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Kampf gegen israelische Skinheads

Von WZ-Korrespondent Oran Geller

Politik

Neonazi-Umtriebe im jüdischen Staat. | Verein geht gegen Radikale vor, Politik stellt sich blind. | Jerusalem. "Würde ich mich nicht schämen, Angst zu haben, ja, dann würde ich mich fürchten", meint Salman Gilitschinski. Er ist orthodoxer Jude aus Jerusalem und Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins "Demir", der sich dem Kampf gegen israelischen Neonazismus verschrieben hat.


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Was wie ein schlechtes Oxymoron erscheint, ist zum Albtraum mancher Israelis geworden. So kann Wladimir, ein 30-jähriger Israeli, der aus Russland eingewandert ist, seine Begegnung mit israelischen Skinheads bis heute nicht richtig begreifen.

"Letztes Jahr, als ZSKA Moskau hier in Israel zu Gast war, waren meine Freunde und ich im Fußballstadion", erinnert er sich. Anfangs fand er es nur hässlich, dass junge Männer mit schwarzen Hosen und Springerstiefel im Stadion standen und pöbelten. Als einer der Hooligans sein Hemd auszog und Wladimir den Reichsadler quer über dessen Schulterblätter tätowiert sah, wollte er seinen Augen nicht trauen. "Der Kerl fluchte und beschimpfte uns Juden, wie ich es nur vom Ausland kenne", berichtet er. Als ein älterer Fußballfan den Skinhead aufforderte, endlich Ruhe zu geben, eskalierte die Situation weiter: Wladimir und seine Freunde mussten dazwischen gehen.

Solche und ähnliche Begebenheiten sind keine Seltenheit mehr in Israel, berichtet Gilitschinski. Er verfolgt das braune Geschehen im Internet wie auch in den Zeitungen und stellt Betroffenen juristischen Rechtsbeistand zur Verfügung.

Vorwürfe erhebt der Vorsitzende von "Demir" gegen die Politik: Diese würde auf beiden Augen blind sein und das Phänomen totschweigen. So wandte sich Gilitschinski an den Staatspräsidenten mit der Aufforderung, gegen die rechtsradikalen Umtriebe resoluter einzuschreiten. Er erhielt nur eine knappe Antwort: Der Präsident verurteile diese Begebenheiten in der Tat, teilte das Büro des Staatsoberhauptes mit.

Lasche Polizei

Auch die Polizei ignoriere den aufkeimenden Radikalismus. Sie würde nicht genügend gegen diesen vorgehen und wenn er nachfrage, in welchem Ausmaß eine Szene in Israel vorhanden ist und wie diese agiert, bekommt er keine Antwort, klagt Gilitschinski.

Da Zahlen und Statistiken unter Verschluss gehalten werden, kann "Demir" nur schätzen, wie groß die kahlköpfige Szene in Israel ist. Anhand von den Verkaufszahlen einer russischen Rassisten-Band, die ihre CDs auch nach Israel verschickt hat, geht Gilitschinski von einigen hundert Mann aus. Auch weiß er, das im Norden des Landes oft einschlägige Rituale abgehalten werden.

In einem Aspekt würden sich die israelischen Neonazis von ihren ausländischen Kameraden jedoch klar unterscheiden: "Während in Russland solche Männer meist mit Rohren und Stöcken hantieren, kann dies hierzulande ganz anders aussehen. Da hier jeder zum Militär muss, fällt der Zugang zu Waffen sehr leicht aus."

Giltschinski hat die Entscheidungsträger bis dato nicht dazu bringen können, ihre Augen zu öffnen. Und er ist der Meinung, dass dies auch gar nicht gewollt sei, denn dann müsse Israel seine Einwanderungspolitik in Ost-Europa ändern. "In den in Russland ausgelegten Broschüren, die die Einwanderung thematisieren, steht nichts über die jüdische Heimstätte", sagt er. "Israel will lediglich große Kontingente von Einwanderer ins Land lassen, da wundert es mich nicht, dass auch solche faule Eier darunter sind."