Zum Hauptinhalt springen

Jordanien übt Rache

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Der Tod des jordanischen Piloten durch den IS ruft Schreie nach Vergeltung hervor, schließt aber auch die Reihen hinter König Abdullah.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Amman/Bagdad. "Öffnet die Tür, wir wollen kämpfen", schrien aufgebrachte Demonstranten in der jordanischen Hauptstadt Amman, kurz nachdem bekannt wurde, dass Muath al-Kasaeshbeh bei lebendigem Leib in einem Käfig von Mitgliedern des Islamischen Staates (IS) verbrannt wurde. Auch in anderen Landesteilen riefen die Menschen nach Vergeltung dafür, was ihrem Piloten angetan wurde.

Vergeltung und Rache sind ein Charakteristikum im Orient, um verlorene Ehre wieder herzustellen. Und die hat in den Seelen der Jordanier in den letzten Wochen enorm gelitten. Wie eine Schafherde trieb der IS das Land vor sich her, lockte mit einem Gefangenenaustausch und forderte Lösegeld. Die Jordanier waren zu allem bereit, nur um Kasaeshbeh frei zu bekommen.

Schon wurden Stimmen lauter, die König Abdullah für die Tragödie verantwortlich machten. Er hätte nicht in die internationale Koalition zur Bekämpfung des IS einwilligen sollen: "Warum mischen wir uns da ein?" Der Ende Dezember bei einem Einsatz abgestürzte und vom IS gefangen genommene Pilot drohte die Nation zu spalten. Manche Beobachter sprachen schon von einer bevorstehenden Revolte gegen den Monarchen.

Einflussreicher Stamm

Doch nun scheinen sich die Reihen wieder hinter dem König zu schließen. Als bekannt wurde, dass Kasaeshbeh sehr wahrscheinlich schon Anfang Jänner ermordet wurde, die Jordanier also heimtückisch hinters Licht geführt werden sollten, war der Volkszorn nicht mehr zu bremsen.

Nur wenige Stunden nach Veröffentlichung des grausamen Videos, wurde Sajida al-Rashawi, die seit fast zehn Jahren in Jordanien einsitzende Irakerin, gehängt. Die verhinderte Selbstmordattentäterin wollte sich zusammen mit ihrem Mann in einem Hotel inmitten einer Hochzeitsgesellschaft im November 2005 in die Luft sprengen. Die Zündschnur an ihrem Sprengstoffgürtel versagte, sie wurde festgenommen und zum Tode verurteilt. Jetzt wollte der IS sie freipressen und schlug einen Gefangenenaustausch vor. Jordanien traute der Sache nicht und verlangte einen Lebensbeweis des Piloten, der zu dem Zeitpunkt schon tot war, wie sich jetzt herausstellt. Außer Rashawi wurde noch ein weiteres, zum Tode verurteiltes Mitglied von Al Qaida am frühen Mittwochmorgen gehängt: Ziad al-Karbuli, ebenfalls Iraker.

"Das Blut des Märtyrers wird nicht umsonst geflossen sein", sagte danach ein Armeesprecher im jordanischen Fernsehen. "Unsere Rache wird das Ausmaß des Schmerzes haben, der allen Jordaniern zugefügt wurde." Safi al-Kasaeshbeh, der Vater des Piloten, forderte die jordanische Regierung auf, mehr zu tun als nur die beiden Gefangenen zu exekutieren. "Das Blut meines Jungen ist das Blut der ganzen Nation, das es zu rächen gilt." Die Familie ist Mitglied eines einflussreichen Stammes, der besonders um die Stadt Karak im Süden Jordaniens beheimatet ist. Aus diesem Stamm rekrutiert das Königreich die meisten seiner dem Herrscher treu ergebenen Soldaten. Was Safi al-Kasaeshbeh sagt, hat in Jordanien Gewicht: "Ich rufe dazu auf, den IS komplett zu vernichten!" Ähnlich wie nach den Attentaten in Paris, erzeugt die furchtbare Tat der islamistischen Terrormiliz auch in Jordanien die Reaktion des "jetzt erst recht".

Strenggläubige aufrütteln

Die Ermordung des Jordaniers könnte aber noch eine andere Wendung nehmen und auch die fundamentalistischen, also streng gläubigen Muslime aufrütteln. Eine der führenden Autoritäten im sunnitischen Islam verurteilte die Ermordung Kasaeshbeh mit dem Argument, dass der Islam keine Verbrennung menschlicher Körper erlaube. IS habe also gegen den Glauben gehandelt. Damit entzog Scheich Ahmed al-Tayeb, der höchste Imam der Al Azhar Universität in Kairo und damit höchste geistliche Instanz der Sunniten, dem IS die Legitimation im Namen des Islam zu handeln, und rief zu einer "Kreuzigung der IS-Terroristen" auf. Das sind die härtesten Worte eines islamischen Würdenträgers gegen die Terrormiliz seit Ausrufung des Kalifats Ende Juni letzten Jahres. Tatsächlich sind Verbrennungen von Toten in den arabisch-islamischen Ländern nicht erlaubt. Auch wenn nicht-muslimische Ausländer in Arabien sterben, können sie nicht verbrannt werden. Krematorien gibt es schlichtweg keine. Einen Muslim bei lebendigem Leibe zu verbrennen, kommt daher einer christlichen Todsünde gleich.

Ijad Madani, der Vorsitzende der Organisation für islamische Zusammenarbeit (OIC), mit 57 Staaten der größte Block muslimischer Länder, bringt die Situation auf den Punkt, indem er die Mordmethoden des IS als Zeichen der tiefen Krise und des politischen Zerfalls im Nahen und Mittleren Osten benennt. Der Islam, "die große Religion der Gnade", werde immer häufiger missbraucht, so Madani in der saudischen Hauptstadt Riad. Dass auch mehrere führende Politiker der Golf-Emirate die Hinrichtungen durch die IS-Dschihadisten verurteilen und ihre Bereitschaft bekräftigen, Terrorismus und Extremismus in der Region zu bekämpfen, klingt dann doch eher wie Hohn. Denn ohne die tatkräftige finanzielle und moralische Unterstützung Saudi-Arabiens und Katars wäre der IS nie das geworden, was er ist. In Anlehnung an den in beiden Ländern praktizierten Wahabismus, einer extremen Ausrichtung des sunnitischen Islam, richtet die Terrorbande ihre Praktiken aus und organisiert den Alltag im Kalifat streng nach den Regeln der Scharia. Es bleibt abzuwarten, wie die Hüter der Heiligen Stätten Mekka und Medina in Saudi-Arabien sich zu dieser neuesten Gräueltat verhalten. Bisher kam nur wenig Kritik an den Machenschaften der islamistischen Gotteskrieger. Doch nur ein innerislamischer Diskurs kann die immer zahlreicher werdenden religiösen Fanatiker in die Schranken weisen. Militärische Reaktionen können nur einen Teil zur Bekämpfung dieser menschenverachtenden Truppe ausmachen. Man muss ihnen auch die religiöse Legitimation entziehen. Nur dann hat die Region eine Chance, dass etwas mehr Frieden einkehrt. Sollte der Tod des muslimischen Piloten das bewirken, wäre er nicht umsonst gestorben.

Wissen

Geiseltötungen werden von Dschihadisten seit Jahren zu Propagandazwecken eingesetzt. Die bekanntesten Fälle:

Pakistan, Februar 2002: Dem US-Journalisten Daniel Pearl wird laut "Washington Post" vor laufender Kamera der Hals durchgeschnitten.

Irak, April 2004: Islamisten erschießen den Italiener Fabrizio Quattrocchi. Der Mord wird gefilmt und ins Internet gestellt.

Irak, Mai 2004: Der US-Unternehmer Nicholas Berg wird enthauptet. Das Video, das die Tat zeigt, nennen die Täter "Abu Moussab al-Zarqawi schlachtet einen Amerikaner".

Saudi-Arabien, Juni 2004: Ein Film zeigt die Enthauptung des entführten US-Bürgers Paul Johnson durch Islamisten.

Irak, Oktober 2004: Der britische Ingenieur Kenneth Bigley wird vor laufender Kamera enthauptet. Einen Monat später taucht ein Video auf, das die Erschießung der muslimischen Britin Margaret Hassan zeigt.

Pakistan, Februar 2009: Extremisten filmen die Hinrichtung eines polnischen Ingenieurs.

Syrien, Juni 2013: Der syrisch-katholische Mönch Francois Mourad wird von Islamisten enthauptet. Nach Medienberichten stehen mehrere Menschen um das Opfer herum und filmen die Bluttat mit Handys.

Irak, Juli 2014: Der Islamische Staat (IS) filmt die Erschießung Dutzender Iraker. Laut "Spiegel" behaupten die Terroristen, die Opfer hätten für die Armee des Irak gekämpft.

Syrien, (vermutlich) August 2014: Ein Film zeigt die Hinrichtung des US-Journalisten James Foley. Im Abstand weniger Wochen tötet der Mörder Foleys auch noch den US-Journalisten Steven Sotloff sowie die britischen Entwicklungshelfer David Haines und Alan Henning.

Syrien, November 2014: Ein IS-Video zeigt den getöteten US-Entwicklungshelfer Peter Kassig.

Syrien, Jänner 2015: Innerhalb einer Woche enthaupten Terroristen des IS die in Syrien entführten japanischen Journalisten Haruna Yukawa und Kenji Goto.