sonst dafür zuständigen Personen mitgeteilt werden.

Fragebogen an die Zertifizierungsstelle

Für Unternehmen, die nach Arbeitssicherheitsstandards zertifiziert wurden, gelten noch strengere Regeln. Schwerwiegende Vorfälle müssen auch unverzüglich mittels Fragebogen an die Zertifizierungsstelle gemeldet werden. Eine wichtige Rolle spielen dabei die ISO Norm 45001 sowie der Standard SCC (Safety Certificate Contractors). Die ISO 45001 beschreibt die Anforderungen an betriebliche Arbeits- und Gesundheitsschutz-Managementsysteme. Der Standard SCC wurde entwickelt, um die Anforderungen an die Auftrags- und Unterauftragsnehmer bezüglich Arbeitssicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz zu vereinheitlichen. Beispielsweise gelten dadurch für Subunternehmer dieselben Spielregeln wie für Hauptauftragsnehmer.

In sicherheitssensiblen Branchen sind entlang der gesamten Lieferkette Zertifizierungen sogar zwingend vorgeschrieben. In anderen Branchen geht die Initiative von den Geschäftspartnern aus. Immer mehr Unternehmen lassen sich auch freiwillig zertifizieren, denn das ständige Dokumentieren und Reflektieren hat eine äußerst nützliche Präventivfunktion. Zudem signalisieren Zertifikate nach außen, dass man verantwortungsvoll agiert. Gerichtsprozesse verursachen hingegen hohe Kosten, viel Zeitaufwand und jede Menge Ärger.

Dazu ein Beispiel aus der Praxis: Aufgrund des heißen Wetters hatten Arbeiter ihre Schutzhelme abgenommen, obwohl diese gefahrenbedingt vorgeschrieben waren. Es kam zu einem Unfall, und im darauffolgenden Prozess wurde über alle möglichen Details gestritten: Hatte der Vorgesetzte gesehen, dass die Helme abgenommen wurden? Hätte er es zumindest sehen können? Hat er es einfach toleriert? Weit weniger mühsam wäre es, wenn sich Arbeitnehmer laufend gegenseitig dazu animieren, die jeweiligen Schutzmaßnahmen einzuhalten. Nicht bloß, um allfälligen Strafen zu entgehen, sondern, um gesund zu bleiben. Dies bedarf einer entsprechenden Unternehmenskultur, die von den Führungskräften vorgelebt und getragen wird.

Schutzeinrichtungen dürfen nicht entfernt werden

Unabhängig davon sind diese Pflichten im § 15 des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes klar geregelt. Die Beschäftigten müssen gemeinsam mit den Arbeitgebern und Präventivfachkräften (Sicherheitsfachkräfte, Arbeitsmediziner) darauf hinwirken, dass Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden. Sie dürfen sich natürlich auch nicht durch Alkohol oder Suchtgift in einen Zustand versetzen, in dem sie sich oder andere Personen gefährden. So wird Alkohol auf Baustellen heute zum Glück (fast) nirgends mehr toleriert. Zudem dürfen Arbeitnehmer Schutzeinrichtungen nicht entfernen oder außer Betrieb setzen, außer, es ist beispielsweise zur Durchführung von Reparatur- oder Wartungsarbeiten unbedingt notwendig. Wie beschrieben, ereignen sich aber genau bei solchen Arbeiten immer noch Unfälle.

Zertifizierte Unternehmen schneiden dank der klaren Vorgaben in der Regel deutlich besser ab. Der große Vorteil von Normen wie etwa der ISO 45001 ist auch, dass diese die internationale Harmonisierung des Arbeitnehmerschutzes forciert haben. Als weltweit tätiger Vortragender von öffentlichen und firmeninternen Risikomanagementlehrgängen erhält man immer wieder Einblicke in die Situation außerhalb Österreichs. Trotz aller Vorkommnisse möchte ich daher festhalten, dass die Arbeitssicherheit hierzulande vergleichsweise gut ist. Dennoch besteht Verbesserungsbedarf. Ganz wichtig dabei ist, dass jeder von uns seinen Beitrag dazu leistet.

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