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Kabuls wilder Osten

Von Agnes Tandler und Zubair Babakarkhail

Politik
Waffen putzen im Dienste der afghanischen Warlords.
© reu

Distrikt wirft Schatten auf Afghanistans Zukunft nach dem Nato-Abzug voraus.


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Kabul. Fremde verirren sich kaum nach Pul-e-Charkhi. Die Siedlung etwas außerhalb von Kabul gilt als gefährlich, obgleich sie nur ein paar Kilometer vom großen Nato-Camp Warehouse entfernt liegt, wo einige tausend westliche Soldaten stationiert sind. Ihre Aufgabe es ist, Afghanistans Regierung zu stützen. Doch in den engen, staubigen Straßen von Pul-e-Charkhi hat diese Regierung nichts zu vermelden, obwohl der Präsidentenpalast nur knapp zehn Kilometer Luftlinie entfernt ist und in Pul-e-Charkhi das größte Gefängnis des Landes steht, wo hunderte Sicherheitskräfte ihren Dienst tun.

Es sind zwei Männer, die in dem rund zehn Quadratkilometer großen Gebiet den Ton angeben: Allah Gul Mujahid und Mullah Tarakhel Mohammadi - beide sind auch Mitglieder des afghanischen Parlaments. Sie sind das, was man in Afghanistan "Warlords" nennt: Reiche Männer mit einer Privat-Miliz von Bewaffneten, die ihren Herren zu Diensten ist und gegen die niemand aufzubegehren wagt. Die Milizen terrorisieren die Bewohner, besetzen Land, erpressen Schutzgelder und mehren damit den Einfluss ihrer Gebieter. Wenn die Nato-Kampftruppen 2014 aus Afghanistan abziehen, dann werden Männer wie Gul und Tarakhel das Sagen haben, befürchten viele Einwohner in Kabul. In Pul-e-Charkhi hat die Zukunft Afghanistans bereits begonnen, sagt man.

"Wer nach Pul-e-Charkhi kommt, sieht eine ganze Menge Zivilisten mit Kalaschnikows", sagt Noor Gul, der seinen richtigen Namen aus Angst um seine Sicherheit nicht nennen will. Der 32-jährige Familienvater betreibt einen kleinen Laden in Pul-e-Charkhi. "Jeder weiß, was hier passiert", meint er. Gul und Tarakhel hätten jeder dutzende bewaffnete Männer an ihrer Seite. Nicht nur zu ihrem eigenen Schutz. Beide unterhalten deshalb auch eine Privat-Armee von 500 Kämpfern. "Kürzlich gab es sogar Gerüchte, dass ihre Männer mit Panzerfäusten ausgerüstet sind", schildert Noor. Die Präsenz der beiden Warlords sei überall spürbar. "Selbst Kinder kennen die Namen von Tarakhel und Gul", denn es vergehe kein Tag, an dem diese Namen nicht Thema jedes Haushalts in Pul-e-Charkhi seien, meint Noor. Gul habe gerade ein Stück Land zum Verkauf angeboten, das er sich vor kurzem an sich gerissen habe. "Es war öffentliches Land und wurde dazu genutzt, Schotter für den Straßenbau herzustellen."

30.000 Dollar Monatsgehalt durch Schutzgelder

Noor ist sich sicher, dass Gul auf diese Weise schnelles Geld macht: Einen Jerib verkauft er für 150.000 US-Dollar. Und das Stück Land ist 15 Jerib (2000 Quadratmeter) groß. Und Gul betreibt nicht nur Landraub, er erpresst auch Schutzgelder: In der Umgebung von Pul-e-Charkhi gibt es 800 Ziegeleien, die Backsteine für den Hausbau in Kabul herstellen. Der 45-jährige Gul verlange 2000 Afghani pro Monat von jeder Fabrik, sagt der Ladenbesitzer. Das sind 30.000 US-Dollar im Monat. Gul hat bereits als Mujaheddin-Kommandeur gegen die Sowjetunion gekämpft. Das lässt er Journalisten gern wissen. "Jeder in Afghanistan hat doch eine Waffe. Ein Afghane sieht gut aus, wenn er einen Turban, einen Bart und ein Gewehr hat," findet Gul.

Der andere starke Mann in Pul-e-Charkhi ist Tarakhel. Der 39-jährige Parlamentarier, dem auch einige Öl- und Gasfirmen gehören, ist vielen noch wegen der Wahlbetrugsvorwürfe in Erinnerung. Bei der letzten Wahl für das Abgeordnetenhaus, die Loya Jirga, im Jahr 2010 erhielt Tarakhel die meisten Stimmen von allen Kandidaten. Manipulationsvorwürfe hat er stets von sich gewiesen. Doch als sich der britsche Journalist Tom Coghlan eine Stunde nach Öffnung des Wahllokals in Pul-e-Charkhi einfand, fand er keinen einzigen Wähler, aber zwölf Wahlurnen, bis zum Rand voll mit Stimmzetteln. Die Anwesenheitsliste im Wahllokal zeigte, dass angeblich bereits 5530 Menschen abgestimmt hatten. Ein Wahlhelfer vor Ort, der gegen das Ergebnis protestierte, wurde von bewaffneten Männern abgeführt und tauchte erst am nächsten Tag wieder auf.

Gute Verbindungen bis

ins Präsidentenamt

Tarakhel, dessen Spitzname in Pul-e-Charkhi "der Verrückte" ist, bestreitet alle Anschuldigungen. Seine schillernde Persönlichkeit, seine guten Verbindungen zum afghanischen Präsidenten Hamid Karzai und seine Privatmiliz bringen ihn nur sehr selten mit der Polizei in Konflikt. Die meisten, so versichern die Anwohner von Pul-e-Charkhi, hätten Angst vor Rache und Repressalien.

Doch Ende Juli brachte eine Schießerei in einem privaten Krankenhaus in Pul-e-Charkhi Tarakhel ungewollt in die Schlagzeilen. Einer seiner Männer, der zur Behandlung kam, hatte sich offenbar vorgedrängelt, um einen Arzt zu sehen. Ein Streit zwischen dem Tarakhel-Schützen und anderen Wartenden endete in einer wilden Schießerei, die die ganze Nacht hindurch dauerte. Ein 14-jähriger Junge wurde dabei verletzt. Die Polizei sperrte lediglich die Straßen um die Klinik ab, aber griff nicht ein. Klinikbetreiber Ahmed Mohammadi, der ebenfalls nicht seinen richtigen Namen genannt wissen will, erinnert sich nur zu gut an den Vorfall, der das halbe Krankenhaus verwüstete. Die Schüsse zerstörten Fensterscheiben, Glasvitrinen für Medikamente und medizinische Geräte, Wände waren durchlöchert. Später hätten neben Tarakhels Milizen auch Männer von Gul die Klinik beschossen, erzählt der 42-Jährige. "Der nächste Polizeiposten ist nur 200 Meter entfernt, doch niemand ist gekommen." Die Ärzte der Klinik hätten sich im Keller versteckt, er selbst sei durch eine Hintertür des Gebäudes geflohen, berichtet Klinikbetreiber Ahmed. "Ich habe mich nicht beschwert. Ich weiß, dass das sinnlos ist." Ein Video von der Schießerei sei sogar im Fernsehen gezeigt worden, aber nichts sei geschehen.

Ein hoher Polizeibeamter in Kabul, der ebenfalls anonym bleiben will, bestätigt das. Die beiden Männer hätten so gute Verbindungen in die Spitzen der Regierung, dass man nichts gegen sie unternehmen könne. Nicht nur in Landraub, Mord, Erpressung und Entführungen seien sie verwickelt, sondern auch in den Drogenhandel. "Wenn wir jetzt nichts gegen die beiden Kriegsherren unternehmen, werden sie in der Zukunft ein noch größeres Problem werden", klagt der Beamte.

Gul und Tarakhel sind die beiden Herrscher des Gebietes östlich der Hauptstadt, die erst in den letzten zehn Jahren unter der vom Westen gestützten Regierung aufgestiegen sind. Zuvor waren sie arm und unbedeutend, inzwischen sind sie mehrfache Millionäre. Bewohner von Pul-e-Charkhi erinnern sich noch daran, dass Tarakhel 2001 nur ein altes Auto besaß, das im Winter angeschoben werden musste, damit der Motor überhaupt ansprang. Heute ist Tarakhel im gepanzerten Geländewagen unterwegs.

Nach 2014 droht neuer Bürgerkrieg um Kabul

Dass bewaffnete Milizen bereits die Außenbezirke der Hauptstadt Kabul dominieren, ist kein gutes Omen für die Zukunft. Die Erinnerung an den blutigen Bürgerkrieg in den 1990er Jahren ist immer noch frisch. Bei diesem starben in Kabul Tausende, nachdem die sowjetischen Truppen abgezogen waren und Mujaheddin-Kommandeure verbissen um die Kontrolle der Stadt kämpften. Wenn die Nato 2014 ihre Kampftruppen aus Afghanistan abgezogen hat, wird der Einfluss von Männern wie Gul und Tarakhel noch weiter wachsen, spekulieren viele.

"Sie sind das Gericht, die Staatsanwaltschaft und sie regieren das Gebiet allein. Die Regierung hat eine Menge Sicherheitspersonal in der Gegend: Polizei, Checkpoints - doch sie sind hilflos", betont Ladenbesitzer Noor. "Die beiden Kriegsherren machen jetzt schon, was sie wollen; was wird erst werden, wenn die ausländischen Soldaten weg sind?"