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"Kalte Progression" auch in der Forschung

Von Eva Stanzl

Wissen
FWF-Chef Gattringer sieht Gefahr einer "Lotterie". fwf / D. Novotny
© fwf / D. Novotny

Mehr Uni-Personal und Förderanträge: Wissenschaftsfonds sieht zusätzlichen Budgetbedarf von jährlich 60 Millionen Euro.


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Im Herbst verhandelt die Bundesregierung gemäß dem Forschungsfinanzierungsgesetz den zweiten Pakt für Forschung, Technologie und Innovation (FTI-Pakt) für die Jahre 2024 bis 2026. Das Papier legt die Schwerpunkte für die Forschungsförderung fest. Neben Exzellenz, dem Erreichen der Klimaziele und einer Offensive für angewandte Forschung will man sich laut Wissenschaftsministerium an europäischen Forschungszielen orientieren und interdisziplinäre Zusammenarbeit, Forschungskarrieren und Wissenschaftskommunikation fördern.

Die nationale FTI-Strategie und der FTI-Pakt sehen ein stetiges Wachstum der Forschungsmittel vor. In der Periode 2021-2023 stellt die Bundesregierung dafür 3,858 Millionen Euro zur Verfügung. Ob das Finanzministerium die Forschungsbudgets aber tatsächlich im vorgesehenen Ausmaß anhebt, ist angesichts der Hilfszahlungen für Corona und Energiepreise aber fraglich, zumal die Reihe all jener in der Schlange immer länger wird.

Christof Gattringer, Präsident des Wissenschaftsfonds FWF, warnt vor einer Situation, in der Österreichs größte Förderagentur für Grundlagenforschung den Bedarf nicht mehr decken kann, was Österreich in der Spitzenforschung zurückwerfen und der Wettbewerbsfähigkeit schaden könne. Der FWF fördert Forschungsprojekte an Unis und außeruniversitären Instituten in Form von benötigtem Personal und Projektkosten. Mehr als 4.500 Forschende stehen auf der Payroll des Wissenschaftsfonds. Sie werden für die Projekte angestellt und über ihn finanziert. Mehr als zwei Drittel sind Nachwuchsforschende bis zum Alter von 35 Jahren.

Mehr Uni-Personal

"In der Leistungsperiode 2019-2121 haben die Universitäten viel neues wissenschaftliches Personal aufgenommen", sagte Gattringer im Interview mit der "Wiener Zeitung" am Rande der Alpbacher Technologiegespräche. Weiters sei das Institute of Science and Technology Austria (Ista) in Klosterneuburg "auf Expansionskurs". Die Spitzenuni für Mathematik, Informatik und die Naturwissenschaften ist verpflichtet, ihr auf 15 Jahre geplantes Budget von Bund und Land Niederösterreich mit Drittmitteln in der gleichen Höhe aufzudoppeln. Und auch die Central European University sei nach ihrem Umzug von Budapest nach Wien "sehr schnell beim FWF vorstellig geworden".

Gattringer rechnet mit "einer stark ansteigenden Antragssumme". Von 2019 auf 2020 und 2020 auf 2021 sei diese bereits um jeweils 15 Prozent größer geworden. Für die kommenden Jahre erwartet er mit ein Plus von jährlich zehn Prozent. Entsprechend müsse das Fördervolumen steigen. "Mein Ziel ist es, dass das Budget 2024 bis 2026 die Steigerungen beim Forschungspersonal abbildet", sagt der FWF-Chef. Das Ziel in Zahlen: In der laufenden Dreijahresperiode hat der FWF ein Kernbudget von insgesamt 750 Millionen Euro, oder 250 Millionen im Jahr, zu vergeben. "Wir haben aber um jährlich 60 Millionen Euro zu wenig, um alles fördern zu können, was gefördert gehörte. Wir würden daher ein jährliches Basisbudget von 310 Millionen Euro brauchen", sagt Gattringer. "Wenn wir jedoch die gestiegene Anzahl neuer Forschender mit unseren Mitteln nicht gut begleiten, wäre das ein Stranded Investment."

Derzeit kann der FWF mit seinem Budget knapp unter 22 Prozent der Anträge bewilligen. Wird er nicht besser ausgestattet, würden das bald unter 20 Prozent sein, "und dann wird es immer mehr zur Lotterie". Das Zufallssystem kommt etwa dann zum Einsatz, wenn nur ein kleiner Teil von vielen für gleichwertig befundenen Anträgen zum Zug kommen kann. Schon im Frühjahr hatte Gattringer bekannt gemacht, zu viele gute Anträge ablehnen zu müssen, "das Zufallselement wird immer größer".

Ein weiterer Aspekt sei eine "kalte Progression" bei der Förderung von Spezialforschungsprojekten zur Schaffung von internationalen Forschungsnetzwerken durch Schwerpunktbildung. Diese Summen seien seit mehreren Jahren nicht angehoben worden. "Wenn ich vor acht Jahren für ein Spezialforschungsprojekt sechs Millionen Euro bekommen habe, war das damals in realer Kaufkraft mehr als heute. Wir müssen das anheben, sonst wird es weniger attraktiv, etwas so Aufwändiges zu beantragen", so Gattringer.

Bereits vor einigen Monaten hatte sich die Universitätenkonferenz mit einem Appell zu den Auswirkungen der Inflation gemeldet und einen Fehlbetrag von einer halben Milliarde Euro geortet. Derzeit laufen Verhandlungen zwischen Unis, Bildungs- und Finanzministerium. Am Dienstag wanden sich auch die steirischen Unis an die Öffentlichkeit: 100 bis 200 Millionen Euro würden ihnen bis Ende der laufenden Leistungsvereinbarung fehlen.