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Justine Lévy

Von Verena Mayer

Reflexionen

Justine Lévy, die Tochter des französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy, über ihr Familienleben, ihre Tätigkeit als Romanautorin - und ihr Verhältnis zu Carla Bruni und Präsident Sarkozy.


Wiener Zeitung: Frau Lévy, Sie haben einen Präsidenten, der den Geheimdienst in Bewegung setzt, weil jemand das Gerücht verbreitet, seine Frau Carla Bruni hätte eine Affäre. Was ist los mit Frankreich? Justine Lévy: Dass ein Präsident den Geheimdienst für seine persönlichen Zwecke einsetzt, das gab es schon unter Mitterand. Der Unterschied ist, dass es heute jeder weiß. Früher hat man sich in gewissen Kreisen zugeflüstert, dass Mitterand eine versteckte Tochter hat. Heute ist alles transparent, und die Bettgeschichten stehen in der Zeitung.

Ist diese Transparenz denn ein Fortschritt?

Ich finde, die Sexualität des Präsidenten hat uns egal zu sein. Er hat das Recht darauf, so treu oder untreu zu sein, wie er will. Er ist ein leistungsfähiger Politiker mit einem vielleicht ausschweifenden Privatleben, aber das sollte man gelassener sehen. Wobei ich weiß, dass wir im Ausland manchmal lächerlich wirken.

Kann man einem solchen Politiker vertrauen?

Natürlich, warum sollte man nicht? Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich habe Sarkozy nicht gewählt und ich bin normalerweise die Erste, die schlecht über ihn spricht. Aber ich sehe hier keine so große Affäre, das wird doch alles hochgekocht.

Sarkozy mobilisiert Gott und die Welt, um einen Blogger stoppen, der behauptet, Carla Bruni habe ein Verhältnis mit dem Sänger Benjamin Biolay. Und Journalisten verbietet er gerne den Mund. Finden Sie das auch keine große Affäre?

Auch hier glaube ich, dass dies früher nicht anders war. Alle Präsidenten haben versucht, die Medien zu kontrollieren. Nur bekommen es jetzt alle mit, was im Umkehrschluss heißt, dass Sarkozy die Medien viel weniger unter Kontrolle hat als seine Vorgänger, die ihre Fäden diskret im Hintergrund gezogen haben. Es gibt nun andere Kräfte, die sich erheben, Journalisten, die berichten, voilà, das ist ein Fortschritt.

Ihre Schriftstellerkollegin Marie NDiaye ist 2007 nach Berlin gezogen, weil sie fand, Sarkozy vergifte Frankreich. Haben Sie einen ähnlichen Schritt überlegt?

Bevor Sarkozy Präsident wurde, waren solche Überlegungen regelrecht in Mode. "Si Sarkozy passe, je me casse" , lautete ein beliebter Spruch: Sarkozy kommt - ich gehe. Am Ende ist dann aber niemand gegangen außer Marie NDiaye. Offiziell haben wir gesagt, wir bleiben, um zu kämpfen, aber eigentlich sind wir noch da, weil es nicht so schlimm ist. Sarkozy ist kein Faschist. Er ist ein rechter Politiker und seine Ausländerpolitik ist entsetzlich. Aber es gibt andere Kräfte, und bald wird ja wieder gewählt.

Was hat sich verändert, seit Sarkozy an der Macht ist?

Die Politik in Frankreich ist schon spektakulärer als früher. Aber das kann auch an der Veränderung der Gesellschaft ganz allgemein liegen, am Bedürfnis nach Informationen, nach Selbstdarstellung. Wer weiß, wie Ségolène Royal regiert hätte.

Sie selbst müssen doch einen ganz speziellen Blick auf das Präsidentenpaar haben. Ihr Ex-Mann Raphaël, Sohn des Philosophen Jean-Paul Enthoven, hat Sie einst wegen Carla Bruni verlassen.

"Ich könnte auch gut leben, ohne zu schreiben": Justine Lévy. Foto: corbis

Ach wissen Sie, das war schmerzvoll, aber diese Geschichte ist zehn Jahre her. Inzwischen habe ich geheiratet, zwei Kinder bekommen und Bücher geschrieben.

In Ihrem Roman "Nicht so tragisch" verarbeiten Sie diese Episode. Die Ich-Erzählerin ist glücklich mit ihrem Mann, bis eine gewisse Paula auftaucht, die "Männerfresserin". Die noch dazu mit dem Vater des Ehemannes liiert ist.

Das ist die eigentliche Geschichte, die ich erzählen wollte. Über eine moderne Phädra, eine Frau, die mit dem Vater kommt und mit dem Sohn geht. Besagte Paula kommt in dem Roman übrigens auf zwei Seiten vor.

Trotzdem hat das Buch 2004 unglaublich eingeschlagen und wurde weltweit 500.000 Mal verkauft. Hatten Sie mit einer solchen Wirkung gerechnet?

Nein, ich war total naiv. Zu dieser Zeit lief ein Film, in dem eine an Carla Bruni angelehnte Figur auftrat und ganz schlecht rüberkam. Es gab auch ähnliche Bücher wie meines - aber niemand hat eine Verbindung hergestellt. Ich hatte nicht erwartet, dass die Geschichte das kleine Milieu verlässt, in dem mein Ex-Mann und ich uns bewegten. Aber dadurch hat sich das Buch doppelt so gut verkauft, und ich sage dankeschön.

Ihr Ex-Mann glaubt, Sie seien eine gute Autorin, aber Sie wären aus den falschen Gründen bekannt geworden.

Vielleicht hat er Recht. Ich habe Briefe von Leuten bekommen, die sagten, sie hätten das Buch nur gekauft, weil sie dachten, etwas über diese und jene Person zu erfahren. Tja, Pech gehabt.

War Ihr Ex-Mann sauer?

Am Anfang nicht, später schon. Jetzt haben wir keinen Kontakt mehr, wir haben unsere eigenen Leben.

2007 angelte sich Carla Bruni dann den Präsidenten - empfindet man da nicht ein bisschen Schadenfreude?

Das war schon sehr weit weg von mir, ich war ein Beobachter wie alle anderen auch. Aber klar, ich fand das zum Zerkugeln.

Werden Sie oft auf das angesprochen, was in Ihren Büchern steht?

Die Leute fragen meistens: Ist das wahr, was Sie schreiben?, und ich antworte dann je nach Tagesverfassung.

Marguerite Duras sagte einmal, nichts sei wahrer als das, was sie in ihren Romanen erfunden hat.

Wenn man über sich selbst schreibt, ersetzt man zwangsläufig eine Realität durch eine andere, bis man eine Art Hyper-Realität erhält. Wenn ich leide, leide ich; wenn ich darüber schreibe, bin ich schon in der Interpretation, in der Lüge. Aber sind die Erinnerungen der Dinge weniger real als die Dinge selbst? Ich glaube, die Existenz ist so, wie man sie formuliert. Sie existiert nicht aus sich selbst heraus.

Ihr neuer Roman, "Schlechte Tochter", handelt davon, dass Ihre Mutter stirbt, während Sie selbst Mutter werden. Was war für Sie die prägendere Erfahrung, der Tod oder die Geburt?

Es ist eigentlich das Gleiche, es hat auch etwas Tödliches, Leben zu schenken. Man muss sich von so vielem verabschieden, etwa dem Leben, das man früher hatte. Oder davon, Hals über Kopf abzuhauen, Drogen nehmen zu können. Sterben und Geburt, das sind kommunizierende Gefäße. Zumal ich Frauen nicht verstehe, die behaupten, die Geburt ihres Kindes sei der schönste Moment ihres Lebens. Das ist doch der schlimmste Moment im Leben einer Frau. Geburt, das heißt Blut, Schmerz, Tränen, Krisen. Ein Tschernobyl für die Seele, die Familie, die Beziehung.

Die Psychoanalytikerin Corinne Maier hat in ihrem Buch "No Kid - 40 Gründe, keine Kinder zu haben" geschrieben, auf französischen Müttern laste ein unglaublicher Druck, gleichzeitig erfolgreich, mütterlich und begehrenswert zu sein. Wie sehen Sie das?

Ja, in Frankreich wird eine atemberaubende Menge "Prozac" verkauft und viele Frauen nehmen Antidepressiva. Aber keine Frau, die eine Karriere hat und schön ist und Bauch-Beine-Po macht, ist verpflichtet, eine perfekte Mutter zu sein. Es wäre auch für die Männer ganz gut, wenn es die Frauen lockerer angingen, wenn sie mehr delegieren würden.

Ihre Mutter, das Modell Isabelle Doutreluigne, galt zu ihrer Zeit als "die schönste Frau der Welt". Wie war es, mit einer solchen Mutter aufzuwachsen?

Sie war unkonventionell. Ungezwungen, auf der Suche nach extremen Erfahrungen. Sie nahm Drogen, wollte Revolution machen, ein Kind ihrer Zeit sein. Das war für sie alles wichtiger, als ein Kind zu haben. Ich hatte immer das Gefühl, erst an zweiter Stelle zu kommen, weil es eben Wichtigeres gab. Was sicher keine schlechte Erfahrung für ein Kind ist, aber ich hätte mir gewünscht, dass sie mir zumindest hin und wieder vorspielt, ich sei der Mittelpunkt der Welt.

Stimmt es, dass Ihre Mutter ein Jahr im Gefängnis war?

Das habe ich erst viel später erfahren. Als ich ein Kind war, wollte mich mein Vater, bei dem ich damals gelebt habe, vor der Wahrheit schützen. Bevor meine Mutter Freigang hatte, ist er immer in ihre Wohnung gefahren, hat alles hergerichtet und geputzt und mich dann hingebracht. So, als wäre alles wie immer. Oder man hat mir gesagt, dass sie verreist sei und dass sie eine Arbeit in Disneyworld habe.

Was hatte sie verbrochen?

Es war nicht so schlimm, eine Art Einbruch. Sie wollte mit ihren Kumpels zusammen sein. Einer von ihnen war Schlosser, und da sind sie in ein Haus durch den Keller eingestiegen, in dem es viele Flaschen guten Weins gab. Den haben sie getrunken und sind eingeschlafen.

Ihr Vater ist der Philosoph Bernard-Henri Lévy, bekannt für seine Kritik an der Linken und am islamischen Fundamentalismus. Sie sagten einmal, dass Ihre Eltern Ihnen die Politik verleidet hätten, weil sie selbst so politisch waren.

Als ich klein war, hatten meine Eltern wenig Geld, und ich war dabei, wenn sie ihre Demos organisierten und die großen Debatten, wie man die Welt ändern könne. Aber man merkt schon als Kind, dass sich die Welt nicht ändert. Später haben sie sich getrennt und gegeneinander gearbeitet. Mein Vater wandte sich vom Maoismus ab, meine Mutter radikalisierte sich. Sie glaubte an die Politik der verbrannten Erde, dass nichts so überleben darf, wie man es kennt. Sie bewunderte die Leute der Baader-Meinhof-Bande, es gab deswegen Schreiduelle mit Papa. Sie hat zwar keine Bomben geworfen, aber sie stand Leuten sehr nahe, die das taten. Mit Politik habe ich also nicht viel am Hut. Ich mache das Minimum, ich gehe wählen.

In Deutschland werden die Kinder der 68er gerne "Generation Golf" genannt, weil sie unpolitisch, spießig und auf Sicherheit bedacht seien. Wie ist das in Frankreich?

Oh ja, wir sind auch spießig und ziemlich reaktionär, alles soll geregelt sein. Ich persönlich hasse Überraschungen, und ich will auch gar nichts erleben. Ich habe den Eindruck, dass meine Eltern ohnehin schon alles erlebt haben und dass es also für mich nicht mehr viele Erfahrungen zu machen gibt.

Diskutieren Sie mit Ihrem Vater über Politik?

Ich höre ihm zu und bin meistens seiner Meinung, weil ich eine brave Tochter bin. Zudem hätte ich ihm intellektuell nicht viel entgegenzusetzen. Meine Eltern gaben mir das Gefühl, dass ich es erst gar nicht versuchen müsste, auf diesem Feld mit ihnen zu konkurrieren

Ihr Vater und Ihre Mutter kommen immer wieder in Ihren Büchern vor. Ist es nicht beklemmend, über die eigenen Eltern zu schreiben? Mich blockiert es eher, Sexszenen zu schreiben, wenn ich weiß, dass meine Eltern mir über die Schultern gucken. Ich stelle sie mir immer lesend vor, also passe ich auf, was ich schreibe. Mein Vater kann mit Sticheleien gut umgehen, er ist der Meinung, dass Schriftsteller alle Rechte haben. Dass ich ihn mir vorstellen darf, wie ich will. Meine Mutter hat in meinen Texten immer Grammatikfehler verbessert und Kommata umgestellt.

Haben Sie irgendwann gegen Ihre berühmten Eltern rebelliert?

Nein, warum? Sie haben gemacht, was sie konnten, und ich merke ja selbst, wie schwer es ist, Eltern zu sein.

Charlotte Gainsbourg, als Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin ebenfalls mit berühmten Eltern aufgewachsen, sagte einmal, sie bedaure es, sich nicht aufgelehnt zu haben. Weil man klein bleibt.

Das stimmt, aber ich mag das. Leider kann man kein Kind mehr sein, wenn man selber welche hat. Aber ich bleibe zumindest das Kind meiner Eltern. Wenn ich mit meinem Vater zusammen bin, bin ich Kind. Ich bin nicht sehr erwachsen, ich habe die Führerscheinprüfung nicht geschafft, ich brauche immer jemanden, der für mich Verantwortung übernimmt. Diese Elternrolle hat jetzt mein Ehemann übernommen. Meine kleinen Versuche zu rebellieren, sind auch deshalb ins Wasser gefallen, weil ich gerne beschützt werde.

Wir sitzen in Ihrem Verlag am Jardin du Luxembourg in Paris, wo Sie unverlangt eingegangene Manuskripte lesen. Hat man, wenn man selbst schreibt, eigentlich Hemmungen, Absagen zu erteilen?

Ich bekomme viel Fantasy, historische Romane, Memoiren älterer Herren. Das rührt mich immer sehr an, wie viel Herzblut in diesen Texten steckt. Bei den Absagen verstecke ich mich dann stets ein bisschen und schreibe: "Wir, das Lektoren-Komitée, müssen Ihnen leider mitteilen . . ."

Hätten Ihre Manuskripte auch in so einem Stapel landen können, wenn Sie einen anderen Namen hätten?

Bei meinem ersten Buch war es sicher so, da hätte es nicht so großes mediales Interesse gegeben. Andererseits habe ich keine Lust, mich vom Schreiben abhalten zu lassen unter dem Vorwand, dass die Leute glauben, es sei für mich leichter. Niemand wird publiziert, nur weil man seinem Papa einen Gefallen tun will.

Sie haben eine Stelle als Verlagslektorin und eine Familie. Wann schreiben Sie?

Wann es gerade kommt, da bin ich egoistisch. Manchmal denke ich mir, ich hebe mir Sätze für später auf, aber was weg ist, ist weg, man fängt Sätze nicht wieder ein. Manchmal erlebe ich auch etwas und denke mir: Halt inne, das wäre eine gute Szene im Buch! Aber eigentlich ist das Schreiben nichts Vitales für mich, ich könnte auch gut leben, ohne zu schreiben.

Die Schriftstellerin Zadie Smith sagt: "Schreiben ist Schmerz und Leiden, Lesen ist der wahre Genuss."

Am meisten Schmerz und Leiden bereitet es, gelesen zu werden. Jedes Urteil macht Angst, Leser, Kritiker, Leute, die einem nahe stehen. Komplimente sind schwer zu ertragen, weil sie so etwas Absolutes haben, und Kritiken, weil ich am liebsten Ohrfeigen verteilen würde. Wenn man über sich selbst schreibt und dann kritisiert wird, ist es, als würde man persönlich nicht geliebt werden.

Können Sie sich vorstellen, auch über etwas anderes zu schreiben als über sich selbst?

Ja, aber dazu müsste ich reifer sein, selbstbewusster. Mir hilft es, mich auf mich zu berufen, mich an die Realität anzunähern, etwas Fühlbares zu haben. Es ist eine Frage des Selbstvertrauens, sich von sich zu entfernen.

Ihr Vater sagte einmal in einem Interview, Sie würden weniger als seine Tochter wahrgenommen, seit Sie schreiben. Erleichtert Sie das?

Eines Tages werden die Leute vielleicht vergessen haben, wessen Tochter ich bin. Aber dann wird mir das vielleicht fehlen. Andererseits ist mein Vater nicht der wichtigste Mann, und ich bin nicht die Tochter von Mitterand.

Philosophen sind doch in Frankreich die Könige.

Könige, auf die man zielt. Sie sind eher Feinde als Freunde.

Als "Nicht so tragisch" herauskam, waren Sie eine öffentliche Figur, ein Thema der Klatschpresse.

Das war surreal, vollkommen verrückt. Ich hatte das Gefühl, einen kleinen Schlüssel in eine Tür gesteckt zu haben und - baff! Ich hatte das überhaupt nicht erwartet, das war wie im Vaudeville. Die Presse war sehr aggressiv, aber ich war nicht die Einzige, alle Protagonisten der Geschichte haben etwas abgekommen. Zum Glück ging es bald vorbei. Nicht nur die viel zitierten zehn Minuten Ruhm, auch die zehn Minuten Schande sind schnell um.

Hat sich Ihr Leben dadurch verändert?

Seither will ich will gegenlesen, was ich wörtlich sage, denn ich habe keine Lust, dass sich meine Mutter im Grab umdreht. Oder dass, wie in Spanien, ein Interview mit mir die Überschrift trägt: "Ich hasse Carla Bruni."

Und - hassen Sie Carla Bruni?

Wie sagt man so schön: Gott schreibt gerade auf krummen Linien. Eigentlich verdanke ich ihr alles. Dank dieser Frau bin ich verheiratet, ich habe Romane geschrieben, auf die ich stolz bin, und ich habe zwei Kinder, die ich mehr liebe als alles auf der Welt. Wenn sich meine Wege eines Tages mit denen von Carla Bruni kreuzen, falle ich ihr um den Hals.

Zur PersonJustine Lévy wurde 1974 als Tochter des Philosophen Bernard-Henri Lévy und des Models Isabelle Doutreluigne geboren. 1995 heiratete sie Raphaël Enthoven, den Sohn des Philosophen Jean-Paul Enthoven, der sie schließlich wegen Carla Bruni verließ. Das Ende dieser Beziehung verarbeitete Justine Lévy 2004 in ihrem zweiten Roman, für den sie mehrere Auszeichungen erhielt: In "Nicht so tragisch" (Kunstmann Verlag) geht es um eine junge Frau namens Louise, die glücklich mit ihrem Mann ist, bis eines Tages eine gewisse Paula in ihr Leben tritt, eine "Männerfresserin", "der Terminator". Obwohl diese Episode nur zwei Seiten des autobiographischen Romans ausmacht, wurde das Buch als eine Art Schlüsselloch-Roman gedeutet und verkaufte sich allein in Frankreich 300.000 Mal.

Lévys dritter Roman, "Schlechte Tochter" (ebenfalls Kunstmann), kreist wieder um die Ich-Erzählerin Louise. Die ist inzwischen verheiratet und erwartet ein Kind. Während sie selbst Mutter wird, liegt ihre eigene Mutter im Sterben. "Schlechte Tochter" erzählt vom Loyalitätskonflikt eines Kindes, das selbst ein Kind erwartet, und hin und her gerissen wird zwischen Tod und Leben. Mit einer präzisen Sprache lotet Lévy in ihren Büchern die Grenzen zwischen Eltern und Kindern aus. Und die Tatsache, dass man mit den Eltern auch die eigene Kindheit verliert, dass Geburt und Trauer kommunizierende Gefäße sind.

Justine Lévy arbeitet in einem Verlag und lebt mit ihrem Lebensgefährten und ihren zwei Kindern in Paris.

Verena Mayer, geboren 1972 in Wien, lebt als Journalistin und Autorin in Zürich und ist ständige Glossistin ("wien/zürich") im "extra".