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"Jesu Hochzeit" als magerer Aufreger

Von Heiner Boberski

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War Jesus Christus, auf den immerhin die größte Weltreligion zurückgeht (der Islam hat zwar zahlenmäßig die römisch-katholische Kirche, aber noch lange nicht das Christentum überflügelt), verheiratet oder nicht? Vielen Zeitgenossen mag das relativ egal sein, doch einerseits wäre es natürlich für Gegner des Zölibats ein unschlagbares Argument, sollte eine Ehe des Mannes aus Nazareth nachweisbar sein, anderseits könnte sich auch jeder bestätigt fühlen, der die Bibel schon immer für ein Märchenbuch gehalten hat.

Das, was die US-Historikerin Karen King nun als neuen Hinweis für eine Ehefrau Jesu präsentiert hat, ist freilich eher dürftig. Die Worte "Jesus sagte zu ihnen: Meine Frau" in koptischer Sprache, auf einem Papyrusschnipsel aus dem 4. Jahrhundert, haben ungefähr so viel Bedeutung, wie wenn im 19. Jahrhundert jemand in deutscher Sprache den Inhalt eines Shakespeare-Stücks abweichend vom Original wiedergab.

Dass Jesus viele Frauen folgten, ist bekannt, auch dass er, dem (auch nicht authentischen, da aus dem späten 3. Jahrhundert stammenden) "Philippusevangelium" zufolge Maria Magdalena auf den Mund geküsst haben soll. Aber "Jesu Hochzeit" konnte historisch nie belegt werden, unter diesem Titel wurde nur 1980 eine Mysterien-Oper von Gottfried von Einem mit Libretto von Lotte Ingrisch im Theater an der Wien aufgeführt. Gemeint war freilich Jesu Sterben, seine "Hochzeit" hielt er mit der allegorischen "Tödin". Dass diese ihn küsste, empfanden damals einige konservative Katholiken als skandalös, heute wäre das nur noch ein sehr magerer Aufreger.