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José Manuel am Werk

Von Hermann Sileitsch

Wirtschaft

Österreich als "Best-practice" für Europa.|Brüssel nimmt Anleihen bei der überbetrieblichen Berufsausbildung.


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Wien. Nervös? Warum sollte er nervös sein? Für Matthias ist es ein Tag wie jeder andere. Der 18-jährige Maschinenbau-Lehrling ist schließlich in seinem Metier; seine Werkbank hat der Metalltechniker im Griff. Und wer das ungeliebte Werkstück-Feilen am Anfang der Lehrausbildung hinter sich gebracht hat, wird auch mit einem EU-Kommissionspräsidenten fertig. Der heißt José Manuel Barroso und hat am Montag seinen Besuch in Wien-Brigittenau angesagt.

Barroso ist gekommen, um selbst etwas zu lernen. Österreich rühmt sich in Brüssel einer der EU-weit niedrigsten Arbeitslosigkeitsquoten bei Jugendlichen. Deshalb durfte Kanzler Werner Faymann beim EU-Gipfel als Spitzenredner auftreten, deshalb darf Barroso mit Faymann und Sozialminister Rudolf Hundstorfer die Ausbildungsstätte "Jugend am Werk" besuchen, um Österreichs Erfolg auf die Schliche zu kommen.

Der Kommissar geht um

Eigentlich hat die EU-Kommission soeben "Action-Teams" in acht Länder wie Spanien, Griechenland oder die Barroso-Heimat Portugal geschickt, wo besonders viele Jugendliche ohne Job sind. Dort sollen die Brüsseler Experten mit Rat und Tat zur Seite stehen. Nicht so in Österreich: Wir brauchen keine Tipps, sondern können selbst verschwenderisch damit umgehen.

Bei "Jugend am Werk" in der Lorenz-Müller-Gasse werden Jugendliche ausgebildet, die sonst keine Lehrstelle gefunden hätten. Warum wird gerade diese Werkstätte besichtigt? Tradition, vermutet einer der Leiter des Hauses: Für den Standort wurde 1958 der Grundstein gelegt. Erste Ausbildungsstätten der Gewerkschaft gab es da freilich schon länger - sie entstanden noch 1945. Bei "Jugend am Werk" im 20. Wiener Bezirk werden heute 240 Jugendliche im Alter von 15 bis 21 Jahren ausgebildet - in den Bereichen Metall, Holz und Elektrotechnik.

Eine PR-Mitarbeiterin des Kanzlertrosses hat eine eher pragmatische Erklärung, warum die gemeinnützige Organisation ausgesucht wurde: "Irgendwo gleich in der Nähe war noch ein weiterer Termin geplant." Dass für Barroso ein Besuch bei der nahe gelegenen (aber notorisch EU-fernen) "Kronen Zeitung" auf dem Programm gestanden wäre, dürfte übrigens nur ein Gerücht sein.

Ein Fachausbildner wiederum hat seine eigene These, warum die hohe EU-Repräsentanz nach Brigittenau gelotst wurde: "Bei uns kann man einen schönen Rundgang machen. Und wir haben ziemlich moderne Maschinen da stehen", erklärt er - und betet auf Nachfrage den Preiskatalog runter. "Die dort kostet 75.000 Euro, die hier vorne 40.000 Euro - alles vollautomatisch mit Stellmotoren gesteuert."

Vor dem 75.000-Euro-Gerät, das noch kaum Gebrauchspuren aufweist und Spanplatten fertigt ("Die kosten 160 Euro das Stück; jetzt machen wir sie uns selbst") erklären zwei weibliche Lehrlinge dem hohen Besuch freundlich ihre Aufgabe. Was sie sagen, hört man schon aus wenigen Metern Entfernung nicht mehr, dazu ist die Maschine zu laut. Barroso jedenfalls lauscht und lächelt. Den Besichtigungsparcour absolviert er routiniert: Erkundigt sich nach Tätigkeiten, erfragt das Alter, schüttelt Hände. Bisweilen wirkt er, nun ja, etwas abwesend. Anders Sozialminister Rudolf Hundstorfer: Er zelebriert das Heimspiel, kommt aus dem Händeschütteln kaum heraus - und muss von seinem Kanzler für Fotos eingefangen werden.

Kurze Sprach-Verwirrung

Dann, unvermeidlich, ist Barroso selbst gefordert: Ob sich der EU-Chef an der Werkbank geschickt anstellt, entzieht sich leider der Beurteilung. Die Ausbildner waren gnädig und haben nicht wirklich Schweißtreibendes ausgewählt: Kurz die Schutzbrille auf, hier ein Schräubchen gedreht, dort einen Hebel umgelegt. Alles, um Brüssel ein Stück näher zu den Menschen zu bringen.

Die Jugendlichen meistern ihren Auftritt vor der Presse mit Bravour. Als der Tross bei Matthias Halt macht, erklärt er Faymann und Barroso engagiert seine Arbeit. Dass der Portugiese unerwartet nach einem fertigen Werkstück fragt, bringt ihn ebenso wenig aus dem Konzept. Matthias lässt sich höflich entschuldigen, verschwindet kurz und kehrt mit einem Metallflansch zurück. Ein einziges Mal kommt er ins Stocken: "Was heißt schnell Meißel auf Englisch?" Ratlosigkeit auch in des Kanzlers Entourage.

Barroso scheint das kleine Wissensmanko zu verschmerzen. Faymann betont noch einmal die heimische Ausbildungsgarantie für Jugendliche über 15 Jahren, lobt die duale Ausbildung und das funktionierende Lehrlingssystem. Nach einer halben Stunde hat Barroso genug gesehen. Bevor er im Blaulicht-Konvoi abfährt, zieht er vor sanierungsbedürftigen Wohnsilos kurz Resümee: Österreich ein Best-practice-Modell - EU-weiter Bedarf an besserer Ausbildung - der Fachkräftemangel bietet auch Jobchancen.

Matthias macht sich wenig Sorgen um seine Zukunft, seine Qualifikation ist gefragt. Notfalls würde er auch umsatteln: "Gehst jetzt in die Politik, oder was?", flachsen Kollegen. Der Konter kommt selbstbewusst und mit breitem Grinsen: "Na sicher, in fünf Jahren bin ich im Parlament!"