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Kämpfen, sterben oder fliehen

Von Katharina Zedlacher

Asyl

Ahmad hat eine Flüchtlingsodyssee hinter sich. Gelandet ist er - unfreiwillig - in Österreich.


© Peter M. Hoffmann

Mariahof. Ahmad führt die Hand zum Herzen und ringt nach Luft. Zitternd holt er seinen Ausweis aus der Hosentasche und gibt ihn der Postlerin, die einen blauen Rsa-Brief für Ahmad in der Hand hält. Als er ihn öffnet, schießen dem 35-jährigen Tränen in die Augen vor Freude - es ist ein positiver Asylbescheid. Ahmads Odyssee ist mit dem Schreiben zu Ende. Der dreifache Familienvater kommt aus Syrien, seine Heimat hat er vor zweieinhalb Jahren verlassen. In Österreich ist er seit September des Vorjahres - da griff ihn die Polizei auf der Autobahn von Ungarn kommend auf. Dabei wollte er ursprünglich nach Schweden, wo ein syrischer Freund von ihm lebt.

© Peter M. Hoffmann

Doch zurück ins Jahr 2013, als Ahmads Flucht begann. Es war Anfang des Jahres, als der gelernte Optiker, der mit seiner Ehefrau und seinen drei kleinen Kindern in der Hauptstadt Damaskus lebte, seinen Einberufungsbefehl bekam. Er sollte für das Regime Bashar al-Assads in den Krieg ziehen. Da war für Ahmad klar, er musste seine Heimat Syrien, wo er bis zum Beginn des Bürgerkrieges 2011 ein beschauliches Leben führte, verlassen. "Es gab außer Flucht nur zwei Möglichkeiten für mich: kämpfen oder sterben", erzählt Ahmad. Wer dem Einberufungsbefehl nicht Folge leistet, muss das in Syrien mit dem Leben bezahlen. Es musste damals alles schnell gehen, denn seine Heimat war für Ahmad und seine Familie nicht mehr sicher.

Ahmad hat seine Rettung mit dem Handy gefilmt:

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Der Libanon wurde schließlich wie für fast alle Syrer aus der Gegend um Damaskus zur ersten Station seiner Flucht. Während man vom Norden Syriens rund um Aleppo - zumindest bis vor Kurzem - relativ einfach die Grenze in die Türkei passieren konnte, war Ahmad in Damaskus gezwungen, den Weg über den Libanon zu nehmen. Um die erforderlichen Dokumente für eine Ausreise zu bekommen, musste er Leute in der Verwaltung bestechen. Seine Frau und seine drei Kinder im Alter von zwei bis sieben Jahre kamen mit ihm mit. "Wir haben ursprünglich gedacht, der Krieg wird nicht lange dauern und waren immer darauf eingestellt, bald wieder nach Hause zurückkehren zu können", sagt Ahmad. Doch bald war klar, der Krieg in Syrien würde nicht so schnell enden. "Da habe ich dann erstmals begonnen, über eine Flucht nach Europa nachzudenken", erinnert sich Ahmad.

© Peter M. Hoffmann

Keine Zukunftsperspektiven im Nahen Osten

Im Libanon selbst - er verbrachte insgesamt eineinhalb Jahre dort und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser - hätte es für ihn als Syrer keine Zukunft gegeben. Im syrischen Nachbarland leben mehr als 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge - und das bei nur knapp über vier Millionen Libanesen. "Syrer leben im Libanon sehr gefährlich. Im Land spielt die schiitische Hisbollah eine wichtige Rolle, und von offizieller Seite sind Menschen aus Syrien kaum willkommen", erklärt Ahmad die Situation seiner Landsleute. Seine Frau, die beiden Töchter und den Sohn schickte er deshalb bald in die Türkei, wo sie noch heute leben, und warten, bis sie wieder mit ihm wieder vereint sein können. Auch die anderen arabischen Staaten zeigten wenig Solidarität mit der vom Krieg gebeutelten syrischen Bevölkerung, klagt Ahmad. Vor dem Krieg hätten Syrer ohne Visum in fast alle anderen arabischen Länder reisen können, jetzt müsse man für die Einreiseerlaubnis zahlen.

© Peter M. Hoffmann

Als ihm dann der Bruder eines Freundes von seinem Leben in Schweden erzählte, sei eine Flucht nach Europa für ihn immer wahrscheinlicher geworden, schildert Ahmad weiter. Leicht sei ihm die Entscheidung aber nicht gefallen. Auch weil er wusste, dass der Weg nach Europa gefährlich und die Reise teuer werden würde.

Nach knapp eineinhalb Jahren im Libanon ging es für Ahmad dann schließlich weiter in die Türkei. Da begann er sich mit allerlei Leuten zu treffen, die ihm bei der Flucht nach Europa behilflich sein könnten. Fluchthelfer, also Schlepper, seien sehr leicht zu finden gewesen. "Das ist eine Mafia und ein Big Business. Diese Menschen scheren sich nur um Geld, alles andere ist ihnen egal", sagt Ahmad. Warum kommen hauptsächlich Männer nach Europa? Warum lassen die meisten Flüchtlinge Ihre Frauen und Kinder zurück? "Die Flucht ist gefährlich und die Schlepper sind es noch mehr", erklärt Ahmad, "denen ist es egal, ob jemand stirbt. Sie besitzen alle Waffen und schrecken nicht davor zurück, diese auch einzusetzen."

Ahmad erzählt von Vergewaltigungen und Übergriffen. Er und so viele seiner Landsleute wollen ihre Frauen und Kinder dieser Gefahr nicht ausliefern und machen sich deshalb alleine auf den Weg nach Europa - so schwer ihnen die Trennung von der Familie auch fällt.

Griechische Küstenwache ignorierte Notruf

1500 Euro musste Ahmad schließlich für die erste Etappe in Richtung EU an einen Schlepper bezahlen. Per Boot, das für rund 70 Personen zugelassen war, aber auf dem sich 150 Menschen befanden, ging es vom türkischen Izmir über die Ägäis nach Griechenland. Normalerweise dauert die Überfahrt zwischen einer halben und zwei Stunden. Nicht so bei Ahmad. Das Boot geriet in Seenot, und die Flüchtlinge, darunter auch kleine Kinder, trieben 30 Stunden am Wasser. "Der Bootskapitän rief die griechische Küstenwache um Hilfe, ich war beim Gespräch dabei. Aber niemand kam", erinnert sich der Syrer. Schließlich fuhr ein chinesisches Frachtschiff vorbei, das die Schiffsbrüchigen an Bord nahm und nach Griechenland brachte. Dort wurde dann zumindest der für die Überfahrt verantwortliche Schlepper von der griechischen Polizei verhaftet. Ahmad erhielt von der Polizei einen Ausweis. Mit diesem war er berechtigt, sechs Monate in Griechenland zu bleiben. Er wollte aber schon früher weiter, denn das Leben sei für Flüchtlinge in Griechenland sehr teuer, so Ahmad.

Zuerst versuchte er dreimal per Flugzeug in ein anderes EU-Land zu kommen, doch diese Versuche scheiterten. Also machte er sich wieder auf die Suche nach einem Schlepper, der ihn nach Serbien bringen konnte. Wie schon in der Türkei wurde er auch in Griechenland bald fündig. Man brauche in Athen bloß am eineinhalb Kilometer nördlich der Akorpolis gelegenen Omonia Platz, nachzufragen, dem inoffiziellen Treffpunkt für Schlepper und Flüchtlinge in Griechenland, berichtet der Syrer. 1350 Euro kostete es Ahmad schließlich, nach Serbien zu gelangen. Zuerst ging es per Zug nach Thessaloniki, dann mit dem Auto bis kurz vor die mazedonische Grenze. Diese passierte er schließlich in einem vierstündigen Fußmarsch.

Prügel von der serbischen Polizei

In Mazedonien wurde Ahmad gemeinsam mit anderen Flüchtlingen von den Schleppern für zwei Tage in einem Stall am Land untergebracht. Von dort ging es dann weiter nach Serbien, wieder zu Fuß über die Grenze. Doch diesmal wurden er und rund zwanzig weitere Flüchtlinge von der serbischen Polizei erwischt. Der Schlepper machte sich bereits vorher aus dem Staub. Von der serbischen Polizei hagelte es Prügel. "Viermal wurde ich auf den Kopf geschlagen", erinnert sich Ahmad. Die Polizei schickte die Flüchtlinge wieder retour nach Mazedonien. Beim zweiten Anlauf gelang Ahmad schließlich die Flucht nach Serbien.

Nächstes Etappenziel war Wien, 1600 Euro verlangte der Schlepper für die Reise von Belgrad über Ungarn in die Bundeshauptstadt. Die Grenze passierte er wieder zu Fuß, an einem "special point" wartete dann das Auto mit dem Fahrer, der Ahmad und drei weitere Flüchtlinge nach Wien bringen sollte. "Ich hatte wirklich Glück, dass wir nur zur fünft im Auto waren. Andere werden oft mit zwanzig anderen Personen in einen Van gepfercht", berichtet der Syrer der "Wiener Zeitung". Glück hatte Ahmad auch, dass die Reise durch Ungarn ohne Stopp verlief. Denn aus Erzählungen von seinen Mitbewohnern und anderen Syrern weiß er, dass die ungarische Polizei wenig zimperlich vorgeht. Wird ein Flüchtling in Ungarn erwischt, hat er folgende Möglichkeiten: Wenn er seine Fingerabdrücke abgibt, dann darf er bleiben. Gibt er seinen Fingerabdruck nicht her, geht es für zehn Tage ins Gefängnis, ehe man wieder in das Land zurückgeschoben wird, aus dem man kam. Nur wenn man ganz großes Glück hat, drückt die ungarische Polizei den Flüchtlingen ein Zugticket nach Wien in die Hand, erzählen Ahmads Wohnungskollegen von ihren Erfahrungen in Ungarn.

Nackt ausziehen, hieß es in Österreich

Doch bis Wien schaffte es Ahmad nicht. Auf der A4 bei Nickelsdorf wurden die Insassen von der Polizei gestoppt. Das war am 9. September des Vorjahres. Damit war die geplante Flucht nach Schweden für Ahmad vorbei. "Österreich ist bei Syrern nicht die erste Wahl, die meisten wollen nach Skandinavien", sagt Ahmad, "würde die Polizei die Menschen nicht aufgreifen, wären sie in spätestens drei Tagen aus Österreich wieder weg." Die österreichische Polizei brachte ihn dann auf eine Polizeistation, wo sie seine Personalien aufnahm und ihn neben allen anderen nackt durchsuchte, was Ahmad als sehr entwürdigend empfand. Ansonsten sei die Behandlung der österreichischen Polizisten aber in Ordnung gewesen, so der Syrer. Nach einer Woche in Traiskirchen ging es für zwei Monate in ein Quartier am Semmering, ehe Ahmad Mitte November in sein derzeitiges Zuhause, Mariahof in der Obersteiermark, kam.

In dem kleinen Ort lebt Ahmad mit sieben weiteren Syrern in einem privaten Quartier. Da warten die Männer im Alter von zwanzig bis 35 Jahren auf eine Entscheidung, geplagt von der Sorge um ihre Familien und der Ungewissheit über ihre Zukunft. "Wir wissen nicht, wann unser neues Leben beginnen kann. Es fühlt sich an wie im goldenen Käfig", beschreibt Ahmad die Zeit, in der er und seine Mitbewohner auf einen Interviewtermin für ihren Asylbescheid warten. Die Tage und Nächte sind lang, einziger Fixpunkt ist ein Deutschkurs einmal pro Woche. Die meiste Zeit sind die Männer über ihre Smartphones gebeugt. Sie sind ihr wichtigster Besitz. Dank Skype und WhatsApp können sie ihre Familien sehen, wenn auch nur digital. Seine drei Kinder vermisst Ahmad sehr, seine Tochter feierte kürzlich ihren fünften Geburtstag und fragte ihn auf Skype: "Warum bist du nicht da, Papa?" Seine Frau und Kinder seien glücklicherweise nicht mehr in Syrien, die Familien mancher seiner Mitbewohner schon.

Anfang Juni hatte Ahmad endlich seinen Interviewtermin in Graz. Er hatte Glück, denn aktuell werden keine Asylverfahren mehr bearbeitet. Aussagen von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, dass Österreich den Familiennachzug einschränken wolle, verunsichern Ahmad. Er versucht sich aber durch das politische Geplänkel nicht zu sehr beeinflussen zu lassen und positiv in die Zukunft zu blicken. Er hätte während der acht Monate in der Steiermark gerne mehr Deutsch gelernt, aber in seinem abgeschiedenen Quartier gab es wenig Kontakt zu Österreichern. Jetzt will er erstmals nach Wien, eine Arbeit finden und besser Deutsch lernen. Er weiß, das Leben in der Großstadt wird nicht leicht werden, aber der positive Asylbescheid hat ihm Mut gegeben.

Vergessen scheinen die tristen Tage im Winter, wo Ahmad und seine Wohnungskollegen einander abwechselnd moralisch aufbauen mussten, wenn wieder einmal Verzweiflung und Aussichtslosigkeit um sich griffen. Geld hat er keines mehr, das hat er alles für seine Flucht ausgegeben. Ahmads Ziele für die Zukunft sind nach den Erlebnissen der vergangenen zweieinhalb Jahre aber sowieso bescheiden: "Vielleicht einmal ein eigener kleiner Laden, wo ich als Optiker arbeiten kann, und der mir und meiner Familie das Auskommen sichert.", sagt Ahmad.

Zwei Tage nachdem er den positiven Asylbescheid erhalten hat, sitzt er mit seinem wenigen Hab und Gut bereits im Zug nach Wien. Eine Zugfahrt ins neue Leben, seit zweieinhalb Jahren das erste Mal ohne Angst.