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Kakerlaken, Jedi-Ritter und ahnungslose Chefs

Von Helmut Dité

Wirtschaft

Wenn morgen, Dienstag, der zurückgetretene Enron-Chef Kenneth Lay in Washington vor einem Kongress-Unterausschuss erscheint - unter Strafandrohung vorgeladen, denn freiwillig wollte er letzte Woche nicht kommen - dann stehen die Wetten etwa 50:50, ob er - wie sein früherer Vorstandskollege Jeffrey Skilling letzte Woche - von nichts Bösem gewusst haben will, oder ob er sich unter Hinweis auf den 5. Verfassungszusatz der Aussage enthält, um sich nicht selbst zu belasten. Diesen Weg hatten in der Vorwoche Enron-Finanzchef Andrew Fastow - der allein 30 Millionen Dollar illegal eingesteckt haben soll - und mehrere seiner Kollegen gewählt. Zwei Monate nach der überraschenden Bankrott-Erklärung des Houstoner Energiehandelskonzerns - vor nicht allzu langer Zeit noch Amerikas nach Börsenwert siebentgrößtes Unternehmen - kommen nun immer mehr Details der größten Pleite in der US-Geschichte ans Licht. Die untersuchenden Kongress-Mitglieder sind inzwischen sicher, dass "kriminelle Akte gesetzt wurden" und sprechen von einer "Unternehmenskultur der Korruption". Fest steht inzwischen, dass Gewinne in Milliarden-Dollar-Höhe ausgewiesen wurden, die nicht existierten, dass Schulden in ebenfalls Schwindel erregender Höhe in ausgelagerten Firmen versteckt wurden und schließlich, dass Spitzenmanager kurz vor dem Absturz der Aktie noch Millionengewinne aus ihrem Insiderwissen schlugen, während Tausende Angestellte ihr in die Firmen-Pensionskasse investiertes Erspartes verloren. Verstrickung der Akteure bis in die höchsten politischen Kreise; eine bisher einzigartige Klage gegen Vizepräsident Dick Cheney auf Herausgabe von Dokumenten; schwere Zweifel an den Praktiken der Wirtschaftsprüfer, die Dokumente verschwinden ließen, als es brenzlig wurde; ein Selbstmord eines als firmeninterner Kritiker geltenden Top-Managers - keine Zutat fehlt dem Enron-Skandal, außer, zumindest bisher, Sex, wie der "Economist" anmerkt - und selbstverständlich wird die Story demnächst verfilmt.


Täglich werden in den amerikanischen Medien neue Enthüllungen über die größte Pleite der US-Geschichte, den Bankrott des Energiehandelskonzerns Enron veröffentlicht. Alles an dem Fall sprengt den Rahmen des Üblichen: Die Summe des vernichteten Anlegervermögens - 70 Milliarden. Dollar - die Höhe der Parteispenden - sechs Millionen Dollar - und die Gier des Managements, das rechtzeitig vor dem Konkurs noch 1,2 Milliarden Dollar an Prämien und Aktienerlösen auf die eigenen Konten schaufelte. "Über dem Kapitalismus hängt ein großes Fragezeichen. Es ist ein Wort, und das lautet Enron", formulierte gar der Erzbischof von Canterbury, George Carey, vergangene Woche beim Weltwirtschaftsforum im New Yorker Waldorf Astoria.

Die Dimensionen des Falles - anfangs noch durch die Afghanistan-Kriegsberichterstattung ein wenig verdrängt - gehen inzwischen weit über die Unternehmensebene hinaus und haben das Vertrauen vieler Amerikaner in die Funktionsfähigkeit wesentlicher Elemente ihres Wirtschaftssystems, die Unabhängigkeit der Politik und in das ohnehin gering ausgebaute Sozialsystem schwer erschüttert.

Schon ist von "Enrongate" die Rede

Noch werden die Verflechtungen zwischen dem Weißen Haus und dem texanischen Energiekonzern untersucht, doch die Spekulationen über Interessenskonflikte, Interventionen und missbrauchtes Insiderwissen sind inzwischen in offene Vorwürfe übergegangen. "Enrongate" - der Name geht schon um - könnte ein schwerer Brocken für die Republikaner im Mid-Term-Wahljahr 2002 werden.

Auf der Gehaltsliste des Skandal-Konzerns standen zahlreiche prominente Mitglieder der Republikanischen Partei und Berater der Regierung, andere besaßen Aktien des Unternehmens im Millionenwert. US-Präsident George W. Bush und Enron-Chef Kenneth Lay waren alte Freunde aus Texas, Lays Wahlspenden an den Präsidenten und an die Republikaner fielen dementsprechend großzügig aus. Auf die Energiepolitik der Bush-Regierung hat sich dieses Naheverhältnis offenbar ausgewirkt, indem Enron-Anliegen wie mehr Deregulierung im Energiesektor und Steuerbegünstigungen berücksichtigt wurden. Die "aggressiv kreativen Buchhalter" bei Enron hatten es übrigens auch vorher tatsächlich geschafft, in all den Jahren nur ein einziges Mal Steuern zahlen zu müssen - 17 Millionen Dollar für das Jahr 1997.

Vizepräsident Dick Cheney hat zugegeben, im Vorjahr für Enron als Schuldeneintreiber bei einem ins Stocken geratenen Kraftwerksprojekt in Indien gewirkt zu haben. Jetzt soll er per Klage durch das General Accounting Office, eine Art Washingtoner Rechnungshof - zur Herausgabe der Akten gezwungen werden - ein bisher einzigartiger Vorgang.

Die immer zahlreicher aufgelisteten Wahlspenden, die primär an Republikaner, aber auch an prominente Demokraten gingen - insgesamt kassierten laut "Economist" mehrere hundert Abgeordnete -, die hochdotierten Beraterposten für Spitzenpolitiker und die personellen Verflechtungen rücken die Regierung zunehmend ins Zwielicht. Ein Distanzierungsversuch von Bush, der den Enron-Chef früher "Kenny-Boy" nannte und ihn jetzt als "Anhänger" bezeichnet, wurde bei der demokratischen Opposition und in den Medien mit Häme quittiert - ebenso Bushs Erklärung, seine Schwiegermutter habe schließlich auch ihr Geld - 8.000 Dollar - beim Absturz der Enron-Aktie verloren. Laut einer Umfrage des Fernsehsenders CBS glauben inzwischen zwei Drittel der Amerikaner, dass die Regierung über ihre Beziehungen zu Enron entweder lügt oder etwas zu verbergen hat.

"Enronitis" heißt die neue Börsenkrankheit

Auch das Vertrauen in die Börse hat durch die Mega-Pleite einen deutlichen Rückschlag erlitten. Es gilt die "Kakerlaken-Theorie": Niemals kommt eine Kakerlake allein. Auch andere, vielfach verschachtelte Konzerne stehen im Verdacht der "kreativen Buchführung". Der Mischkonzern Tyco etwa - mit Sitz auf den Bermudas - gab rasch bekannt, dass man in den letzten Jahren Firmenzukäufe im Wert von sieben Milliarden Dollar in den Bilanzen nicht aufgeführt hatte - die Aktie stürzte ab. Tyco kauft jetzt hastig eigene Schulden zurück. Auch andere große Konzerne wie sogar General Electric und die United-Airlines-Mutter UAL sind mit kritischen Fragen konfrontiert - die Krankheit hat auch schon einen Namen: "Enronitis".

Enron galt als profitabler Top-Konzern, der von Spitzen-Unternehmensprüfern gründlich durchgecheckt wurde: Die Prüfer von Arthur Andersen stellten dem Konzern jahrelang tadellose Berichte aus. Dass Millionen-Verluste durch dubiose Bilanztechniken systematisch verschleiert und in Tochtergesellschaften "ausgegliedert" wurden, blieb verborgen. Als der Aktienkurs im Vorjahr von über 90 Dollar (102,1 Euro) auf ganze 26 Cents fiel, verloren viele Anleger viel Geld, während viele Spitzenmanager rechtzeitig ihre Pakete abgestoßen hatten. Nur wenige Tage vor der Flucht in den Gläubigerschutz nach Chapter 11 wurden an 600 Manager noch Prämien in Höhe von rund 105 Millionen Dollar ausgeschüttet. Dann feuerte man rund 5.000 Angestellte - ohne die zustehenden Abfertigungen.

Viele Amerikaner machen sich nun ernste Sorgen um ihre Altersvorsorge. Das nach dem betreffenden Abschnitt im Steuerrecht so genannte 401 (k)-Pensionssystem hat viele Enron-Mitarbeiter nicht vor dem Verlust ihrer oft in Jahrzehnten angesparten gesamten Pensionsvorsorge bewahrt. Derzeit gibt es nämlich keine gesetzliche Obergrenze für den Anteil der Aktien des eigenen Unternehmens in einem Pensionsfonds, und der Enron-Fonds war überwiegend mit Enron-Aktien gefüllt.

Als der Kurs der einst "heißesten aller heißen" Aktien seinen Fall ins Bodenlose begann, wurden viele Mitarbeiter am Abstoßen ihrer Aktien durch ein Verkaufsverbot vor dem 50. Lebensjahr gehindert und mussten hilflos dem Dahinschmelzen ihrer Pensionsvorsorge zusehen.

"Wie konnte das nur passieren", spricht die Kolumnistin der "Washington Post" die Gedanken vieler einfacher Bürger aus. In "gierigen Managern und unfähigen Buchhaltern" sieht "Business Week" die Ursache für den "Enron-Kurzschluss". Aus dem Kongress hört man es anders: "Das können nicht nur ein paar einzelne faule Äpfel gewesen sein".

In der Tat steckt mehr dahinter: Bis zur überraschenden Pleite galt Enron als Musterbeispiel für Dynamik und Wandlungsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft. Die Firma begann als biederer Gastransporteur, verwurzelt in der "old economy", und wandelte sich binnen weniger Jahre zum hyperaktiven Branchenmulti, der mit Rohstoffen aller Art handelte - bis hin zu freien Speicherkapazitäten in Datenbanken.

Zum Spitzenstar der "new Economy" wurde man durch das firmeneigene Internet-Verkaufsportal EnronOnline. Enron wurde zum "Hedge-Fonds mit angeschschlossener Gasleitung" und spekulierte im ebenso lukrativen wie riskanten Geschäft mit Derivaten - meist außerbörslich gehandelte Wertpapiere, die nichts anders sind als Wetten auf zukünftige Preisschwankungen bei Rohstoffen, Devisen oder Zinsen. Anders als Finanzinstitute, die ihre Geschäfte mit Derivaten absichern und offen legen müssen, konnte der branchenfremde "virtuelle Riese" Milliardenverluste in eigens gegründeten Partnerfirmen verstecken - denn schon wenn nur drei Prozent der Aktien eines solchen Unternehmens in fremder Hand sind, muss sie nach US-Recht nicht mehr in der Bilanz der "Stiefmutter" aufscheinen.

Skurriles am Rande: Einige der Manager haben offenbar eine Vorliebe für den Film "Krieg der Sterne" (Star Wars) entwickelt: Mehrere Partnerschaften und Tochterunternehmen, die offenbar nur der Bilanzschönung dienten, wurden nach Figuren aus dem Science Fiction-Film benannt. Der Firmenname "Jedi" ergab sich zunächst einfach aus den Initialen der "Joint Energy Development Investment Partnership". Im folgenden wurde dem Jedi-Ritter Obi-Wan Kenobe Anerkennung gezollt, und die Partnerschaften Kenobe Inc. und Obi-1 Holdings LLC nach ihm benannt. Chewco Investments LP wurde durch Chewbacca, den treuen Wookiee, inspiriert. Seit 1993 wurde so eine ganze Gruppe von Unternehmen nach Figuren aus Star Wars benannt, so die "New York Times".

Der spektakuläre Zusammenbruch hat auch die Kritik am System der Wirtschaftsprüfung heftig verstärkt. "Enron hat die Bank ausgeraubt, Andersen fuhr das Fluchauto", formulierte ein Mitglied des Untersuchungsausschusses. Die frühere Enron-Rechnungsprüfungsfirma Andersen ist schwer unter Beschuss gekommen. Die nun bekannt gewordene Anweisung eines Andersen-Partners zur Vernichtung tausender e-mails und Prüfungsunterlagen wird als offenes Schuldeingeständnis verstanden.

Mehr Kontrolle der Prüfer

Forderungen nach einer gesetzliche erzwungenen Trennung von Rechnungsprüfungs- und Consulting-Arbeiten werden immer lauter - auch sollten die Prüffirmen alle paar Jahre gewechselt werden müssen. Andersen etwa hat Enron seit seiner Gründung 1985 ununterbrochen betreut. Der potentzielle Interessenkonflikte in Zahlen: Die US-Rechnungsprüfungsfirmen haben im Jahr 2000 rund 1,1 Mrd. Dollar für ihre Rechnungsprüfdienste bei 385 Großkonzernen in der Fortune-500-Liste eingenommen - und gleichzeitig 3,1 Mrd. Dollar für andere Dienstleistungen von diesen Firmen erhalten.

Dass die Kontrollen im amerikanischen System bei Enron offenbar vollständig versagt haben, wird eine Armada von Prüfern der Börsenaufsicht, Untersuchungsausschüsse und Gerichte noch lange beschäftigen. Und um wenigstens ein zweites Enron zu verhindern, werden im "Mutterland des freien Marktes" jetzt Rufe nach mehr Regulierung laut.

Ob "Kenny-Boy" Lay, der sich seinen Abgang vor zwei Wochen noch mit Abfindungen in Höhe von gut 60 Millionen Dollar erleichterte, tatsächlich nichts gewusst und "nie etwas Böses getan" hat - wie seine Gattin Linda in einer CBS-Talkshow versicherte, wird man wohl bald herausfinden. Die Abfertigung wird er zwar wohl nie sehen. Hämisch kommentiert wurde jedochs Lindas tränenreich dargebrachte Behauptung, man habe schließlich selbst alles verloren. "Alle Welt fragt sich, von welcher seiner 16 Immobilien im Gesamtwert von gut 100 Millionen Dollar aus er am Dienstag nach Washington reisen wird" - die meisten Häuser aber sind nach texanischem Konkursrecht nicht pfändbar.