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Jenseits von Paprika und Piroschka

Von Peter Kantor

Wirtschaft

So stark wie in Ungarn ist Österreich mit seinen Produkten nirgendwo sonst in der Welt vertreten. Ganze 7 Prozent seiner Importe bezieht das Nachbarland aus Österreich, Tausende Joint Ventures und Zigtausend bilaterale Geschäftsbeziehungen belegen die breite gemeinsame Basis. Auch heute, rund zwei Jahre vor dem erwarteten EU-Beitritt des Landes, gibt es noch attraktive Nischen für österreichische Unternehmen - sie müssen nur genützt werden.


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Trotz mancher Hürden ist Ungarn weder der "Wilde Osten" noch ein neuer Markt. Das Nachbarland habe geordnete Marktstrukturen und Newcomer müssen sich auf einen ähnlichen Wettbewerb einstellen wie in Österreich, stellt Peter Rejtö, Chef der österreichischen Außenhandelsstelle der Wirtschaftskammer in Budapest fest. Investiert werden müsse ebenso wie in einem EU-Land, zudem erwarte der ungarische Partner meist auch eine Finanzhilfe, damit er sich, wie Rejtö sagt, "für das Produkt überhaupt interessiert".

Auf rund 6.000 schätzt Rejtö die Zahl der österreichisch-ungarischen Joint Ventures, gut 3.500 davon operativ tätige. Schneller als alle anderen mittel- und osteuropäischen Ex-Comecon-Länder wurde Ungarn von heimischen Firmen erschlossen. Wie in kaum einem anderen Land sind beim Nachbarn österreichische Industrie und Gewerbe (vom Autohaus bis zur Ziegelproduktion), Banken (BACA/HVB, RZB, Erste...), Versicherungen und andere Dienstleister vertreten. Über 50.000 Ungarn werden von österreichischen Firmen beschäftigt. Wenig überraschend der Blick auf die geographische Verteilung der Unternehmen: Je westlicher, desto stärker die Präsenz der Österreicher.

Junge Dienstleistungsanbieter aus Österreich drängen zur Zeit besonders heftig nach Osten. "Aufgrund der geographischen Nähe ist Ungarn ein beliebter Zielmarkt für Erstexporteure, vor allem aus dem IT-Bereich", sagt Rejtö.

Wie es gehen kann, zeigt etwa die Tochter der oberösterreichischen BDM Systemhaus. Seit einem Jahr in Ungarn verkauft das Unternehmen sehr erfolgreich zweisprachige Software für das Rechnungswesen. "Ein österreichisches Unternehmen kann seine Rechnung auf Deutsch schreiben und sie auf Ungarisch ausdrucken", erklärt Johann Wansch, BDM-Geschäftsführer in Ungarn. Als Tipp für Neueinsteiger in Ungarn empfiehlt er die genaue Definition der Zielgruppe - in seinem Fall die 9.000 deutschsprachigen Unternehmen im Land sowie eine Konzentration auf den Servicebereich, "denn da haben die Ungarn eine Schwäche."

Attraktive Chancen für österreichische Unternehmen ortet er im Infrastrukturbereich, bei der Modernisierung bestehender Industriebetriebe und für Zulieferfirmen im Elektronik- und Kfz-Bereich, vor allem für Produktionsniederlassungen multinationaler Unternehmen. Nicht zu vergessen sei der Umweltschutz, vor allem die Abwasseraufbereitung und die Kanalisation. Schätzungen zufolge sollen in den kommenden 10 bis 15 Jahren rund 10 Mrd. Euro investiert werden, wobei auch die EU über PHARE und ISPA Mittel bereitstellt.

Importseitig nehmen die Anfragen österreichischer Firmen gleichfalls laufend zu. Sie suchen ungarische Zulieferanten, Lohnfertiger oder Kooperationspartner. Nach wie vor spielt der Gehaltsfaktor dabei eine entscheidende Rolle. Rejtö schätzt das Verhältnis zwischen den Lohnkosten in Österreich und Ungarn bei Hilfsarbeitern auf eins zu acht und bei Softwareangestellten immer noch auf eins zu zwei.

Für Firmen, die auf den ungarischen Markt gehen, bieten über 130 Industrie- bzw. Wirtschaftsparks dank bereits vorhandener Infrastruktur einen deutlich erleichterten Einstieg (siehe Info-Kasten). Konkret empfehlen will Rejtö allen voran den Wirtschaftspark in Györ, mit dem viele westliche Unternehmen bereits gute Erfahrungen gemacht haben.

Modernes Denken

APC Interactive hat Ungarn erst seit etwas mehr als einem viertel Jahr als Zielgebiet definiert und ist schon mit Aufträgen eingedeckt. Das Unternehmen mit 60 Mitarbeitern und Sitz in Wien entstand 2000 aus einem Merger von Philips (42 Prozent) und LB-Data (21Prozent, den Rest halten Investoren und das Management), und war mit dem richtigen Produkt zur richtigen Zeit an richtiger Stelle. Die öffentlichen APC-Informations-Kioske mit multimedialen sprachgesteuerten Terminals auf Internetbasis waren ganz nach dem Geschmack der High-Tech-verliebten Ungarn.

"In Ungarn denkt man sehr modern, man ist vielen Dingen gegenüber aufgeschlossener als in Österreich oder Deutschland", weiß Walter Riegler. Der APC-Geschäftsführer war früher Finanzdirektor von Philips Hungaria und kennt die Mentalität im Land. "Ein Handschlag wiegt mehr als bei uns", sagt er und betont die Bedeutung persönlicher Kontakte, gleichzeitig aber auch das "andere" Zeitgefühl im Land. Entscheidungen dauern oft drei Mal so lang wie in Österreich, Kompetenzen sind oft unklar verteilt. Bei der Installation der vor allem von Verwaltungs- und Tourismuseinrichtungen bestellten mobilen APC-Info-Zellen wollte sogar die Gewerkschaft mitreden, so Riegler. "Die hatten Angst, dass der Terminal womöglich einen Angestellten ersetzt".

Respekt und Vorsicht empfiehlt Riegler allen Unternehmen, die auf den ungarischen Markt wollen. Keinesfalls sollte man die Professionalität im Land unterschätzen, keinesfalls den Fehler machen, etwas gönnerhaft verteilen zu wollen. Auch die Sprachbarriere sei nicht auf die leichte Schulter zu. Mit bruchstückhaften Ungarischkenntnissen käme man als Unternehmer nicht durch, ein Dolmetscher hingegen sei gut angelegtes Geld.

Bei der Suche nach einem Partner verweist Riegler aus tiefster Überzeugung an die Österreichische Außenhandelsstelle in Budapest: "Die Leute dort kennen das Umfeld und können verlässliche Kontakte herstellen". Denn noch immer gebe es im Land etwa kleine Distributoren, die quasi aus dem Keller kommen und am anderen Tag ebendorthin wieder verschwunden sind.

Das richtige Rezept

Gute Ezzes für das Geschäft mit Ungarn kann auch Gabor Lengyel geben. Der Geschäftsführer und Eigentümer der auf medizinische Laborgeräte spezialisierten Diatron GesmbH hat seit 1991 mit den beiden Standorten Wien und Budapest eine ideale Geschäftskombination entwickelt. Während die knapp 50 Mitarbeiter in Ungarn High-Tech-Laborgeräte (vor allem "Hämatologieanalysatoren") produzieren, fungiert Wien mit sieben Mitarbeitern als Exportdrehscheibe. "In der Medizintechnik hat Österreich einen besseren Namen, zudem ist die Infrastruktur in Wien auch heute noch besser als die in Ungarn", begründet Lengyel die Aufgabenverteilung.

Problematisch ist etwa die Beschaffung von Ersatzteilen. "Viele Lieferanten halten sich nicht an die Verträge und verspäten sich", sagte Lengyel und empfiehlt Flexibilität und die Suche nach alternativen Anbietern. Die Gerichte zu beschäftigen bringe wenig, allzu schwerfällig und langsam würden ihr Mühlen mahlen.

Katastrophal ist es aus der Sicht von Lengyel um die Zahlungsmoral vor allem der öffentlichen Stellen in Ungarn bestellt. Das Gesundheitswesen sei praktisch zahlungsunfähig, Wartezeiten von sieben bis acht Monaten keine Seltenheit. Einzige Alternative sei die Erfindung von anderen Zahlungsmodalitäten. So stelle Diatron etwa Krankenhäusern ein Gerät lediglich zur Verfügung und lasse sich die mit dem Gerät durchgeführten Messungen einzeln bezahlen. Das käme zwar dem Krankenhaus teurer und sei auch für Diatron ungünstig, aber die einzige Möglichkeit.

News für Newcomer

Will ein Newcomer im Land eine Zweigniederlassung oder einer Wirtschaftsgesellschaft gründen, muss er mit einer Verfahrensdauer von durchschnittlich zwei Monaten (je nach Gesellschaftsform) rechnen. Ein ungarischer Rechtsanwalt muss die Gründung veröffentlichen lassen und die Eintragung beim Firmenbuchgericht beantragen.

Eine gute Erstinformation zur "Firmengründung in Ungarn" bietet eine gleichnamige Wirtschaftskammer-Publikation (siehe Info-Kasten). Sie enthält auch einen Anhang über die Steuern im Land.

Aktuellere News verspricht Theodor Heim, Chef der Heim Reklam und PR Agentur. Mit der demnächst erscheinenden neuen deutschsprachigen Zeitschrift "Kontaktlinse" will Heim vor allem österreichischem Publikum vierteljährlich aktuelle Information und Hilfestellung im Geschäft mit Ungarn bieten. Schon das dritte Jahr in Folge erscheint demnächst Heims "Österreichisch-Ungarischer Kontakter", der ein sehr nützliches Verzeichnis österreichischer Niederlassungen in Ungarn bietet.

Aus Sicht der Österreichischen Kontrollbank (OeKB) ist beim Export nach Ungarn naturgemäß der Versicherungsaspekt vorrangig. Das Land sei von den Risken inzwischen mit Österreich und Italien vergleichbar (OECD-Länderkategorie 2), gegen Insolvenzen müsse man sich dennoch absichern, meint Karolina Offterdinger von der Exportgarantieabteilung der OeKB. Exportorientierten Klein- und Mittelbetrieben empfehle sie meist eine "Pauschalgarantie", die Risken in rund 50 Ländern deckt.

5 Minuten vor 12

Das Jahr 2004 als vorgesehener EU-Beitritt dürfte für Exporteure über Nacht praktisch nichts ändern, sind sich Ungarn-Kenner einig. Das Freihandelsabkommen der EU mit Ungarn sei schon lange in Kraft, der Zoll spiele mit wenigen Ausnahmen (Lebensmittel, landwirtschaftliche Produkte, Textilien, Schuhe und Papier) kaum eine Rolle, heißt es vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Infolge der strengen - durch das Schengener Abkommen bedingten - Grenzkontrollen, stehen Frächter aber ebenso wie Privatreisende oft stundenlang an den Übergängen. Eine im gleichen Maß geschäftsschädigende wie ärgerliche Hürde im bilateralen Verkehr. Wegfallen werden die Wartezeiten aber nicht mit dem EU-Beitritt, sondern erst mit dem Schengen-Beitritt Ungarns.