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Jobs hält das iPad hoch: Wird auch diese Weltmaschine funktionieren?

Von Franz Zauner

Analysen

Vor zwei Wochen hat Microsoft seinen hübschen, neuen Tablet-Computer vorgestellt. Wer sich noch daran erinnern konnte, hat es spätestens in dieser Woche vergessen. Apple-Boss Steve Jobs hielt nicht bloß ein ähnliches Ding vor rituell verzücktem Publikum hoch, sondern die Welt in Atem. "Es fühlt sich an, als würde man die Zukunft in den Händen halten", jubelte es etwa aus dem einflussreichen US-Technikblog "Techcrunch".


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Was genau ist passiert? Bald kommt ein tragbarer Computer in die Läden. Man kann darauf E-Books lesen, Filme schauen und Fotos retuschieren. Gedanken über Gott und die Welt lassen sich direkt auf dem berührungsempfindlichen Bildschirm des 700 Gramm leichten Geräts eintippen. Man kann auch Musik hören. Oder ins Internet gehen, das sich dem Couch-Surfer per WLAN oder Mobilfunk öffnet. Genau genommen gibt es aber bis auf einen geheimnisvollen Prozessor auf den ersten Blick nichts am iPad, was es nicht schon gibt. Nicht zuletzt deshalb, weil Apple es schon erfunden hat.

Man darf sich das iPad als großes iPhone vorstellen, das Tonnen von "Apps" mit einer ähnlichen Leichtigkeit dreht und wendet wie das Kult-Telefon. Wenn sich Apple auf eines versteht, dann auf das unentwegte Vordringen in neue Dimensionen der Bequemlichkeit. Wie die Firma mit dem Musikshop "iTunes" und den Abspielgeräten der iPod-Serie Musik in die Ohren der Konsumenten brachte, das war ein Lehrstück für die Musik- und die Computerbranche. Mit dem "App"-Store und seinen abertausenden Angeboten noch für die aberwitzigsten Einsatzgebiete wiederholte der Genius Jobs das Kunststück noch einmal. Er verwandelte das Handy in eine Weltmaschine für die Westentasche.

Immer war es diese Kombination von Technik und Dienstbarkeit, die den Unterschied ausmachte. So hat der Erfindergeist des Steve Jobs der Medienwelt einen konditionierten Reflex antrainiert: Wenn der Prophet der digitalen Innovation in Jeans und Rollkragenpullover eine Bühne betritt, erhöht sich der Speichelfluss bei Aktionären und Medienprofis. Eine Revolution beginnt, die man nicht versäumen darf. Man kauft nicht bloß einen iPod, ein iPhone und demnächst ein iPad. Man wird Mitglied einer weltweiten Bewegung für ein lässigeres und schöneres digitales Leben.

Das Geschäftsmodell, in dessen Tradition auch das iPad steht, hat mit Befreiung zu tun. Beim iPad fragt man sich aber, wovon es den User eigentlich erlöst. E-Books lassen sich auf jedem Computer lesen. Mit den Netbooks gibt es bereits ganz gute Leichtcomputer. Und Videos laufen überall. Nur 499 Dollar für so einen großen, gesund aussehenden Apfel, das könnte diesmal der kräftigste Kaufimpuls sein.