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Jugend ohne Zukunft

Von Franziska Peschel

Reflexionen
Mutter-Theresa-Boulevard, Pristina: Der Kosovo hat die jüngste Bevölkerung Europas.
© Atdhe Mulla

Zehn Jahre nach seiner Unabhängigkeit ist der Kosovo heute zwar modern, die Bevölkerung aber arm und perspektivlos.


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In jeder Faser von Ardi Hasanis Wintermantel nistet sich der beißende Geruch von Autoabgasen und Holzkohle ein. Sobald an Wintertagen die Dämmerung einbricht, kriecht der Smog in die Straßen von Pristina. Hasani läuft den Mutter-Theresa-Boulevard entlang, die Fußgängerzone und das Herz des Stadtlebens. Er betritt ein Café in einer Seitenstraße, schließt die Tür hinter sich, die Stadtluft lässt er draußen. Hasani ist 26, trägt kurze braune Haare, einen feinmaschigen dunkelblauen Strickpullover, Jeans. Er setzt sich an einen runden Holztisch, ein vollgepacktes Bücherregal im Rücken, begrüßt den Kellner mit Handschlag, bestellt einen Kaffee, wartet auf seine Freunde. Der Laden ist voll. Viele junge Leute in Langarmshirts fläzen in Sesseln, im Hintergrund läuft leise Jazzmusik. Sie sitzen hier fast jeden Tag, trinken Kaffee, Tee, Bier. Hier oder in einem anderen Lokal in der Nähe des Boulevards.

Später werden Hasani und seine Freunde in einem Club oder im Jazzkeller um die Ecke absteigen, der gegen 23 Uhr die Tür öffnet. Vom Vormittag bis in die Nacht ist der Boulevard im Stadtzentrum voll von Menschen, die flanieren und Tavernen und Cafés ansteuern, viele von ihnen in den Zwanzigern. Nachmittags erobern junge Eltern die Fußgängerzone, mit Kinderwagen und Kleinkindern an der Hand. Es scheint, als liefen sie den ganzen Tag vom einen Ende des 600 Meter langen Boulevards zum anderen und zurück, so voll ist es durchgehend.

Hohe Geburtenrate

Die Hauptstadt des Kosovo, die kaum 210.000 Einwohner hat, ist lebendig und quirlig. Aus den Radios der Lokale und Autos schallt albanischer Hip-Hop. Die Cafés sind genauso modisch wie jene in Wien Neubau. In den Straßen tummeln sich junge Menschen mit jungen Ideen, die darauf warten, die Welt zu verändern. Viele sprechen Englisch und Deutsch, plaudern über Musik, Politik und Europa, träumen von Visafreiheit für den Schengenraum.

Der Kosovo hat die jüngste Bevölkerung Europas. Die Hälfte der Kosovaren ist nach Angaben der Austrian Development Agency jünger als dreißig Jahre. Grund dafür ist vor allem die hohe Geburtenrate in diesem mehrheitlich muslimischen Land. Außerdem liegt die Lebenserwartung nur bei knapp siebzig Jahren.

Die Jugendlichen haben Ideen, die noch vor dem Aufblühen ersticken, da es dafür keinen Raum gibt. Lieber würde Ardi Hasani seine Zeit anders verbringen als damit, den ganzen Tag rumzuhängen, "arbeiten, irgendetwas Sinnvolles machen", sagt er. Aber er hat aufgegeben, eine Stelle zu suchen. "Es gibt einfach nichts zu tun." Dabei hat er einen Abschluss in Wirtschaft von der Universität Pristina.

Wie Hasani geht es vielen Kosovaren. Die jungen Leute haben keine Perspektive, unabhängig davon, was sie gelernt, ob sie studiert oder eine Ausbildung haben. In Innsbruck und München werden Ideen und Projekte an den Unis geboren, in Pristina gibt es dafür keinen Platz. Wenige Menschen sind auf dem tristen Campus der Universität zu treffen. Es gibt in den Fakultäten kaum Orte, wo sie sich aufhalten könnten. Die Hoffnung auf Stipendien oder sonstige Ausbildungsförderung bleibt ungehört. "Wenn du niemanden kennst in der Stadtverwaltung oder der Regierung, kannst du der beste Student der Fakultät sein, es hilft dir nicht", sagt Miradin Bajri. Er ist Projektleiter im Jugendzentrum der Diakonie im Norden des Kosovo.

"Die Menschen hier finden zehn Monate lang keine Arbeit und wissen nichts mit sich anzufangen", sagt er. Die Jugendarbeitslosigkeit lag 2016 über fünfzig Prozent, in einigen Regionen, besonders im Norden des Landes, gar bei siebzig. Das Zentrum der Diakonie liegt in Mitrovica, einer der ärmsten Regionen des Landes. "Besonders die jungen Leute hier sind die Verlierer", erklärt Bajri. "Warum die Uni abschließen? Warum zur Schule gehen? Jeder Traum davon, dass die Lage sich verbessert, löst sich auf."

Geld aus der Diaspora

Die meisten jungen Menschen wohnen in den Häusern und Eigentumswohnungen ihrer Familien. Mieten können sie nicht bezahlen. Jede vierte Familie hat einen Onkel, einen Bruder oder Vater, der in der EU arbeitet und Geld nach Hause schickt. Überweisungen aus der Diaspora machen 15 bis zwanzig Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Kosovo aus. Wer in Mitrovica Arbeit findet, bekommt oft keinen Vertrag und ist nur kurzfristig beschäftigt.

"Die Leute haben nichts. Trotzdem sind sie herzlich, plaudern und lachen. Was sollen sie sonst tun? Sie haben sich daran gewöhnt, von siebzig Euro im Monat zu leben", sagt Miradin Bajri. Aber dass sie sich mit ihrem Schicksal abfinden, findet er schlimmer als jede Rebellion. Vor zehn Jahren war die Stimmung im Kosovo eine andere. Am 17. Fe-bruar, einem Sonntag, feierten die Menschen die Hoffnung. Der Kosovo hat seine Unabhängigkeit von Serbien ausgerufen, die Straßen der Hauptstadt waren voller Menschen. Wer ein Auto hatte, hupte, die Fußgänger zogen singend durch die abgesperrten Straßen, tanzten vor dem prestigereichen Grand Hotel Pristina auf dem Boulevard, Feuerwerke erhellten den Himmel. Endlich sollte es bergauf gehen, endlich sollte man ein selbstbestimmter Staat sein.

Fast neun Jahre lang hatten die Kosovaren im Protektorat unter Verwaltung der UN gelebt. Auch die Wunden, die der zweijährige Krieg hinterlassen hatte, waren noch keine zehn Jahre alt und seine Schrecken gegenwärtig.

Immer wieder flimmerten die Spannungen zwischen den Albanern und Serben in Form von Gewalttaten auf, die Angst vor einer abermaligen Eskalation entflammte mit jedem Angriff neu. Die Arbeitslosigkeit lag bei 52 Prozent, die Wirtschaft am Boden, das Staatswesen, sofern vorhanden, war unter Kontrolle der UN. Die Unabhängigkeit, ausgehandelt mit Hilfe der UN, sollte all das ändern und den Kosovaren ihre Freiheit geben. Der neue Staat war eine Perspektive. Die neue Flagge sollte ein Zeichen der Zukunft sein: Der goldene Umriss des Landes auf EU-blauem Grund. Die sechs Sterne darüber stehen für Albaner und Serben, Bosniaken, Roma und die anderen Minderheiten, die gleichberechtigt zusammenleben. Zur Feier der Unabhängigkeit erklärte Präsident Hacim Thaçi, der Kosovo sei jetzt offiziell gleichberechtigter Teil der europäischen Familie.

Heute ist die Euphorie verflogen. Das neue Blau ist in den Straßen wieder dem albanischen Rot gewichen. In Autofenstern, auf Souvenirs, in Vorgärten prangt der doppelköpfige Adler auf rotem Hintergrund. In zehn Jahren haben sich die Arbeitslosenzahlen wenig verändert, die Wirtschaft liegt brach. Kaum ein ausländisches Unternehmen investiert im Kosovo. Fährt man durch das Land, sieht man unfertige Häuser sich aneinanderreihen. Unverputzte Mauern, fehlende Fenster, Schutt und Baugeräte, dazwischen überall Müll.

Viel Korruption

In der Hauptstadt gibt es kein innerstädtisches Verkehrsnetz, keine Busse, keine Tram. Das Grand Hotel Pristina, der sozialistische Bau, verfällt in bester Lage zu einer Ruine. Auf der Straße betteln Roma-Kinder. Viele von ihnen leben in Siedlungen ohne Zugang zu Strom und Wasser.

Miradin Bajri meint, die Regierung kümmere sich absichtlich nicht darum: "Sie halten die Leute klein, damit sie nicht genug Kraft haben zu rebellieren, während die Funktionäre sich die Taschen mit EU-Geldern vollstopfen." Im Korruptions-Ranking von Transparency International belegte der Kosovo im Jahr 2016 Platz 95, gleichrangig mit Argentinien und Sri Lanka. Zehn Jahre sind vergangen, in denen sich kaum etwas verändert hat - obwohl diverse Missionen der EU und UN seit Jahren das Ziel verfolgen, den Aufbau im Kosovo voranzutreiben.

Von 2014 bis 2020 investiert die EU-Kommission 645,5 Millionen Euro im Kosovo. Die Mittel werden größtenteils vom Büro der EU in Pristina an staatliche und kommunale Stellen, Unternehmen und NGOs vergeben, die sichdarum bewerben können. 94,2 Millionen davon gehen in den Aufbau von Beschäftigung, Sozialpolitik und Bildung. Überwacht werden die Investitionen von EU-eigenen wie externen Institutionen. Dennoch fragen sich die Menschen vor Ort, wo diesesGeld ankommt. In der Vergangenheit gerieten selbst EU-Einrichtungen im Kosovo immer wieder unter Korruptionsverdacht. Besonders der Skandal um die Mission Eulex hat den Ruf der EU erschüttert. Im Jahr 2014 wurde bekannt, dass einige der Richter und Staatsanwälte aus EU-Staaten, die bei der Stabilisierung der Justiz im Kosovo helfen, Bestechungsgelder angenommen hatten. Noch weniger Vertrauen besteht in die Beamten der kommunalen und staatlichenBehörden.

Misstrauen bleibt

Gerade erst hat die EU-Kommission ihre neue Westbalkan-Strategie vorgestellt. Angepeilt ist etwa ein EU-Beitritt Serbiens und Montenegros bis zum Jahr 2025. Danach sollen Albanien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und der Kosovo folgen. Wichtig für die Vorbereitung seien jedoch wirksame Reformen zur Bekämpfung der Korruption, für die sich auch die Europäische Union laut Strategiepapier verstärkt einsetzen möchte. EU-Kommissar und ÖVP-Politiker Johannes Hahn betonte bei der Veröffentlichung in Straßburg jedoch, dass der Plan sehr ambitioniert sei und stellte eindeutig klar: "Die EuropäischeUnion wird niemals ein Mitglied akzeptieren, das seine bilateralen Konflikte nicht gelöst hat."

Damit rückte er das immer noch ungeklärte Verhältnis in den Fokus, in dem der Kosovo zu Serbien steht und forderte den Kosovo auf, proaktiv an einer gemeinsamen Lösung mit Serbien zu arbeiten. Der Kosovo sieht auf seinem Weg in die EU also einen Berg an Herausforderungen vor sich. Doch noch vor diesem Berg liegt die unüberwindbare Schlucht zwischen Pristina und Belgrad.

Immerhin sind die Gewalttaten zwischen den ethnischen Gruppen zurückgegangen. Die Soldaten der EU-Mission KFOR, die in brenzligen Regionen den Frieden sichern sollen, gehen vor ihren dunkelblauen Panzerfahrzeugen auf und ab, Langeweile steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

Inzwischen ist eine Generation erwachsen, die die Gräueltaten, die sich Serben und Albaner gegenseitig angetan haben, nur aus Erzählungen kennt. Ein Misstrauen untereinander herrscht dennoch. Die Jugendarbeit der NGOs in den Städten setzt bei den Gemeinsamkeiten der jungen Leute an. Zynisch bemerkt Miradin Bajri: "Die Jugendlichen merken, weder in Belgrad noch in Pristina oder Brüssel interessiert man sich für sie. Da haben sie schon eine Gemeinsamkeit."

Die meisten jungen Leute, die zu Bajri kommen, haben ein Ziel: Deutschland, Österreich, die Schweiz. Ardi Hasani möchte jetzt Deutsch lernen und hofft, endlich ohne Visum in die EU reisen zu dürfen. Er kann sich keine Zukunft im Kosovo vorstellen.

Franziska Peschel hat Romanistik mit Schwerpunkt europäische Integration in Köln studiert und arbeitet als freie Journalistin in Reutlingen.