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Johnson vs Corbyn als Schlacht ohne Helden

Von Siobhán Geets

Politik

Bei der ersten Fernsehkonfrontation zwischen Johnson und Corbyn wiederholte der britische Premier mantraartig seine Brexit-Slogans. Der Labour-Chef verpasste eine wertvolle Gelegenheit, Johnsons wunden Punkt zu treffen.


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Am Schluss musste dann auch Boris Johnson lachen. Grund war Jeremy Corbyns Antwort auf die Frage, was er dem Premier zu Weihnachten schenken würde: "Eine Weihnachtsgeschichte" von Charles Dickens (im Literaturklassiker siegt am Ende die Menschlichkeit über die Gier), "damit er versteht, wie fies Scrooge war." Umgekehrt würde Johnson Corybn eine Kopie seines "brillanten Brexit-Deals" unter den Weihnachtsbaum legen, oder, nach einer kurzen Nachdenkpause, ein Glas Zwetschkenmarmelade. Corbyn: "Ich liebe Zwetschkenmarmelade!"

Zum ersten Mal debattierten der britische Premier Boris Johnson und sein Herausforderer, Labour-Chef Jeremy Corbyn, am Dienstagabend im Fernsehen, der Sender ITV übertrug live. Corbyn will Johnson als Premier beerben - und setzt vor den Wahlen am 12. Dezember vor allem auf die Themen Gesundheit und Armutsbekämpfung. Für Johnson ist indes der Brexit das Allheilmittel. Selbst auf die Frage nach dem Klimawandel antwortete er mit dem EU-Austritt.

Alte Sprüche,neue Blamagen

Abgesehen von den Beiträgen über weihnachtliche Geschenkideen brachte die Debatte wenig Überraschendes. Die Schlachtfelder waren die alten: der Brexit und das staatliche Gesundheitssystem NHS. Die Fragen kamen aus dem Publikum, Moderatorin Julie Etchingham hakte lediglich nach.

Das war auch bitter nötig, denn häufig hatten die Antworten wenig mit den vorangegangenen Fragen zu tun. Vor allem Johnson wiederholte immer wieder seine alte, hinlänglich bekannte Position: Den Brexit will er schnellstmöglich durchziehen - am besten mit seinem eigenen "fantastischen Deal", wie er mehrmals selbstbewusst betonte. Mantraartig gab er seine Sprüche zum Besten ("Get Brexit done", "Take back control"), als würde etwas wahrer, wenn man es möglichst oft wiederholt.

Doch wie glaubhaft sind Johnsons Zusagen überhaupt noch? Rund 40 Mal hatte er versprochen, sein Land am 31. Oktober aus der EU zu führen - um den Brexit dann doch zu vertagen. Die Schuld daran schiebt Johnson auf das Unterhaus, das seinen Deal nicht im Eilverfahren annehmen wollte. An dieser Stelle blamierte sich Corbyn, als er behauptete, der Premier habe die prinzipielle Zusage zum Austrittsabkommen lediglich mit den Stimmen der nordirischen DUP erhalten. Im Wahrheit haben die Unionisten gegen Johnson gestimmt. Der peinliche Fehler schien aber niemandem aufzufallen.

Johnson schien oftmals überwältigt von den Fragen. Auch dem Hinweis, dass er den Protestanten in Nordirland in den Rücken gefallen sei, weil sein Austrittsabkommen eine Handelsgrenze zwischen Großbritannien und Nordirland vorsieht, wusste er nichts entgegenzusetzen. Der Premier stotterte und strauchelte, man kennt das aus früheren Fernsehinterviews nach Fragen zu seinen zahlreichen Affären.

Immerhin ist es Johnson am Dienstag gelungen, den üblichen Fettnäpfchen auszuweichen - was wohl auch das Ziel des Abends gewesen war.

Sein Kontrahent kam zwar kauzig daher (die Brille saß schief und das rechte Glas schien verschmiert), war aber zumindest beim NHS sattelfest. Gleich zu Beginn zeigte Corbyn geheime Dokumente über Freihandelsverhandlungen der Tory-Regierung mit den USA, aus denen hervorgehen soll, dass die Konservativen das NHS an die Amerikaner verkaufen wollen. Es war der schwerste Schlag für Johnson in der Debatte. Ihm blieb nichts, als alles abzustreiten.

Emotional wurde es, als Corbyn mit einer persönlichen Geschichte illustrierte, wie schlecht es um den NHS steht. Es mangelt an Pflegern, Ärzten und Geld, Leidtragende sind die Patienten. Corbyn erzählte von einer Freundin, die am Tag zuvor gestorben war, nachdem sie im Krankenhaus stundenlang auf eine Notfallbehandlung gewartet hatte.

Stummer Corbyn, angriffiger Johnson

Offensichtliche Gelegenheiten, Johnson zu attackieren, ließ Corbyn ungenutzt. Die Frage, ob die Wähler den Kandidaten überhaupt vertrauen können, hätte der Glockenschlag für die entscheidende Runde sein können. Es wäre so einfach gewesen, Johnson seine zahlreichen Lügen vorzuhalten. Immerhin handelt es sich um einen Premier, der mehrmals nachweislich gelogen hat. Bekannt ist nicht einmal, wie viele Kinder er gezeugt hat. Doch Corbyn blieb stumm.

Im Gegensatz dazu machte Johnson immer wieder auf Corbyns Schwächen aufmerksam. Der Labour-Chef will ein neues Austrittsabkommen mit der EU verhandeln. In einem Referendum sollen die Briten dann zwischen dem neuen Deal und einem Verbleib in der EU entscheiden können. Nur: Wie er selbst abstimmen würde, will Corbyn nicht verraten. Beim Publikum sorgten die Ausweichmanöver des Labour-Chefs für Gelächter - und Johnson schlug immer wieder zu. Corbyn habe keinen Plan, er wolle nicht sagen, ob er für den Brexit sei oder für den Verbleib in der EU. Es ist Johnsons einzige, seine stärkte Botschaft: "Corbyn will nicht einmal ausschließen, dass er sich gegen seinen eigenen Deal einsetzt."

Dabei hatte die Debatte für Corbyn gut angefangen: Sein Eingangsstatement trug er flüssig vor, während Johnson scheinbar vom Zettel ablas.

Tories führen Twitter-Nutzer in die Irre

Am peinlichsten war für die Tories aber eine Verwarnung des Kurznachrichtendienstes Twitter: Während der TV-Debatte hatten die Konservativen ihren Twitter-Accout kurzfristig in "FactcheckUK" umbenannt und ihre rund 76.000 Follower damit in die Irre geführt. Die Seite sah nun aus wie eine unabhängige Faktencheck-Seite - die selbstverständlich Johnson zum "klaren Gewinner" der Debatte erklärte.

Wer wirklich überzeugender war, ist indes nicht eindeutig. Nach der Debatte behaupteten beide Seiten, dass das Publikum den Gegenkandidaten am lautesten ausgelacht habe. Laut einer YouGov-Umfrage finden 51 Prozent der Befragten, dass Johnson als Sieger aus dem Abend hervorgegangen ist. Auch, wenn das von Corbyn nur 49 Prozent behaupten, so ist es doch ein Erfolg für den Oppositionsführer. Immerhin liegt Labour in den Wahlumfragen weit abgeschlagen hinter den Tories - und Corbyn gilt als unsympathisch, während Johnson nach wie vor der beliebteste Politiker im Land ist. Durchaus möglich also, dass sich der Auftritt Corbyns, der die Erwartungen übertraf, auf die nächsten Umfragen auswirkt - und auf die Wahlen am 12. Dezember.