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Kampf um die Stimmen der Latinos

Von Alexander Dworzak

Politik

Minderheiten wählen in den USA mehrheitlich die Demokraten. Dieser Vorsprung ist aber nicht garantiert.


Catherine Cortez Masto gelang bei der Wahl zum Senat 2016 historisches: Als erste Frau mit lateinamerikanischen Wurzeln wurde sie in die US-Parlamentskammer gewählt und vertritt den Bundesstaat Nevada für die Demokratische Partei. Der Einzug in den Senat bedeutete den Höhepunkt einer glanzvollen Karriere für die Tochter eines Mexikaners und einer Italienerin: In den 1990ern nahm sie Nevadas damaliger Gouverneur Bob Miller unter seine Fittiche, Cortez Masto stieg zur Stabschefin auf. Die promovierte Juristin diente ab den Nullerjahren als Attorney General, war somit Chefin der Strafverfolgungsbehörde und Regierungsberaterin. Weil nach Ablauf der beiden Amtszeiten keine Verlängerung möglich war, suchte Cortez Masto ein neues Betätigungsfeld und fand es wieder in der Politik.

Bei den Midterms, den Zwischenwahlen am Dienstag, drohte der mittlerweile 58-jährigen der Karriereknick: Die Demoskopen sehen ihren republikanischen Herausforderer Adam Laxalt mehrheitlich in Führung. Eindeutig sind die Umfrageergebnisse jedoch nicht, manche Institute machen eine Führung von Cortez Masto aus, jedoch nur mit äußerst knappem Vorsprung.

Ausgerechnet die Stimmen von Latinos und Hispanics könnten Laxalt den Sieg bringen. Dessen Republikaner bedienen nicht nur nationalistische weiße Wähler, sie buhlen ebenfalls um Stimmen unter Minderheiten. Es ist eine pure demografische Notwendigkeit. Denn von den rund 3,1 Millionen Bürgern im westlichen Bundesstaat sind lediglich 47 Prozent weiß. Drei von zehn Einwohner Nevadas stammen aus Mittel- oder Südamerika beziehungsweise aus Spanien. Schwarze machen zehn, asiatischstämmige Personen neun Prozent aus.

Minderheiten wählen seit langem mehrheitlich demokratisch - jedoch in unterschiedlichem Ausmaß. Und auch innerhalb einer ethnischen Gruppe ist das Wahlverhalten alles andere als homogen. Bestes Beispiel sind die Hispanics und Latinos in Florida: Unter Kubanern sind die Republikaner überdurchschnittlich beliebt, auch aufgrund der Gleichsetzung von Demokraten mit Sozialisten. Der Hass auf das Regime in Havanna soll so auf die Konkurrenz in Florida abfärben. Umgekehrt gehören Puerto Ricaner zu den stärksten Befürwortern der Demokraten. Bekannteste Politikerin mit Wurzeln in Puerto Rico ist die Parteilinke Alexandria Ocasio-Cortez.

Unter Biden verloren

Unter den Minderheiten Nevadas hatte Cortez Masto bei der Senatswahl viel zu verlieren. 2016 lag sie insgesamt nur 2,4 Prozentpunkte vor ihrem republikanischen Konkurrenten Joe Heck. Unter Latinos waren es jedoch fast 30 Prozentpunkte, 61 Prozent stimmten für Cortez Masto und 32 Prozent für Laxalt. Auch bei der Präsidentschaftswahl 2016 konnte sich die landesweit unterlegene Hillary Clinton mehr als 60 Prozent in Nevada erzielen. Vier Jahre später fiel Joe Biden klar unter diese Marke und erreichte 56 Prozent. Laut dem Online-Portal "Daily Beast" legte Donald Trump um 8 Prozentpunkte zu und kam auf 37 Prozent.

Laxalt, Nachfolger von Cortez Masto als Attorney General, wurde bei den republikanischen Vorwahlen von Trump unterstützt. Er fordert die Bürger auf, "Verteidiger der Freiheit" zu sein und "für Adam" zu stimmen. Seine Kampagne nimmt Anleihen an Texas und Florida, wo die Republikaner in Umfragen reüssieren konnten. Demnach brächten die hohe Inflation und rapide gestiegene Benzinpreise den "Amerikanische Traum" in Gefahr. Für Wandel könne nur ein republikanischer Politiker sorgen. Die fehlgeleitete Politik von Präsident Biden und Senatorin Cortez Masto hätten Nevadas Familien ans Ende in praktisch jeder Statistik gebracht heißt es auf Laxalts Webseite, ohne konkrete Daten zu liefern. Zweifelfrei zugesetzt hat aber die Corona-Pandemie dem Bundesstaat, Glücksspiel, Hotellerie und Tourismus wurden stark getroffen.

Cortez Masto warb offensiv um Stimmen der Minderheiten: "Schicke Latinas in den Kongress", prangt auf einem T-Shirt in ihrem Online-Shop. Die zweite groß beworbene Botschaft lautete: "Stolz für das Abtreibungsrecht." Im Juni kippte das Oberste Gericht das bundesweite Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Mehrere Bundesstaaten, unter ihnen auch Texas, haben ihre Regeln daraufhin verschärft. Die Demokraten hofften, dass ihnen die Empörung über den Richterspruch Zulauf verschafft. Doch die angespannte Wirtschaftslage steht oft im Vordergrund.

Polarisierendes Gerrymandering

Von der Abtreibungsregelung sind auch viele Latinas und Hispanics betroffen. Deren Einwohnerzahl ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen, inklusive Männer sind es 62,5 Millionen von 332 Millionen Bürgern. Sie tragen damit entscheidend zum Bevölkerungswachstum in den Vereinigten Staaten bei. 23 Millionen Einwohner mehr als 2010 wurden im Jahr 2021 gezählt. Von diesen sind 52 Prozent Latinos oder Hispanics. Zum Vergleich: Die Zahl der Weißen stagniert bei 193 Millionen, 39 Millionen sind Schwarze, 19 Millionen Asian Americans und Personen mit zwei oder mehreren ethnischen Wurzeln machen 14 Millionen aus.

Die Latinos und Hispanics sind landesweit höchst unterschiedlich vertreten. Fast drei Viertel leben in nur neun der 50 Bundesstaaten. Unter den 3.140 regionalen Verwaltungseinheiten, den Counties, stellen sie in 1.668 Gebieten weniger als fünf Prozent der Bevölkerung.

Falls sich Wahlkreise demografisch zu Ungunsten einer Partei entwickeln, kann sich diese mit dem sogenannten Gerrymandering behelfen. Wahlkreise werden neu gezogen, und Mehrheiten abgesichert. Entscheidend ist dann nicht mehr der Kampf zwischen Republikanern und Demokraten, sondern der parteiinterne Vorwahlkampf. Im Falle Nevadas gilt das nicht. Hier deutet sich ein klassicher Wechsel hin zum Republikaner Laxalt an.