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"Kann Dreijähriger ein Nazi sein?"

Von WZ-Korrespondentin Alexandra Klausmann

Wirtschaft

Kläger sieht sich von tschechischer Justiz verunglimpft. | Es laufen 157 Verfahren um Rückgabe enteigneter Güter. | "Wiener Zeitung":Herr Kinsky, Sie sind in der Tschechischen Republik, um die Rückgabe Ihres durch die Bene-Dekrete enteigneten Vermögens zu erzwingen. Sie klagen jetzt vor dem Verfassungsgericht?


Franz Ulrich Kinsky: Das stimmt. Wir gehen jetzt vor das Verfassungsgericht, weil die unteren Instanzen unsere Ansprüche schlicht ignorieren.

Sie werfen der Justiz Voreingenommenheit vor?

Das äußert sich zum Beispiel in Aussagen wie "mir gefällt der Rechtsanwalt vom Kinsky nicht" oder in der Behauptung "der Kinsky ist ein Deutscher". Ich war nie Deutscher und bin es nicht. Ich habe nichts gegen Deutsche, habe zwar eine deutsche Mutter gehabt, aber nie einen deutschen Pass.

Dass Sie Deutscher seien ist eine Behauptung, die nicht unbedingt beweist, dass die Gerichte in Ihren Fällen voreingenommen urteilen.

Ein Beispiel: Bei einer Verhandlung in Prag hat sich das Gericht zu einer Besprechung zurückgezogen. Die dauerte fünf Minuten. Dann durften wir 45 Minuten sitzen, während uns das Urteil von einem vorgedruckten Papier vorgelesen wurde.

Das Urteil war schon vor der Verhandlung gefällt worden?

Das Urteil gab es schon wochen- oder tagelang. Und wir haben, wie zu besten kommunistischen Zeiten, unsere Zeit verloren. Ein weiteres Beispiel. Es fragte mich ein Richter: "Herr Kinsky, wenn Sie kein Nazi waren und nach Argentinien ausgewandert sind, wieso sind sie dann 1948 nicht zurückgekommen"? Erstens: Wie kann ich denn mit zwei, drei Jahren ein Nazi sein? Zweitens: Ich bin mit meiner Mutter weg, 1948 war ich ganze zwölf Jahre alt. Ich bin doch nicht in der Hitler-Zeit ausgewandert, um in der Stalin-Zeit zurückzukommen.

In Tschechien heißt es, Ihr Vater sei begeisterter Nazi gewesen, Sie als sein Sohn mit Anspruch auf böhmische Flure, Burgen und Schlösser sind demnach der "böse Adelige" .

Bestimmt war mein Vater politisch interessiert und hat sich sehr für die deutschsprachigen Böhmen eingesetzt. Er hat mit Henlein (in der Zwischenkriegszeit Anführer der Deutschnationalen in der Tschechoslowakei, Anm.) verkehrt, der damals kein Verbrecher war, sondern der Chef einer der größten Parteien in Böhmen. Das war vor dem Einmarsch der Nazis. Ich bin überzeugt, dass mein Vater kein Nazi war. Ich, wie auch schon damals meine Mutter, habe den Verdacht, mein Vater ist von den Nationalsozialisten beseitigt worden.

Wieso glauben Sie, Ihr Vater wurde beseitigt?

Nach dem Anschluss Österreichs hat man meinen Vater im Zusammenhang mit einer Äußerung, die er nach dem Juli-Putsch von 1934 gemacht hatte, vor Gericht gebracht. Er sagte damals, für die Nazis könne er schwer etwas tun, die gehörten alle gehenkt. Und das ist an ihm hängen geblieben. Am Tag seines Todes, das war am 19. Dezember 1938, kam ein Delegierter Hitlers aus Berlin mit einer angeblichen Nachricht und bat um ein Gespräch mit meinem Vater. Aus dem ist er nicht lebend herausgekommen. Offiziell hieß es, er sei einem Herzinfarkt erlegen. Er hatte nie Herzbeschwerden.

Sie sind mit zwei Jahren aus der Tschechoslowakei weg, sprechen kein Tschechisch, und werden zu alledem hier nicht besonders willkommen geheißen. Was verbindet Sie eigentlich mit der Tschechischen Republik?

Ich empfinde Tschechien als mein Land, auch wenn ich nie die Chance hatte, die Sprache zu lernen.

Haben Sie nun die tschechische Staatsbürgerschaft?

Mein Vater hat 1918 für die Tschechoslowakei optiert. Ich bin als tschechoslowakischer Staatsbürger geboren und habe diese Staatsbürgerschaft niemals zurückgegeben. Irgendwann in diesem Regierungskrieg gegen den Kinsky wurde behauptet, ich könne kein tschechischer Bürger sein. Ich müsste jemanden bestochen haben. Das Innenministerium hat das zweimal untersucht. Es wurde nichts Unregelmäßiges gefunden.

Zur Person

Franz Ulrich Kinsky, geboren am 7. 10. 1936 in Wien, ist durch seine Rechtsstreitigkeiten mit dem tschechischen Staat bekannt und zu einem Politikum geworden. Mit seiner Mutter emigrierte der Spross eines ehemaligen Fürstenhauses 1940 aus dem Protektorat Böhmen und Mähren nach Argentinien. 1942 erbte er von seinem Großvater etliche Besitztümer der Familie Kinsky, die ihr 1945 aufgrund der Bene-Dekrete entzogen wurden. Franz Ulrich Kinsky ist tschechischer und argentinischer Staatsbürger.