Zum Hauptinhalt springen

Kann Hickersberger den Kanzler retten?

Von Walter Hämmerle

Kommentare

Angeblich soll ja alles mit allem irgendwie zusammenhängen. Warum also nicht auch Fußball und Politik.


Windschattenfahren ist - gerade in der Politik - eine hohe Kunst. Nehmen wir das deutsche Sommermärchen. Bei der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land gelang es Angela Merkel, bis dahin spröde Kanzlerin mit herbem DDR-Charme, auf der Sympathiewelle für die Nationalmannschaft mitzusegeln. Aus der unnahbaren, als menschlich kalt empfundenen Kanzlerin wurde über den Sommer die unangefochtene Nummer eins der deutschen Politik.

Ähnliches dürfte sich auch Österreichs Bundeskanzler Alfred Gusenbauer vorgenommen haben. Allein, das Drehbuch seiner eigenen Partei schlug eine andere Richtung ein. Dieser Tage kämpf der Kanzler, der auch Sportminister ist, auf den in den Hintergrund gerückten politischen Nachrichtenseiten um sein politisches Überleben.

Womit wir bei der Frage wären: Würde ein Sieg der Österreicher gegen Deutschland den Lauf der politischen Gestirne ändern? Unmittelbar sicher nicht - das SPÖ-Parteipräsidium tagt bereits am Montagvormittag. Beim Spiel selbst wird die politische Elite des Landes dennoch ungezwungen in die Kameras lächeln - ungeachtet der Entscheidungen in den Stunden zuvor. Wundern wird sich allenfalls Angela Merkel, die neben dem Kanzler auf der Ehrentribüne sitzen wird. Und zwar darüber, wie ein Jahrhundertereignis wie die Euro imagemäßig für die regierenden Politiker derart ungenützt vorbeitreiben kann. Und deswegen haben in den Wochen und Monaten zuvor SPÖ und ÖVP eifersüchtig über jeden erdenklichen Euro-relevanten Fototermin gewacht?

Die Fußball-Euro ist für die heimischen Politiker eine Nummer zu groß geworden. Ob Bundespräsident, Kanzler, Minister oder Bürgermeister im Stadion mit dabei sind, bekommt kaum wer mit. Dem Uefa-Platzsprecher sind sie allesamt jedenfalls keine Begrüßung wert. Was immerhin Pfeiffkonzerte unterbindet.

Cordoba 1978 hatte die Chance zum nationalen Mythos zu werden, weil die Welt damals noch eine andere war: Bruno Kreisky konnte noch kühl feststellen, dass ihm "ein paar Milliarden Schulden weniger schlaflose Nächte als ein paar Hunderttausend Arbeitslose" bereiten. Heute haben die Politiker gar nicht mehr die Wahl zwischen diesen beiden Alternativen. Der Strom der Globalisierung reißt alle nationale Politik mit sich fort.

Ein zweites Cordoba würde die Menschen lediglich für einige Tage aus ihrem Alltag herausreißen. Die Sorgen und Frustrationen kämen jedoch rasch zurück. Nicht einmal die Spieler könnten mehr sicher sein, einen Platz im nationalen Sportlerolymp gepachtet zu haben. Dazu geschehen heute einfach zu viele Wunder. Zumindest lesen wir von ihnen.

Alle Beiträge dieser Rubrik unter:

www.wienerzeitung.at/abseits

abseits@wienerzeitung.at

"Die Fußball-Euro ist für die heimischen Politiker eine Nummer zu groß geworden."