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Kainat, Opfer der Tradition

Von Alexander U. Mathé

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Ein pakistanisches Mädchen will, dass ihre mutmaßlichen Vergewaltiger verurteilt werden, | doch Konservative in ihrem Dorf fordern, dass sie getötet wird, weil sie Sex vor der Ehe hatte.


Kainat Soomro will Gerechtigkeit. Das Gericht glaubt ihr nicht, doch das pakistanische Mädchen behauptet felsenfest, dass es im Alter von 13 Jahren von vier Männern über drei Tage hinweg vergewaltigt wurde. Doch dass sie nicht recht bekommt, ist Kainats geringste Sorge, denn konservative Kräfte fordern, dass ihre Familie sie umbringt. Weil die sich weigert, schwebt sie nun selbst in Todesgefahr.

Im Jänner 2007 war Kainat Soomro in ihrem Heimatdorf Mehar nach Schulschluss unterwegs, um für ihre Nichte Spielzeug zu kaufen. Während sie sich in einem Geschäft umsah, berichtet sie, presste ihr jemand ein Taschentuch aufs Gesicht. Sie wurde ohnmächtig. Als sie wieder aufwachte, war es, als durchlebe sie einen Albtraum. Vier Männer fielen über sie her und vergingen sich an ihr. Drei Tage hielt dieser Horror an, bevor sie flüchten konnte.

Kainat zeigte ihre mutmaßlichen Peiniger an, doch der Albtraum setzte sich fort. Denn in ihrem Dorf ist es - so wie in vielen Regionen Pakistans - Sitte, vorehelichen Geschlechtsverkehr als Straftat mit dem Tod zu ahnden. Nach Verhängung durch den Dorfrat fällt die Aufgabe, diesen Ehrenmord durchzuführen, der Familie zu. Die Hälfte aller Frauenmorde in Pakistan werden im Namen der Ehre verübt. Doch das ist nur die offizielle Zahl. Die Dunkelziffer liegt viel höher, da die Familien diese Taten üblicherweise als Selbstmord deklarieren und die Fälle von der Polizei anschließend nicht näher untersucht werden.

Männern gelingt es offenbar eher, ungeschoren davonzukommen. Nur 30 Prozent der Ehrenmorde werden an Männern verübt. Auch im Falle einer Vergewaltigung stehen die Chancen für die Frauen schlecht. Menschenrechtsorganisationen berichten, dass die Polizei ihnen nur selten Glauben schenkt und daher auch nicht Untersuchungen in die Wege leitet, die die Aussagen der Betroffenen überprüfen könnten, geschweige denn den Täter überführen würden. So war es auch in Kainats Fall.

Vor Gericht stand schließlich Aussage gegen Aussage - und die vier mutmaßlichen Peiniger wurden freigesprochen. An Kainats Schicksal hängt das ihrer ganzen Familie. Nach wie vor fordern Menschen in Mehar den Tod des Mädchens. Ihre Eltern weigern sich aber, den Ehrenmord zu begehen. Da sie in ihrem Dorf nicht mehr sicher waren, zogen sie in die größte Stadt Pakistans, Karatschi, wo sie nun in Armut hausen. Einer von Kainats Brüdern, der in Mehar blieb und sich für seine Schwester einsetzte, wurde voriges Jahr ermordet.

Doch auch Karatschi ist für die Soomros nicht sicher. Vor kurzem überfielen Unbekannte Kainats Vater und Bruder und verprügelten sie mit Eisenstangen. Doch die Familie lässt sich nicht einschüchtern und hat den Fall vor das Oberste Gericht gebracht.