Justitias Waage ist noch lange nicht gleichgestellt

Von Judith Kohlenberger

Gastkommentare

In der westlichen Kultur wird Weiblichkeit wie selbstverständlich der Männlichkeit untergeordnet.


Die Hälfte der Menschheit, demografisch gesehen sogar etwas mehr, sind Frauen, und erst durch die Teilnahme von Frauen in Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur entstehen Balance und Gleichgewicht. Sozialer Friede wird allein durch Balance erreicht, und ein Rechtsstaat beruht auf der Ausgeglichenheit und Ausgewogenheit der Kräfte, dafür steht Justitia mit der Waage sinnbildlich. Als Göttin der Gerechtigkeit weist sie mithilfe der Waage jedem/jeder den gerechten, ihm/ihr zustehenden Anteil zu. Sie tut dies unparteiisch, was die Augenbinde verdeutlicht, und mit der Härte, die nötig ist, um geschehenes Unrecht wiedergutzumachen und den Opfern gegenüber den Tätern, den Schwachen gegenüber den Starken zu ihrem Recht zu verhelfen; dafür steht das Richtschwert.

Die drei Attribute der Justitia - Augenbinde, Waage und Schwert - sollen also versinnbildlichen, dass das Recht ohne Ansehen der Person und nach sorgfältiger Abwägung der Sachlage gesprochen und schließlich mit der nötigen Härte durchgesetzt wird. Das alles tut Justitia wie selbstverständlich als Frau, in der römischen Mythologie oft als Jungfrau, und schafft dadurch allein durch ihre Sichtbarkeit und Körperlichkeit, die Waage merklich in Richtung Gleichheit und Gleichwertigkeit der Geschlechter zu verschieben. Wie aber schaffen wir Balance in unserer heutigen Zeit und Gesellschaft, nicht nur in der Justiz, sondern in allen gesellschaftlichen Schichten und Bereichen? Was muss getan werden, um Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern herzustellen, besonders auch auf jenen Gebieten, in denen Frauen noch oder nur wenig repräsentiert sind?

Berufsfelder "außer Balance"

Neben der Politik sind auch viele andere Berufsfelder immer noch "außer Balance": Muss man einerseits männliche Kindergartenpädagogen mit der Lupe suchen, sind andererseits Berufspilotinnen rar. Dabei stehen etwa Flugpionierinnen wie die US-Amerikanerin Amelia Earheart und die deutsche Langstreckenpilotin Elly Beinhorn, die in einer aktuellen Ausstellung im Bezirksgericht Meidling gewürdigt werden, stellvertretend für die vielen Leistungen und Erfolge, die historisch, aber auch gegenwärtig Frauen auf der ganzen Welt erkämpfen, oft unter Einsatz ihres Lebens.

Wie aber können wir alle, auch ohne Flugzeuge und Kampfjets, zu mehr Balance beitragen? Die Erfahrung hat gezeigt, dass Quoten notwendig sind, alleine aber nicht ausreichen, um Macht tatsächlich fair zu teilen. Schon die Definition dessen, was Weiblichkeit und Männlichkeit bedeuten, ist Ausdruck eines eklatanten Ungleichgewichts, das sich im herrschenden Patriarchat als quasi "natürlich" verfestigt hat.

In der westlichen Kultur wird Männlichkeit mit Ratio und Geist assoziiert, verbunden mit Kraft und Dominanz, also dem Gegenteil von Ausgeglichenheit. Im Gegensatz dazu wird Weiblichkeit wie selbstverständlich mit Gefühl, Natur und Körper verbunden - und in weiterer Folge dem männlichen konnotierten Verstand untergeordnet. Diese Abgrenzung und damit verbundene Abwertung als das "andere Geschlecht" ist ein wesentlicher Grundpfeiler patriarchaler Machtverhältnisse. Feminismus muss sich dieser Bedeutungswelten annehmen, nicht nur für eine Gleichstellung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sondern um unser aller Überleben zu sichern, wie die Ökonomin und Politologin Gabriele Michalitsch vor dem Gleichbehandlungsausschuss des Nationalrats im Rahmen der Behandlung des Frauenvolksbegehrens aufzeigte: Auch der Kampf gegen den Klimawandel bedarf einer fundamentalen Neuorientierung unseres Verhältnisses zur Natur und zum eigenen Körper.

Vermarktung des Feminismus

Tatsächlich wird aber der Feminismus selbst immer mehr zur Vermarktungsquelle. Große Modeketten verkaufen T-Shirts, Jutetaschen und Kaffeebecher mit der Aufschrift "This is what a feminist looks like" - ein an sich begrüßenswerter Trend, würde man meinen, identifizieren sich doch immer mehr Menschen offen mit dem Feminismus. Im Grunde aber bleibt er eine kollektive politische Praxis. Feminismus kann man nicht kaufen - man muss ihn leben, vor allem in der Vernetzung, Unterstützung und Solidarität mit anderen Frauen, deren Erfahrungs- und Lebenswelten so bunt und unterschiedlich sind wie wir Frauen selbst. Gerade wir weißen, ökonomisch gut situierten und privilegierten Frauen der Mittelschicht müssen darauf achten, die Stimmen unserer Mitstreiterinnen in anderen Ländern, Kulturkreisen und sozioökonomischen Schichten nicht nur zuzulassen, sondern aktiv zu hören, zu respektieren, ihnen Raum zu geben.

Denn besonders in der heutigen Zeit, wo Feminismus, auch dank #metoo und anderen wichtigen Bewegungen, im Mainstream angekommen ist, wird deutlich, wie sehr um Begrifflichkeiten und deren (politische) Bedeutung gekämpft wird. Scheinbar feministisch konnotierte Accessoires tragen auch zur Kommodifizierung der Frauenbewegung bei. Durch seine kommerzielle Verwendung und Verwertung wird der Begriff "Feminismus" in seiner Bedeutung immer auch ein Stück ausgehöhlt und semantisch entleert. Denn Feminismus und Kampf für Geschlechtergerechtigkeit sind eben mehr als bloß Werbeslogans.

Semantische Entleerung auf der einen und Bedeutungsaufladung auf der anderen Seite erkennen wir auch in der aktuellen politischen Situation, wo nicht nur auf der Diskursebene ganze gesellschaftliche Gruppen zu "Anderen" gemacht werden, seien es tatsächliche oder scheinbare Minderheiten: Ausländer, Geflüchtete, Muslime, aber auch Alleinerzieherinnen und Mindestsicherungsbezieher werden sprachlich abgewertet und gleichzeitig in eine vermeintlich homogene Gruppe zusammengefasst und dem kollektiven "Wir" antagonistisch gegenübergestellt. Die Gefährlichkeit dieser diskursiven Praxis, die häufig mit ökonomischer Prekarisierung einhergeht, liegt in der Entindividualisierung und Abgrenzung der "Anderen" (aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Einkommen oder Religion) vom "Wir", dem sie per definitionem nicht angehören.

Polarisierung und Spaltung

Das führt leicht zur viel zitierten Polarisierung und Spaltung einer Gesellschaft, da die vermeintlich monolithischen Bevölkerungsgruppen nun mühelos voneinander abgegrenzt und gegeneinander in Stellung gebracht werden können. Abgrenzung stärkt nicht nur das kollektive "Wir"-Gefühl, sondern sichert vor allen Dingen den eigenen Status, ist es doch oft nur ein kleiner Schritt vom Abgrenzen zum Abwerten. Für viele, ebenso marginalisierte Schichten lässt sich in dieser diskursiven Abwertung zumindest noch ein letzter Rest von Überlegenheit und gesellschaftlicher Dominanz gegenüber den tatsächlich "Anderen" begründen. Hier gehen nationalistisches Gedankengut, Xenophobie und Wohlstandschauvinismus eine unheilvolle Allianz mit patriarchalen Strukturen ein.

Das alles ist nicht neu, sondern haben viele Aktivistinnen und Politikerinnen vor uns erkannt. Johanna Dohnal (Frauenministerin), Angela Davis (US-Bürgerrechtlerin), Eve Ensler (Begründerin des weltweiten "V-Day" gegen Gewalt gegen Frauen): Sie alle kämpften und kämpfen gegen eine aus der Balance geratene Welt und für Ausgeglichenheit, Gerechtigkeit und Fairness. Nicht nur für das ausgeglichene, respektvolle Miteinander von Frauen und Männern, sondern auch für das Miteinander von Kulturen, Nationen und Generationen. Sie schufen und schaffen eine Form von Sicherheit, die den maskulinen Kampfbegriffen von Recht und Ordnung etwas dringend Notwendiges entgegensetzt: die soziale und gesellschaftliche Sicherheit, ohne die dauerhafter Friede nicht möglich ist.

Die Ausstellung "Frauen schaffen Balance" zeigt Frauen, die etwas in Bewegung bringen: Aktivistinnen, Frauenrechtlerinnen, Philosophinnen, Pilotinnen, kurz gesagt: Pionierinnen. Sie dringen mutig in neues, ihnen bisher verwehrtes Gebiet vor und müssen oft dafür vieles, ja alles riskieren. Ihnen allen gebühren aber nicht nur Dankbarkeit und Demut, sondern sie sollten vor allem Quellen der Inspiration und Bestärkung sein: für den eigenen täglichen Kampf für Balance und Gerechtigkeit im Kleinen, aber auch für den gesellschaftlichen Kampf gegen die großen Ungerechtigkeiten unserer Zeit. Nur dann kann es gelingen, Justitias Waage wieder ein Stück mehr in die Waagrechte zu schieben und gemeinsam nachhaltige Balance und Chancengerechtigkeit zu schaffen.

Die Ausstellung "Frauen schaffen Balance" mit Werken der Künstlerin Monika Stahl läuft bis 31. August 2019 im Bezirksgericht Wien-Meidling
(12., Schönbrunner Straße 222-228).