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Jusfächer werden mehr vernetzt

Von Stefan Beig

Politik

Erwünscht sind mehr Praxisnähe und Wirtschaftskompetenz. | Neuer Dekan Mayer: "Die Studenten fangen zu spät zu lernen an." | Wien. "Der Studienplan von 1999 war ein riesengroßer Kompromiss", stellte Walter Rechberger, Professor für zivilgerichtliches Verfahren und derzeit noch Dekan der Jus-Fakultät an der Uni Wien, am Dienstagabend in einer Podiumsdiskussion im Wiener Juridicum fest: "Seine Aufhebung ist kein Grund zur Trauer."


Ob der neue, Mitte Mai beschlossene Studienplan konkrete Vorteile hat, wurde intensiv diskutiert. Organisator war die Juristenplattform "zepra - Universität und Praxis", die eine bessere Vernetzung von Rechtswissenschaft und juristischer Praxis anstrebt.

Der Entwurf zum neuen Studienplan stammt von Heinz Mayer, Professor für öffentliches Recht, der nun Rechberger als Dekan nachfolgt. Im neuen Plan gehe es vor allem um eine stärkere Vernetzung von zusammengehörigen Fächern, erklärte Mayer. Europa- und Völkerrecht im ersten Abschnitt sollen zu einer weniger isolierten Sicht des nationalen Rechts führen. Rechtsgeschichte wird ab jetzt mit einer Einführung in das allgemeine bürgerlichen Recht und Strafrecht kombiniert. "Der zweite Abschnitt wird sehr intensiv. Wer Lehrveranstaltungen nicht parallel besucht, wird viel Zeit verlieren."

Um mehr juristische Praxis zu vermitteln, müssen vor mündlichen Prüfungen künftig Pflichtübungen zum jeweiligen Fach besucht werden. Auch auf mehr ökonomische Kompetenz wird geachtet: das Steuerrecht wird von Bilanzrecht und Betriebswirtschaftslehre begleitet, und Finanzwissenschaft wurde als neues Fach eingeführt. Reduziert wurden hingegen die geschichtlichen Fächer.

Intensivere Prüfung

in der Eingangsphase

Für die Einführungslehrveranstaltung ist eine intensivere Prüfung vorgesehen. "Der Studienanfänger soll erfahren, was ihn erwartet", so Mayer, er soll feststellen, ob die Juristerei das Richtige für ihn ist. Zuletzt unterstrich Mayer die Wichtigkeit der Wahlfächer, die von den Studierenden gut genützt werden sollten.

Die Diskussionsteilnehmer lobten vor allem die stärkere Vernetzung der Fächer. Es sei wichtig, dass angehende Juristen den Zusammenhang zwischen verschiedenen Rechtsgebieten besser verstehen. "Ein juristisches Fach kommt in der Realität nie isoliert vor", meinte etwa Dorit Primus, Richterin am Oberlandesgericht. Gemeinsam mit Eva Machart, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Centro-Bank AG, unterstrich sie, dass Juristen für den Alltag ein gutes Methodenverständnis benötigen. Dann könnten sie sich neues juristisches Wissen schneller aneignen.

Gerhard Benn-Ibler, der Präsident des Österreichischen Rechtsanwaltskammertages, vermisste kommissionelle Prüfungen, bei denen mehrere Fachgebiete gleichzeitig geprüft werden. Zuletzt scheiterte dieser Vorschlag am Widerstand der Studentenvertretung. Weniger glücklich ist Benn-Ibler auch über die mangelnde Vergleichbarkeit der verschiedenen Jus-Studien Österreichs. Ansonsten betonte er, dass Jus ein universelles Studium bleiben müsse. Unter diesem Gesichtspunkt sei der neue Entwurf gelungen.

Peter Kunz, Rechtsanwalt und Vorstandsmitglied von zepra, kritisierte, dass die immer wichtiger werdende Kenntnis lebender Fremdsprachen zu wenig forciert wird. Latein sei hingegen entbehrlich. Auch hält Kunz eine Vermittlung der Grundzüge des anglo-amerikanischen Rechtssystems für sinnvoll und wünscht sich noch mehr Wirtschaftskompetenz. Gewisse amerikanische Trends sollten nach Kunz auch in Österreich Einzug finden. "An einigen law schools gibt es bereits Professoren, die nichts anderes tun, als Juristen Verhandlungsfähigkeit beizubringen."

Den Einwand einer Studentin, dass der ohnehin schon riesige Lernumfang eines Faches noch mehr ausgeweitet wird, konnte Heinz Mayer nicht akzeptieren. "Die Studenten fangen zu spät zu lernen an. Wer gleich nach der ersten Vorlesung beginnt, hat kein Problem. Es würde auch meine Kapazitäten überschreiten, in nur zwei Monaten das zivilgerichtliche Verfahren zu erlernen." Dass Englisch heute notwendig ist, bestritt Mayer nicht. Allerdings müssten sich die Studierenden selber abseits des Studiums darum kümmern. "Wir können nicht alles in den Studienplan integrieren."

Langfristig führt an

Bologna kein Weg vorbei

Dem "Bologna-Modell" eines Bachelor/Master-Studiums folgt der neue Studienplan nicht. Die Juristen setzen nach wie vor auf das bewährte Diplomstudium mit Magistertitel. Freilich lassen einige Juristen hinter vorgehaltener Hand durchblicken, dass an dem "Bologna-Prozess" früher oder später kein Weg vorbeiführt. Ob der Wunsch von Heinz Mayer, dass dem neuen Studienplan eine längere Lebenszeit als dem alten beschieden sein wird, in Erfüllung geht, ist daher mehr als ungewiss.