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Kampf um jeden Ölbaum

Von Andreas Hackl

Reflexionen

Die palästinensische Olivenernte ist zu einem Akt des Widerstands gegen die israelische Besatzungspolitik geworden. Auch österreichische und deutsche Aktivisten helfen dabei mit - und geraten buchstäblich zwischen die Fronten.


Es ist stockdunkel im nördlichen Westjordanland. Nur die grellen Lichter der israelischen Siedlung Kedumim sind zu sehen. Bis hierher hat das Navigationssystem funktioniert, doch nicht weiter. Denn das GPS erkennt hier nur israelische Orte. Die palästinensischen Dörfer existieren im System der Satellitennavigation scheinbar nicht. Genauso wenig sind sie auf der israelischen Landkarte oder auf Google-Maps zu finden.

Um solch stolze Exemplare wie diesen Olivenbaum auf einem Hügel im Westjordanland gibt es Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Siedlern.
© Foto: Hackl

Arbeitshilfe und Schutz

Auch für die junge israelische Tankstellenwärterin in der Siedlung ist der palästinensische Nachbarort Kafr Qaddum kaum mehr als Luft. "Sorry, keine Ahnung, wo das liegt", sagt die Frau genervt. Mit Palästinensern will hier niemand etwas zu tun haben, auch wenn Kedumim wie andere Siedlungen mitten im Palästinensergebiet liegt. Erst nach Umwegen vorbei an der abgesperrten Siedlung und unzähligen Olivenbäumen endet die Reise auch ohne GPS an ihrem Zielort: dem Rathaus von Kafr Qaddum, wo sich österreichische und deutsche Aktivisten für mehrere Wochen ein Matratzenlager eingerichtet haben.

Sie sind gekommen, um die Dorfbewohner bei der jährlichen Olivenernte zu unterstützen. "Wir wollen Angriffe von Siedlern auf Palästinenser vermeiden und können dank unserer Präsenz über Vorfälle berichten", sagt die deutsche Aktivistin Andi. Seit zwei Wochen ist sie mit den anderen jeden Tag früh aufgestanden und hat palästinensische Familien zu ihren Olivenhainen begleitet. "Manche sehen uns als Arbeitshilfe, manche wollen uns einfach nur zum Schutz dabei haben", sagt die Österreicherin Manuela. Ihre Nachnamen wollen sie lieber nicht nennen, weil Israel oft gegen politische Aktivisten vorgeht und diese auch immer wieder abschiebt. Trotzdem ist die jährliche Olivenernte zu einem Fixpunkt ausländischer Aktivistengruppen geworden, die darin auch ein Symbol für den palästinensischen Widerstand gegen die Besatzungspolitik Israels sehen. Und diese Politik wirkt sich nicht nur auf die palästinensische Bevölkerung negativ aus, sondern auch auf die Umwelt, von der die Menschen hier wirtschaftlich abhängig sind.

Der Olivenzweig ist spätestens seit der historischen Rede des ehemalige Palästinenserpräsidenten Yassir Arafat vor der UNO-Generalversammlung 1972 zu einem Symbol für Palästina und den gewaltfreien Widerstand geworden. "Ich bin mit einem Olivenzweig und dem Gewehr eines Kämpfers in der Hand gekommen. Lasst den Olivenzweig nicht aus meiner Hand fallen", sagte Arafat. Damit hat er den Olivenbaum als Symbol für Land und Selbstbestimmung dem bewaffneten Widerstand gegenübergestellt.

Acht Millionen Bäume

Rund 40 Jahre später schlagen acht Millionen Olivenbäume ihre Wurzeln in die raue Erde der Palästinensergebiete. Sie bedecken die Hälfte aller palästinensischen Agrarflächen und sind damit für Zehntausende Menschen eine lebenswichtige Einkommensquelle. Olivenöl macht immerhin rund 14 Prozent der palästinensischen Landwirtschaftseinnahmen aus. Außerdem ist die Ernte seit Generationen ein sozialer Höhepunkt, der nicht nur viel Arbeit, sondern auch viel Freude mit sich bringt.

"Ich war das erste Mal mit meinen Eltern ernten, als ich fünf Jahre alt war", erinnert sich der heute 60-jährige Elias Azar, Bürgermeister des palästinensischen Dorfes Aboud, unweit der Stadt Ramallah im Westjordanland. Wie in Kafr Qaddum ist auch hier die Ernte für die Bewohner von zen-traler gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Bedeutung. Allerdings wurden bereits 39 Prozent der Ländereien des Dorfes von einer israelischen Siedlung besetzt. So haben manche Dorfbewohner keinen Zugang zu ihren Olivenbäumen mehr, wenn diese nicht schon zerstört wurden.

"Das Land, auf dem heute die Siedlung steht, war voll mit Olivenbäumen", sagt der 75-jährige Youssef Fawadle während der Ernte in Aboud. "Früher war ich dort ernten." Seitdem gibt es weniger Land, die Ernte ist schlechter, und die Gewalt radikaler Siedler häufiger geworden. Denn israelische Siedlungen haben palästinensisches Land in einen verwirrenden Fleckenteppich verwandelt und sind teilweise zu Quellen politisch motivierter Gewalt gegen Palästinenser geworden.

Drei Bedrohungen

"Siedler bedrohen die Ernte auf drei Arten: sie stehlen Oliven, sie greifen Bäume und Bauern an, und sie verbrennen Felder", sagt Walid Assaf, Landwirtschaftsminister der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah. "Für uns sind diese Siedler keine Zivilisten. Sie haben automatische Waffen und werden von der israelischen Armee beschützt."

Laut dem UN-Büro für humanitäre Hilfe (OCHA) wurden allein zwischen Jänner und Oktober 2012 mehr als 7500 palästinensische Olivenbäume von israelischen Siedlern zerstört oder beschädigt. Dabei werden Extremisten aus den Siedlungen oft auch gegenüber den Bauern handgreiflich. Das israelische Militär hat zwar während der Erntesaison palästinensischen Bauern Schutz zugesagt, doch derartige Hilfe der Besatzungsmacht interpretieren viele Palästinenser eher zynisch. Doch da ihre eigenen Sicherheitskräfte machtlos sind, bleibt vielen nichts anderes übrig.

Nach einer Rede von Yassir Arafat vor der UNO-Generalversammlung 1972 wurde der Olivenzweig zu einem Symbol für Palästina und den gewaltfreien Widerstand. Hier ein Poster des ehemaligen Palästinenserpräsidenten im Rathaus von Kafr Qaddum, wo Aktivisten einige Wochen auf Matratzen verbracht haben.
© Foto: Hackl

"In den meisten Gebieten des Westjordanlandes ist palästinensischen Sicherheitskräften der Zutritt verboten", sagt Nur Odeh, Sprecherin der Palästinensischen Autonomiebehörde. "Als Besatzungsmacht ist dort Israel zum Schutz der Zivilbevölkerung verpflichtet. Aber die Realität ist anders", sagt sie mit Blick auf die Siedlung nahe Aboud. "Wenn hier ein Bauer von Siedlern angegriffen wird, schützt ihn niemand."

Viele Bauern kommen gar nicht oder nur sehr kurz zu ihren Feldern, weil diese durch die israelische Sperrmauer und andere Barrieren abgesperrt sind. Zwar hat die israelische Verwaltung im Westjordanland vielen Bauern Genehmigungen für die Ernte erteilt, doch oft nur für wenige Tage. Das wollen viele Bauern nicht einsehen. Denn so können sie die Bäume das Jahr über nicht pflegen, sodass die Ernte merklich schlechter ausfällt.

Internationale Organisationen kritisieren das Verhalten Israels und verweisen auf dessen rechtliche Verpflichtungen. "Als Besatzungsmacht muss Israel nach internationalem Recht seine Pflicht wahrnehmen und palästinensische Zivilisten und deren Eigentum schützen", schreibt das UN-Büro für Humanitär Hilfe (OCHA) in einem Bericht. "Es muss den sicheren Zugang von Bauern zu ihren Feldern das ganze Jahr über garantieren und jene zur Rechenschaft ziehen, die für Angriffe verantwortlich sind."

Doch erfahrungsgemäß genießen Siedler, was Gewaltdelikte gegen Palästinenser betrifft, faktische Straffreiheit: Bei 162 Anzeigen von Palästinensern wegen Angriffen durch Siedler kam es seit 2005 nur in einem einzigen Fall zu einer Verurteilung, schreibt die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din.

Ungeschützt vor Angriffen und gewillt, sich international Gehör zu verschaffen, haben über die letzten Jahre viele Dörfer die Unterstützung von ausländischen Aktivisten in Anspruch genommen. Diese helfen ihnen bei der Ernte und sollen sie vor Gewalt schützen. Und sie sollen zu Hause erzählen, was sie erlebt haben. Dabei lernen die Aktivisten auch mehr über einander - und über sich selbst.

Es ist sieben Uhr morgens und die Sonne blinzelt durch die Fenster des Matratzenlagers im zweiten Stock des Rathauses von Kafr Qaddum. Verschlafene Gestalten stellen einen Topf mit Wasser auf, kochen Kaffee und putzen sich die Zähne. Es ist der letzte Tag für die Gruppe aus Österreich und Deutschland. Einige werden bald abreisen. Eine Gruppe von Frauen bleibt noch für einen letzten Einsatz: Eine palästinensische Familie soll zu einem Olivenhain innerhalb der Grenzen der Siedlung Kedumim begleitet werden.

"Ich glaube nicht, dass wir ,Internationals‘ heute mit in die Siedlung dürfen", sagt die Aktivistin Andi. Sie ist ständig in Kontakt mit dem regionalen Koordinationsbüro der israelischen Zivilverwaltung. Ob die Familie des ehemaligen Bürgermeisters an diesem Tag zu den Bäumen darf, hängt ganz von Israels Armee ab.

Die Aktivistinnen verlassen das Haus und marschieren einige Minuten durch die Straßen von Kafr Qaddum. Dann bleiben sie vor einem heruntergekommenen Haus stehen. Die Fassade ist unverputzt und in den Wänden fehlen die Fenster. Andi klopft an die Tür, bis ein verschlafener Mann öffnet. "Wir sind gleich soweit. Aber zuerst trinken wir Tee", sagt Mohamed Shteiwi, der ehemalige Bürgermeister. "Immer das Gleiche", sagt eine der Aktivistinnen scherzhaft. "Egal, wann wir aufstehen, es gibt immer zuerst Tee."

Langsam wacht auch der Rest von Mohameds Familie auf. Sie packen eine Plastikplane, Werkzeug und genügend Wasser ein. Und dann geht die Erntedelegation den Hügel hinauf bis zur Grenze der Siedlung, wo schon eine junge israelische Soldatin auf sie wartet. Freundlich und ruhig erklärt sie, dass die Familie ohne Probleme weiter darf. Die "Internationals" müssen aber draußen bleiben. "Warum?", fragen die Aktivistinnen. "Es ist eine militärische Sperrzone. Der Zutritt ist nicht erlaubt", meint die Soldatin.

Militärische Zonen

Die ausländischen Helfer kennen diesen "Trick". Denn militärische Zonen kann das israelische Militär willkürlich und zu jeder Zeit erklären, müsste dafür aber eigentlich eine schriftliche Order des Kommandanten vorweisen. Derartige Zonen sind ein rechtsfreier Raum, in welchem der Aufenthalt verboten ist. Aber die Aktivistinnen wissen auch, dass es ihr letzter Tag ist, dass sie von der Ernte erschöpft sind und sie zu diesem Zeitpunkt keine Eskalation mit dem Militär brauchen können. Sie wollen nicht, dass ihre Personendaten nochmals regis-triert werden. Letztlich sei am wichtigsten, dass die Familie durch darf, sind sie sich einig. Auch wenn das Militär Schutz vor Übergriffen der Siedler verspricht, sind die Erntehelfer dennoch enttäuscht.

"Ich bin schon wütend", sagt eine der Aktivistinnen. "Wir sind hier, um sie zu schützen. Wer weiß, was in der Siedlung passiert." Das Eintrittsverbot für die Gruppe zeigt vor allem, wie klein der Raum geworden ist, in dem sich ausländische Helfer unter Palästinensern bewegen können. Denn jegliche Konfrontation mit dem Militär könnte zu einer Abschiebung führen. Sie alle sind auf Listen der Grenzpolizei verzeichnet und könnten bei der nächsten Einreise wieder zurückgeschickt werden. Aus Sicht der israelischen Regierung gibt es eine klare Grenze zwischen humanitärer Arbeit und politischem Engagement.

"Humanitäre Arbeit heißt, dass sie im Bereich Gesundheit, Nahrung oder Wohlfahrt den Menschen helfen. Aber wenn es dabei auch um ein politische Urteilnahme geht, ist das nicht humanitär", sagt Ilana Stein, Vize-Sprecherin des israelischen Außenministeriums. "Wenn sie Partei ergreifen und ihre Meinung sagen, ist das politisch."

Der palästinensische Landwirtschaftsminister Waild Assaf betätigt sich als Pflücker.
© Foto: Hackl

Die ausländischen Helferinnen sind durch ihre Arbeit in Kafr Qaddum jedoch zu einem anderen Schluss gekommen. Das Politische und Soziale ist für sie nicht zu trennen, es gehört zusammen. Sie leisten soziale Arbeit, sind aber auch politisch motiviert und wollen der Ungerechtigkeit der israelischen Besatzung etwas entgegensetzen.

"Einer der Bauern hier im Ort sagte zu mir: ,Zuerst belügen sie dich, dann stehlen sie dein Land, und dann töten sie dich‘", erinnert sich Max, ein Religionslehrer aus Österreich, der als Teil der ausländischen Delegation nach Kafr Qaddum gekommen ist. "Ich habe hier einiges erlebt, und das Ausmaß dieser Lage war mir nicht klar. Wie schnell diese Siedlungen wachsen, wie Israel Stück für Stück Land stiehlt. Auch Wasser wird gestohlen", sagt er. "Ich werde auf jeden Fall allen in Österreich erzählen, dass sie die israelische Regierung nicht unterstützen sollen. Ich will auch Vorträge halten und etwas über meine Erlebnisse veröffentlichen."

Die Gruppe hat sich schon vor der Reise in das Palästinensergebiet in Linz bei einem Vorbereitungstraining getroffen. Teil dieses Trainings waren auch Rollenspiele, um sich auf die Lage vor Ort vorzubereiten. Dabei ging es um das richtige Verhalten bei der Einreise nach Israel, um den Umgang mit Gewalt, aber auch um Strategien gegen mögliche sexuelle Übergriffe. "So gemütlich ist das nicht immer. Oft sitzen wir Frauen mit drei Männern auf der Rückbank eines Autos", sagt Gudrun, eine Aktivistin aus Bayern.

Was sie letztendlich erwartet, wussten die meisten jedoch nicht. "Am liebsten würde ich mich von hier weg beamen. Ich habe überhaupt keine Lust, in Tel Aviv zu sein", sagt Karin, die insgesamt schon zweimal drei Monate in den Palästinensergebieten als Aktivistin aktiv war. Ihre Abscheu für die israelische Besatzungspolitik habe auch zu ethischen Dilemmas geführt. Beispielsweise habe sie beim Autostoppen bewusst nur Autos angehalten, die palästinensische Kennzeichen hatten. "Mit Israelis würde ich nicht mitfahren", sagt sie. Derartige Selektion sei zwar gegen ihre menschliche Einstellung. Doch es ginge einfach nicht anders. "Würde ich mit Siedlern mitfahren, würde ich nicht anerkennen, dass es hier von Israel besetztes Gebiet ist."

Gefahr Antisemitismus

Die Österreicherin Manuela trägt einen ähnlichen Konflikt mit sich selbst aus, auch wenn sie zu anderen Schlüssen kommt. "Für mich ist es extrem wichtig, dass ich jetzt nochmals in Tel Aviv ankomme. Ich liebe diese Stadt", sagt die Sozialarbeiterin. Schon lange sei sie in der antifaschistischen Bewegung aktiv und wisse deshalb gut, dass Kritik an Israel auch eine problematische Gratwanderung sein kann, besonders wenn Israel dabei das Existenzrecht abgesprochen wird. "Da gibt es auch die Gefahr von Antisemitismus", sagt sie. Besonders unter den Palästinensern, die oft mit eindeutigen Aussagen auf die österreichische Herkunft von Erntehelfern reagieren. "Österreich? Das ist gut. Hitler ist aus Österreich." Gerade deshalb sieht Manuela es auch als Teil ihrer Aufgabe an, die Menschen in Palästina über den Nationalsozialismus aufzuklären. "Wir sind hier, um die Menschen zu unterstützen. Aber auch, um anzuerkennen, dass es dieses Problem auch gibt."

Andreas Hackl, geboren 1985, ist "Wiener Zeitung"-Korrespondent für Israel und Palästina und freier Journalist für den Nahen Osten. Er schreibt auch humanitäre Analysen für die UN-Nachrichtenagentur IRINnews.org