Johann Gottfried Herder : "Wir sind Völker, nicht ein Volk"

Von Oliver vom Hove

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Der theologisch gebildete Polyhistor und Universalist war ein rebellischer Freigeist. Ein Portrait zu seinem 275. Geburtstag.


Johann Gottfried Herder (1744-1803).
© Ullsteinbild/United Archives

Niemand liest noch Herder. Dabei war er einer der größten Anreger der deutschen Geistesgeschichte, dessen Wirken weit über die Sprachgrenzen hinaus reichte. In Kultur, Sprache, Dichtung, Religion, Gesellschaftsleben lehrte er, die Phänomene geschichtlich zu begreifen. Damit gilt Herder als der Schöpfer des Historismus.

Die Entwicklung der Geschichte erschien ihm als ein Humanum: als das die menschliche Existenz entscheidend bestimmende Element. Die weit ausgreifende Erkenntnisphantasie des theologisch gebildeten Polyhistors gab den Tatsachen eine metaphysische Beziehung. So verband er Gott mit Natur, Religion mit Geschichte, Kultur mit Menschenverstand. Die Bildungsphilosophie dieses Universalisten galt der Weiterentwicklung dessen, was er - in eigener Prägung - "Humanität" nannte.

Herders Leben und Werk erzählt vom Abenteuer der Gefühlskultur und damit von einem eigenwüchsigen Denken im 18. Jahrhundert; vom Aufbau einer Gegenwelt zur rationalistischen Aufklärung der Französischen Revolution - und wie diese Gefühlserkenntnisse als Brücke in unsere Gegenwart herüberreichen.

Sprache & Erkenntnis

Eine entscheidende Bedeutung für seine empirische Anthropologie wies Herder der Sprache zu. "Wir sind Sprachgeschöpfe", schrieb er. Im Widerspruch zur französischen Aufklärung bestand er in seiner "Abhandlung über den Ursprung der Sprache" (1772) darauf, dass es nicht Sprache an sich gibt, sondern nur Sprachen in ihren vielfältigen geschichtlichen Entwicklungen. "Schon als Tier hat der Mensch Sprache", lautet der provokante Einleitungssatz. Von klein auf dienen die "Töne der Natur" dazu, auf sich aufmerksam zu machen. In der weiteren Entwicklung des Individuums wird die kommunikative Notwendigkeit der Sprache bedeutungsvoll: Im Unterschied zum Tier setzt sich der Mensch in Distanz zur Welt (Herder nennt es "Besonnenheit") und macht die Sprache zum Mittel von Erkenntnis.

Die Sprache sei "eine große Schatzkammer, in welcher die Kenntnisse aufbewahrt liegen, die dem ganzen Menschengeschlecht gehören". Das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft wird klar bestimmt: "Kein einzelner Mensch ist für sich da, er ist in das Ganze des Geschlechts eingeschoben, er ist nur Eins für die fortgehende Folge." Diese "Kette der Bildung" bildet das Zentrum von Herders anthropologischen Überlegungen: "So gern der Mensch alles aus sich selber hervorzubringen wähnet, so sehr hanget er doch in der Entwicklung seiner Fähigkeiten von andern ab." Herders Schlüsselwort dafür lautet "Bildung", weshalb er weitreichende reformerische Schulpläne entwarf.

"Der Name ‚Menschenrechte‘ kann ohne ‚Menschenpflichten‘ nicht genannt werden." - Johann Gottfried Herder.
© www.museum-digital.de

Da Sprache sich auf den Gehörsinn bezieht, stimmt Herder ein Hohelied auf die bis in die Frühzeit der Menschheit zurückreichende Dichtung der Völker an: "Lieder, Lieder des Volks, Lieder eines ungebildeten sinnlichen Volks, die sich so lange im Munde der väterlichen Tradition haben fortsingen können." Als herausragende Poesie für das Ohr gelten ihm die Epen Homers, das Alte Testament, die Werke Shakespeares sowie die Lieder wenig beachteter Völker Ost- und Südeuropas - und die Gesänge des angeblich keltischen Barden Ossian, die er in der Hexameter-Übersetzung des Wiener Jesuiten Michael Denis kennenlernte und die damals Aufsehen erregten, bis man sie als Dichtungen des schottischen Zeitgenossen James Macpherson enttarnte.

Ursprünglich wollte Johann Gottfried Herder, der am 25. August 1744 als Sohn eines Küsters im ostpreußischen Landstädtchen Mohrungen geboren wurde, mit 18 Jahren in Königsberg Medizin studieren. Doch bei der ersten Leichenöffnung fiel er in Ohnmacht. Also wurde er Theologe und predigte schon mit 23 Jahren in den Kirchen von Riga, das damals russisch besetzt, doch von einer deutschen Oberschicht kulturell beherrscht war. In der Hauptstadt Livlands lernte er, umgeben von lettischen, russischen und polnischen Lauten, die Vielfalt der Volkslieder und Volksdichtung schätzen, wie er in der Einleitung zu seiner Sammlung "Stimmen der Völker in Liedern" bekannte.

Er war ein akribischer Leser mit schrankenlos vielseitigen Interessen. Wie förderlich für das Geistesleben waren doch die zahlreichen Bibliotheken, Lesezirkel und Buchhandlungen! In Königsberg wurden die Läden Hartung, Kanter und Nicolovius viel frequentiert. Die Buchhandlung Kanters, ein beliebter Treffpunkt der Schriftsteller und Gelehrten, gewährte dem stundenlang lesenden, stöbernden Studiosus unbegrenzten Aufenthalt. Und erst die Zeitschriften: wie Pilze schossen sie aus dem Bildungsboden. Später wurde Herder vielfach deren Beiträger, zuweilen auch ihr Herausgeber.

Sturm und Drang

Aus dem baltischen Abseits von Riga hatte sich Herder 1769 durch eine Schiffsreise nach Frankreich befreit, von der er in seinem "Reisejournal" Zeugnis ablegte. In Straßburg, wo er ein Augenleiden auskurierte, lernte er 1770 den fünf Jahre jüngeren Goethe kennen. Eine Schicksalsbegegnung.

Gemeinsam setzte man sich an die Spitze jener "Sturm und Drang"-Bewegung, die für eine lebensnahe, erfahrungsreiche, nicht mehr alexandrinisch gedrechselte Literatur eintrat. Viele begeisterte junge Literaten schlossen sich an. Herders Eintreten für Shakespeare bewog Goethe zu seinem dramatischen Frühwerk "Götz von Berlichingen". Der strenge Formalismus der französischen Klassik war gesprengt; fortan galt auf deutschen Bühnen eine Stoffwahl, die auch dort, wo sie aus der Geschichte schöpfte, sich auf die Verhältnisse der Gegenwart bezog.

Nach einem fünfjährigen Aufenthalt als Hofprediger beim Grafen von Schaumburg-Lippe befreite Goethe den Älteren aus der Enge der Kleinstadt Bückeburg: Er setze 1776 seine Berufung als Generalsuperintendent in die nicht weniger kleine Residenzstadt Weimar durch.

In Weimar begrüßte Herder, zum Missfallen von Goethe und dessen Fürstenfreund Karl August, 1789 voll Hoffnung den Ausbruch der Französischen Revolution. Dem Glauben der Aufklärung an einen geradlinigen Prozess des Fortschritts setzte er indes seine Überzeugung entgegen, die Geschichte verlaufe in Entwicklungsstufen, die sich gleichsam organisch aus den natürlichen Gegebenheiten des menschlichen Daseins ergeben. "Der Geist der Veränderung der Geschichte" zeige sich nicht als eine ebenmäßig fortschreitende Optimierung, sondern sei durch unregelmäßig einsetzende Schubkräfte bestimmt.

Gedenktafel am Herderplatz 7 in Weimar.
© OFTW, Berlin

Daher sah Herder auch als Erster das Mittelalter nicht als Zeit der finsteren Barbarei. Eine Ansicht, die stark auf die gerade beginnende Romantik einwirkte. Jede Epoche sei aus ihren historischen Bedingungen zu bewerten, eine Beurteilung unter Maßstäben des eigenen Zeitalters, etwa der Aufklärung, sei als ungeschichtlich abzulehnen. Damit nahm er Einsichten der historisch-dialektischen Geschichtsauffassung vorweg.

In Herder, dem rebellischen Freigeist in Fürstenfesseln, rumorte es gegen Kants überindividuelles Ordnungs- und Staatsdenken. Der Staat war für ihn eine alles zermalmende Verwaltungsmaschine. Er setzte die Freiheit des Einzelnen, die individuelle Selbstentfaltung dagegen, auch aus Widerwillen gegen die vielfältigen Abhängigkeiten einer damaligen Schriftstellerkarriere, denen er sich ausgesetzt sah.

Herder lebte in Weimar im Kreis seiner vielköpfigen Familie ziemlich ungesellig, zeigte sich oft mürrisch, nörglerisch, unbedankt. Vor allem in seinen jüngeren Jahren wechselten Gefühle des Selbstzweifels und der Selbstanklage mit jenen von unbändigem Ehrgeiz und Stolz: "Die Kleinheit deiner Erziehung, die Sklaverei deines Geburtslandes, der Bagatellenkram dieses Jahrhunderts, die Unstetigkeit deiner Laufbahn hat dich eingeschränkt, dich so herabgesenkt, dass du dich nicht erkennst", schrieb er ins Tagebuch. Seinen akademischen Kollegen warf er gern stubenversessene "Papierkultur" vor. Später wurde er, unter dem Einfluss seiner Ehefrau Caroline Flachsland, ruhiger, gemessener. Aber gegen Ende des Lebens, das für ihn schon 1803 erlosch, haderte er wieder mit sich und vermeintlich Versäumtem.

Weittragend in ganz Europa war Herders Idee, die schillernde Vielfalt der Völker und Kulturen als Äußerungen eines sich eigenwüchsig entfaltenden Weltgeists zu betrachten. Vor allem die Brüder Humboldt verfolgten Herders Idee weiter, die im 19. Jahrhundert zu einer die Menschheit umfassenden Völkergeschichte anregte und damit die wissenschaftlichen Kategorien Völkerkunde und Völkerpsychologie vorantrieb.

Regionale Bräuche und kulturelle Manifestationen hob er hervor und setzte sie der emotionalen wie sozialen Wurzellosigkeit eines universalistischen Gesellschafts- und Kulturbegriffs entgegen. So unterschied er zwischen dem Staat als einem von Menschen geschaffenem Gebilde und dem Volk, dem er durch die je eigene Sprache eine metaphysische Genese zuschrieb. In seinen weit in die frühe Welthistorie zurückschweifenden "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" heißt es: "Die ganze Geschichte der Völker wird uns in diesem Betracht eine Schule des Wettlaufs zur Erreichung des schönsten Kranzes der Humanität und Menschenwürde."

"Kulturnation"

Sah Herder die Gefahr des Nationalismus voraus? Sein Denken war dem Begriff "Kulturnation" nahe, den Friedrich Meinecke im 20. Jahrhundert in Gegensatz zur "Staatsnation" setzte. Er hob neben den sprachlichen die naturgesetzlichen, auch klimatisch bedingten nationalen Gemeinsamkeiten hervor, weniger die staatlichen und schon gar nicht die blutbestimmt-rassischen. Ihm schwebte ein "Bund der Völker" vor, der den auch damals gefährdeten Frieden erhalten sollte: "Wie ein Mensch von einem anderen lernt, so soll auch ein Volk von und mit den anderen Völkern lernen, bis alle die schwere Lektion erlernt haben, dass kein Volk ein von Gott einzig auserwähltes Volk ist." Denn, dies war ihm klar, "der Nationalruhm ist ein täuschender Verführer. (. . .) Hat er eine gewisse Höhe erreicht, so umklammert er den Kopf mit einer ehernen Binde."

Sein Gegenmittel wird die Idee der Humanität: "Ich wünschte, dass ich in das Wort ‚Humanität‘ alles fassen könnte, was ich bisher über des Menschen edler Bildung zur Vernunft und Freiheit, zu feinern Sinnen und Trieben, zur zartesten und stärksten Gesundheit, zur Erfüllung und Beherrschung der Erde gesagt habe." Und er stellt klar: "Der Name ‚Menschenrechte‘ kann ohne ‚Menschenpflichten‘ nicht genannt werden, beide beziehen sich aufeinander, und für beide suchen wir ein Wort. So auch ‚Menschenwürde‘ und ‚Menschenliebe‘." Aber er wusste auch: "Humanität ist der Charakter unseres Geschlechts, er ist uns aber nur in Anlagen angeboren und muss uns eigentlich angebildet werden."

Religion, Geschichte und Humanität waren in Herders Verständnis wie kommunizierende Gefäße miteinander verbunden. Bestimmend war die religiöse Weltsicht, in die er all seine politischen, historischen, sprachwissenschaftlichen und volkspädagogischen Theorien einzugliedern suchte. Als unerschöpflicher Weckrufer und Ideenbeförderer blieb er freilich, einer umfassenden Welterkenntnis verpflichtet, mit beiden Beinen auf weltlichem Boden.

Oliver vom Hove, in Großbritannien geboren, aufgewachsen in der Schweiz und in Tirol, lebt als Dramaturg, Literaturwissenschafter und Publizist in Wien.