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Kampf gegen militante Palästinenser schweißt die Libanesen zusammen

Von Markus Bickel

Analysen

Der Kreis schließt sich: Mehr als dreißig Jahre nach Beginn des Bürgerkrieges 1975 sind die 400.000 im Libanon lebenden Palästinenser und ihre bewaffneten Milizen zurück in den Mittelpunkt des politischen Geschehens der Zedernrepublik geraten. Aber anders als damals sind angesichts der schweren Kämpfe zwischen der Armee und den islamistischen Kämpfern im Norden des Landes die seit mehr als einem halben Jahr zerstrittenen Regierungs- und Oppositionsparteien des Libanon diesmal zusammengerückt.


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Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die autonomen Verhältnisse in den zwölf Palästinenserlagern sowohl der vom Westen unterstützten Regierung des sunnitischen Premierminister Fouad Sinioras ein Dorn im Auge sind wie auch der vom Iran und Syrien unterstützten Hisbollah: Zwar steht die schiitische "Partei Gottes" von Generalsekretär Hassan Nasrallah sunnitischen Palästinenserorganisationen wie Hamas und Islamischer Jihad aufgrund des gemeinsamen Kampfes gegen Israel politisch nahe. Doch eine Infragestellung der libanesischen Souveränität widerspricht ihrem seit Ende des Bürgerkrieges 1990 entwickelten Selbstverständnis als genuin libanesische Kraft.

Hinzu kommt, dass die Informationen über die ausländischen Sponsoren von Fatah al-Islam bis heute widersprüchlich sind. Möglicherweise spielt ihr Führer, Shaker al-Absi, ein doppeltes Spiel - und erfüllt syrische Interessen ebenso wie saudi-arabische. Denn während Damaskus seit dem Abzug syrischer Truppen 2005 ein Interesse an einer Destabilisierung des Libanon hat, um eine mögliche Rückkehr zu ermöglichen, setzt Saudi-Arabien auf eine Stärkung des sunnitischen Einflusses in der Zedernrepublik.

Erst in der Februar-Ausgabe des "New Yorker" hatte der US-amerikanische Journalist Seymour Hersh die libanesische Regierung beschuldigt, Fatah al-Islam mit saudi-arabischen Geldern selbst aufgebaut zu haben - ein Vorwurf, den Siniora und seine Verbündeten heftig bestritten. Doch völlig aus der Luft gegriffen scheint der Verdacht nicht: Der heutige Mehrheitsführer der prowestlichen Parteien im Parlament, Saad Hariri, erwirkte 2005 eine Amnestie für 22 islamistische Kämpfer.

Sollte es Fatah al-Islam gelingen, der islamistischen Terrororganisation Al-Kaida nahe stehende Gruppen, die vor allem im größten Palästinenserlager Ain el-Helweh stark vertreten sind, auf ihre Seite zu ziehen, wäre eine Ausweitung des bisher begrenzten Konflikts nicht mehr auszuschließen. Zustände wie am Vorabend des Bürgerkriegs in den frühen 1970er Jahren, als der Staat seine Souveränität vor allem im an Israel angrenzenden Süden des Landes einbüßte, wären die Folge.

Doch wahrscheinlicher erscheint eine Einigung - und die bereits im Frühjahr 2006 von allen Parteien beschlossene Entwaffnung der palästinensischen Milizen. Seite 8