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Kaleidoskop des modernen China

Von WZ-Korrespondent Wu Gang

Politik

Ohne subventionierte Kredite könnten sich viele ihr Studium gar nicht leisten.


Peking. Als der Erstsemestrige Ren Bin an der Beijing Communication University of China ankommt, hat er nichts als einen Koffer, in dem sich gerade das Allernotwendigste befindet. Mehr besitzt er nicht. Er reiht sich ein in eine lange Wartschlange, um auf ein Willkommenspaket mit täglichen Notwendigkeiten und Unterstützungen der Universität zu warten: "Ich habe gehört, es sind einige Gutscheine dabei, mit denen man sich Bücher kaufen kann - ehrlich gesagt weiß ich selbst nicht, wie ich mir das Lehrmaterial sonst leisten könnte."

Währenddessen fährt eine seiner zukünftigen Kolleginnen, die 20-jährige Zhu Liwen, mit ihrem neuen Mercedes-Benz vor und beauftragt drei Träger damit, ihre insgesamt acht Koffer in das Studentenwohnheim zu tragen. "Den Wagen hat mir mein Vater geschenkt und damit ein Versprechen eingelöst. Er hat gesagt, wenn ich es auf die Universität schaffe, bekomme ich mein eigenes Auto." Auf die Frage, ob ein kleineres Auto nicht genügen würde, antwortet sie lachend: "Natürlich nicht, wo soll ich sonst meine ganzen Koffer hingeben?"

Solche Bilder sind in diesen Wochen ein vertrautes Bild an den Universitäten in China, und der Campus ist gleichzeitig auch ein Kaleidoskop der chinesischen Gesellschaft, in dem sich die soziale Realität brutal widerspiegelt.

Grundsätzlich ist es mittlerweile leichter, von einer Hochschule in China aufgenommen zu werden. Von 9,15 Millionen Schülern, die in diesem Jahr den "Gaokao", also den Universitäts-Eingangstest absolviert haben, wurden 6,85 Millionen zum Studium zugelassen. Doch damit wächst die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, weshalb die Qualität der Universitäten größere Bedeutung erlangt hat. "Für junge Menschen ohne viel Geld gibt es keinen anderen Weg, als fleißig zu studieren", sagt Ren Bin und fügt hinzu: "Manuelle Arbeit wird in China zu gering bezahlt und zu wenig respektiert. Ich lerne hier quasi um mein Leben."

1300 Euro kostet ein Studienjahr im Schnitt

Doch unabhängig vom Studium an sich ist das Leben auf dem Campus hart: Nach einer Studie, die 2011 unter 1700 Studenten durchgeführt wurde, geben die meisten im Schnitt zwischen 100 und 150 Euro pro Monat aus. Doch die Schere klafft hier weit auseinander: "Unter 1300 Euro pro Monat komme ich selten aus. Gerade erst gestern haben mich meine Kollegen zu einem französischen Buffet eingeladen, das hat 120 Euro pro Person gekostet. Was soll man da machen?", zuckt die besser situierte Zhu Liwen mit den Achseln.

1300 Euro - so viel kostet ein Studium in China auf einer normalen Universität im Schnitt pro Jahr. Eine Zahl, die viele Familien an den Rand ihrer Möglichkeiten bringt. China hat bereits versucht, hier gegenzusteuern und verschiedene Modelle finanzieller Unterstützung in Hochschulen eingeführt. Laut offizieller Angaben wird die Staatliche Entwicklungsbank in diesem Jahr schätzungsweise über 1,2 Milliarden Euro für besonders günstige Studienkredite ausgeben. Mehr als 2,2 Millionen mittellose Studenten sollen dadurch unterstützt werden, 7,5 Millionen Studenten sollen von allgemeinen Studienkrediten in einer Höhe von insgesamt über 4,2 Milliarden Euro profitieren.

Doch die sozialen Unterschiede auf dem Campus lassen sich dadurch natürlich nicht ausgleichen, und laut Professor Zheng Lu sind diese auch nur eine Reflexion auf ein viel größeres Phänomen in der chinesischen Gesellschaft. Der Experte für Soziologie an der Tsinghua University fügt hinzu, dass der Mangel an finanzieller Unabhängigkeit unter chinesischen Studenten oft bereits in der Familie liegt: "Amerikanische Eltern legen großen Wert darauf, dass ihre Kinder so rasch wie möglich unabhängig werden. Chinesische Eltern ziehen es hingegen vor, ihre Kinder am eigenen Einkommen teilhaben zu lassen, so lange sie in der Schule sind."

Trotz der alarmierenden Einkommensunterschiede gaben 80 Prozent der Studenten im Rahmen einer Untersuchung an, diese zwar sehr wohl zu bemerken, dass sie jedoch keinen nennenswerten Einfluss auf ihren Alltag hätten. Es wäre auf dem Campus allerdings auch unmöglich, sich aus dem Weg zu gehen: Nach der Immatrikulierung bekommt jeder Student automatisch einen Platz in einem Studentenwohnheim zugewiesen, durchschnittlich teilen sich vier Personen ein Zimmer von etwa 12 Quadratmetern. Die, die es sich leisten können, verstauen freilich nur die notwendigsten Sachen dort und fahren nach der Universität nach Hause. So auch Zhu Liwen, die trotz ihrer acht Koffer nicht daran denkt, hier zu schlafen: "Bin ich blöd? Dafür hab ich doch ein Auto!" Sagt’s und braust mit Vollgas davon.