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Kämpferin in einer Männerwelt

Von WZ-Korrespondentin Sonja Blaschke

Politik

Ledig, Feministin, AKW-Gegnerin: Mizuho Fukushima fällt aus dem Rahmen.


Tokio. Mizuho Fukushima ist ein Energiebündel: Trifft man eine der wenigen Frauen in Japans Politikbetrieb, sprudeln aus ihr nur so Meinungen und Informationen. Nach einer herzlichen Begrüßung, obwohl es das erste Treffen ist, setzt sich Fukushima in ihrem Büro mit dem Rücken zu einer Kommode mit Erinnerungsstücken. Die 57-Jährige mit ihren flotten kurzen Haaren und den für sie typischen farbenfrohen Jackett spricht routiniert und schnell, denn eine Stunde später hat sie den nächsten Termin. Zwischendurch wird sie einmal zur Begrüßung eines Gastes nach draußen gerufen. Nur wenn sie mit einer unerwarteten Frage konfrontiert wird, hält die Quirlige kurz inne. Dann legt sie den Kopf ein wenig zur Seite, überlegt und stellt eine These in den Raum: "Was halten Sie davon, wie wäre es mit dieser Theorie?", fragt sie die Journalistin danach auffordernd.

Einsatz gegen Atomkraft und für Frauenrechte

Mizuho Fukushima ist eine der bekanntesten Politikerinnen Japans: Seit 1998 sitzt sie im Oberhaus, von 2003 bis zu ihrem Rücktritt im Juli 2013 war sie Chefin der Sozialdemokratischen Partei (SDP) und von September 2009 bis Mai 2010 Ministerin für Konsumenten, Lebensmittelsicherheit, Soziales und Gleichberechtigung. Seit jeher engagiert sie sich für "unbequeme" Themen und gegen Diskriminierung jeglicher Art - auch wenn sie damit nicht immer den Nerv der Wähler trifft, die sich zuletzt mehr um die Wirtschaft sorgten. Bei den letzten Wahlen schaffte die SDP nicht einmal mehr ein Prozent.

Am bekanntesten ist Mizuho Fukushima für ihr Engagement gegen die Atomkraft, ein Thema, das in Japan lange so gut wie nicht öffentlich diskutiert wurde. Doch inzwischen sind etwa zwei Drittel für den sofortigen oder mittelfristigen Ausstieg, während Premier Shinzo Abe an der Atomkraft festhalten will. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Fukushima als langjährige AKW-Gegnerin so heißt wie das 2011 havarierte Atomkraftwerk.

Außerdem engagiert sie sich für Minderheiten, für Arme, für Ausländer, für Verbrecher in der Todeszelle - und für Frauen. Fukushima hat mehrere Bücher verfasst, von denen eines sich an ihre Tochter und andere junge Frauen richtet. In mit kurzen Merksätzen überschriebenen Kapiteln wie "Bitte aktiv um etwas" oder "Such dir einen Mentor" gibt sie ihnen mit vielen persönlichen Anekdoten angereicherte Tipps auf den Weg, wie sie sich in Privat- und Berufsleben behaupten können.

Der japanische Arbeitsmarkt ist in den Augen von Fukushima der größte Engpass auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung. Mit langen Arbeitszeiten und quasi obligatorischen Trinkabenden mit Kunden und Kollegen sei er stark auf Männer ausgerichtet. Kindererziehung parallel dazu sei so unmöglich.

Der Lebenslauf endet oft mit dem Beruf Hausfrau

Ohnehin wird von Japanerinnen, die schwanger werden, immer noch häufig erwartet, wenngleich weniger direkt gefordert als früher, ihre Stelle zu räumen. Selbst wenn sie ihren Job behalten können, kehrt nur ein Drittel in den Beruf zurück. Es fehlt an Kindergartenplätzen und finanzieller Unterstützung. Ein Gehalt für Frauen, von dem sie ein Kind ernähren können, sei immer noch nicht selbstverständlich, bemängelt Fukushima. Japan schaffte es im jüngst veröffentlichten Report des World Economic Forum zur Gleichberechtigung gerade auf Platz 105 von 136 untersuchten Ländern.

Viele, selbst gut ausgebildete Japanerinnen wollen weiter "Berufshausfrau" werden. Sie akzeptiere das, sagt aber klar: "Ich bin so erzogen worden, dass ich selbstverständlich mein eigenes Geld verdiene, unabhängig davon, wen ich heirate. Selbst wenn ich Bill Gates heirate." Sie hatte als Parlamentarierin Glück, konnte einen Kindergarten dort nutzen. Trotzdem sei die Balance nicht einfach gewesen, gerade wegen Treffen am späten Nachmittag oder Abend. Ihr Trick: Meetings beim Mittagessen. Zudem war ihr Partner bereit, sich die Erziehung und Hausarbeit zu teilen. Fukushima wünscht sich, dass bald alle Männer Erziehungsurlaub nehmen wollen und können. Ihren Lebensgefährten Yuichi Kaido, auch Anwalt und Anti-AKW-Aktivist, lernte sie während des Jus-Studiums an der Elite-Universität Tokio kennen. Verheiratet sind sie nicht, da Fukushima ihren Namen nicht aufgeben wollte. In Japan muss ein Paar den gleichen Nachnamen tragen, meist den des Mannes. "Ich dachte, ich will nicht mich ändern, ich will das System ändern!"

Sie war eine von nur 14 Frauen unter den 630 Absolventen ihres Jahrgangs. Jobangebote bekamen aber nur die Männer. "Chancengleichheit gab es damals nicht." Die meisten Frauen seien damals Krankenschwestern geworden, einige Beamtinnen, Professorinnen oder Anwältinnen.

Männer, die zu Frauen gut sind, gelten als Feministen

Würde eine Frauen-Quote etwas bringen? "Ja, in letzter Zeit denke ich, das ist nötig", nickt Fukushima langsam. "Norwegen und Frankreich haben ja eine Quote für Manager-Positionen, und für die Gleichberechtigung brauchen wir das." In Japan sei es aber dafür noch zu früh, es würde nur zum Vorwurf umgekehrter Diskriminierung führen.

"Ich bin nicht so eine wie Thatcher, die sagte, sie habe nie Diskriminierung erlebt, es gäbe kein Problem", sagt sie und betont, sie sei Feministin. Damit meint sie die internationale Definition davon. Denn im Japanischen kann der Begriff auch Männer bezeichnen, die Frauen gut behandeln. "Auf der einen Seite werden Frauen diskriminiert", sagt Fukushima, "aber auch für Männer ist es schwierig, in Japan zu leben."

Sie strebt ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen an. Aber dafür müssten auch die Frauen an sich arbeiten. Das Problem: Es fehle den Japanerinnen an weiblichen Vorbildern in Führungspositionen.