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Kalter Krieg im Tal der Ahnungslosen

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Fieberhaft ging die Stasi, der DDR-Geheimdienst, ans Werk und setzte modernste Elektronik ein, um die Erpresser aufzuspüren. Die Zeit drängte, denn das Ultimatum lief November 1984 ab: Wenn bis dahin nicht mindestens drei Rundfunk- und Fernsehprogramme aus der Bundesrepublik empfangbar seien, würde der 252 Meter hohe Prestigebau in die Luft fliegen.


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Doch trotz größter Anstrengungen scheiterte die Suche. Eine Woche nach Ablauf der Drohfrist langte ein zweites Schreiben ein: "Wir erweitern die Objekt-Liste", schrieben die mysteriösen Erpresser nicht ohne Häme, "Sprengung ist leicht, denn Technik ist empfindlich - wie ihr". Bis heute konnten die Urheber nicht entdeckt werden. Ihre Drohungen wurden nie verwirklicht.

Dennoch wirft das Vorkommnis ein Licht auf die damaligen Verhältnisse im "Tal der Ahnungslosen". So nannte man die Südost-Ecke der DDR, die kein Westfernsehen empfangen konnte. Dazu zählten Dresden und der gleichnamige Bezirk, aber auch einige ungünstig gelegene Landstriche rund um Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt).

Das Kapitel deutsch-deutscher Geschichte muss noch geschrieben werden, welchen Beitrag zum Zusammenbruch der DDR das Fernsehen geleistet hat. Immer schon war den Mächtigen im Osten das "Westfernsehen" ein Dorn im Auge. Anfangs wurde es aktiv bekämpft. Zum Beispiel mit der "Aktion Ochsenkopf", benannt nach den unförmigen Antennen zum Empfang von ARD oder ZDF. "Blauhemden" der FDJ (die Jugendorganisation der DDR) sägten nach Westen ausgerichtete Antennen ab.

Einige kamen für das Schauen von Westprogrammen ins Gefängnis - offiziell wegen "Weitergabe von Informationen aus Westmedien". Schon der Empfang des Westfernsehens sollte bestraft werden. Der damalige Chef des Staatlichen Rundfunkkomitees, Gerhart Eisler, konnte allerdings mit dem Argument, dass dies ein "Rückfall in das Rechtssystem des deutschen Faschismus" wäre, das Schlimmste verhindern. In den 70er-Jahren fand man sich allmählich damit ab, dass die Leute Westfernsehen schauten. Und schließlich konnte man sogar Satelliten-Schüsseln aus dem DDR-Versandkatalog bestellen.

Das Interesse der DDR-Bürger an den Nachrichtensendungen der Bundesrepublik war groß. Da sie aber auch die Meldungen der "Aktuellen Kamera" verfolgten - man musste ja schließlich Bescheid wissen -, waren die meisten Bürger die wohl Bestinformierten des Ostblocks, wenn nicht ganz Europas. Nicht so die Bewohner im "Tal der Ahnungslosen". Alle "Antennengemeinschaften", alle privaten Kabelnetze, selbst die ausgetüfteltsten Empfangsmasten konnten keinen störungsfreien, dauerhaften Empfang des Westfernsehens garantieren.

Mitunter half hier nur noch private Selbsthilfe wie der sogenannte Urlauberaustausch: Familien aus dem Bezirk Dresden, deren Haus in schöner Landschaft lag, tauschten zur Urlaubszeit mit Berlinern die Wohnung. Davon profitierten beide - die einen von der preiswerten Erholung, die anderen vom Westfernsehen und den besseren Einkaufsmöglichkeiten.

Freilich blieben die meisten Menschen rund um Dresden ausgeschlossen. Dies hatte paradoxe Folgen: Das "Tal der Ahnungslosen" war die Region mit den meisten Ausreiseanträgen, den meisten Eingaben und der größten politischen Unzufriedenheit.

Die SED hatte selbst ihren Untergang beschleunigt. Trotz aller Zensur konnte sie nicht verhindern, dass ihre Bürger allabendlich "ausreisten", indem sie das Westfernsehen anmachten. Und die anderen wurden immer wütender. Der Drang nach Informationsfreiheit, der die DDR hinwegfegte, ist eben ein menschliches Grundbedürfnis.