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Kanonen unter Palmen

Von Christian Hütterer

Wissen
Österreichische Soldaten mit Haubitze in Palästina.
© Postkarte eines unbekannten Fotografen/Wikimedia Commons

Der Nahe Osten war im Ersten Weltkrieg eine heftig umkämpfte Region. In Palästina kamen ab 1915 auch österreichisch-ungarische Soldaten zum Einsatz.


"Na, ich glaub’ doch, die sehen wir nimmer." Mit diesen Worten soll Kaiser Franz Joseph den Befehl unterzeichnet haben, durch den im Jahr 1915 Soldaten der k.u.k. Armee nach Palästina abkommandiert wurden. Doch diese resignative Aussage des Kaisers sollte sich nicht bewahrheiten, die österreichisch-ungarischen Truppen sollten im Nahen Osten eine durchaus bedeutende Rolle spielen.

Die Doppelmonarchie unterstützte das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg, obwohl die beiden Staaten kein sonderlich inniges Verhältnis zueinander hatten. Zwar waren die Türkenkriege schon seit Jahrhunderten vergangen, die beiden Imperien blieben einander aber fremd. 1908 erreichten die Beziehungen zwischen den beiden Staaten einen neuen Tiefpunkt, Österreich-Ungarn annektierte in diesem Jahr Bosnien-Herzegowina, das formell der "Hohen Pforte", wie die osmanische Regierung genannt wurde, unterstand.

Sowohl Österreich-Ungarn wie auch das Osmanische Reich waren Vielvölkerstaaten und hatten mit dem erstarkenden Nationalismus zu kämpfen. Trotz dieses gemeinsamen Problems zeigte die österreichische Politik kein Interesse an einer engeren Zusammenarbeit mit Konstantinopel. Einer militärischen Kooperation oder gar einem Bündnis mit dem Osmanischen Reich war man in Wien abgeneigt, denn man hielt es für nicht bündnisfähig und die osmanische Armee entsprach keineswegs den damaligen Standards. Mit dieser Ansicht stand Österreich-Ungarn übrigens nicht alleine da, auch die anderen Großstaaten Europas vertraten diese Meinung.

Das Ziel hieß Palästina

Auch wenn die Beziehungen zum Osmanischen Reich nicht gut waren, so hatte die Doppelmonarchie aber Interesse an einer bestimmten Region: Palästina hatte als Wiege des Christentums für die katholischen Habsburger eine besondere Bedeutung, und die Österreichisch-ungarische Monarchie leistete dort sehenswerte Beiträge, um historische Stätten zu erhalten und die christliche Bevölkerung der Region zu unterstützen. Eine weitere wichtige Bevölkerungsgruppe waren aus Österreich-Ungarn stammende Juden, die ab dem Ende des 19.Jahrhunderts nach Palästina emigriert waren. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg umfasste diese Gruppe mehr als 9000 Personen - Österreich-Ungarn war dadurch Schutzmacht für ein Zehntel aller Juden in Palästina.

Die Entwicklungen im Sommer 1914 und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges machten die bis dahin vorherrschende Zurückhaltung gegenüber den Osmanen allerdings hinfällig. Am 2. August 1914 schloss Deutschland ein Bündnis mit dem Osmanischen Reich. Ziel dieses Abkommens war, Russland von Süden her unter Druck zu setzen und das britische Kolonialreich zu gefährden. Die österreichischen Politiker waren von dieser Wendung der Dinge keineswegs angetan, mussten aber unter deutschem Druck der Allianz beitreten. Aus dem lange abschätzig betrachteten "kranken Mann am Bosporus" war ein Verbündeter geworden.

Zu Beginn des Krieges waren die beiden Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn geographisch von ihrem neuen Bündnispartner getrennt, und die Zusammenarbeit blieb dadurch auf - zum Teil kurios anmutende - Einzelaktionen beschränkt. Als Hauptziel der Aktivitäten galt der strategisch wichtige Suezkanal, der die rascheste Verbindung zwischen Großbritannien und seiner bedeutendsten Kolonie Indien darstellte.

Gleich zu Beginn des Krieges plante Österreich-Ungarn zwei Angriffe in dieser Region: Ein österreichisches Schiff sollte mit Zement beladen werden, unter falscher Flagge in den Kanal fahren und dort von der eigenen Mannschaft versenkt werden. Ziel dieser Aktion war, den Kanal zu blockieren und unpassierbar zu machen. Dieser Plan wurde jedoch nie in die Tat umgesetzt, weil er mit hohen Kosten verbunden war und die Erfolgsaussichten der Aktion gering erschienen.

Besser verlief das zweite Vorhaben: Die zwei Freiwilligen Georg Gondos und Paul Michael Simon machten sich auf den Weg nach Palästina, um von dort aus britische Erdölquellen in Ägypten anzugreifen. Die beiden drangen mit einer kleinen Gruppe von osmanischen Soldaten bis zum Suezkanal vor und setzten nach Ägypten über. Gondos konnte dort drei Erdölquellen zerstören und eine weitere zumindest zeitweilig unbrauchbar machen. Die Aktion hatte zwar keinen nachhaltigen Einfluss auf das Kriegsgeschehen, war aber zumindest ein für die Propaganda nutzbares Abenteuer.

Die Verhältnisse im Südosten Europas änderten sich grundlegend mit der Eroberung Serbiens im Jahr 1915. Damit war eine Landverbindung zwischen den Verbündeten geschafften und die militärische Zusammenarbeit konnte nun aufgenommen werden. In der Zwischenzeit hatte die Entente versucht, Konstantinopel zu erobern. Die Soldaten waren auf der Halbinsel Gallipoli gelandet und versuchten von dort aus, nach Konstantinopel zu marschieren und die Hauptstadt des Reiches einzunehmen. Österreich-Ungarn schickte zur Unterstützung des Verbündeten Artillerie auf die Halbinsel. Die Truppen der Entente konnten ihre Landungspositionen auf der Halbinsel nicht verlassen, von einer Eroberung Konstantinopels war keine Rede mehr, bald darauf mussten Großbritannien und Frankreich ihre Truppen abziehen.

Konkurrenzkampf

Nach diesem militärischen Erfolg versuchten sowohl Österreich-Ungarn als auch das deutsche Kaiserreich, ihren Einfluss im Osmanischen Reich auszubauen. Dies ging so weit, dass ein regelrechter Konkurrenzkampf zwischen den beiden Verbündeten entbrannte. Ab dem Herbst 1915 wurde die deutsche Truppenhilfe massiv aufgestockt und so standen bald an die 25.000 deutsche Soldaten im Osmanischen Reich.

Österreich-Ungarn konnte mit solchen Zahlen bei weitem nicht mithalten und beschloss, zwar weniger Truppen zu stellen, diese sollten aber umso besser ausgebildet und ausgerüstet sein. Zugleich verlagerte sich der Schwerpunkte der Kämpfe im Osmanischen Reich nach Süden, genauer gesagt an die Front zu Ägypten. Die Osmanen planten einen Angriff auf den Suezkanal und Deutschland sagte für dieses Vorhaben Unterstützung in der Form von mehr als 1500 Mann zu. Österreich-Ungarn wollte nicht zurückstehen und stellte eine Gebirgshaubitzendivision für den Einsatz in Palästina auf.

Kaiser Franz Joseph war sehr skeptisch, ob seine Soldaten dem Klima in der Region gewachsen waren. Er erkundigte sich ausführlich nach den Bedingungen des Einsatzes, konnte aber trotz der Versicherung, dass die Soldaten bestens vorbereitet seien, seine Zweifel nicht ablegen. Trotz der kaiserlichen Zurückhaltung wurden im März 1916 rund 1000 Mann nach Palästina verlegt.

Nachdem diese Truppen die österreichisch-ungarische Monarchie repräsentieren sollten, waren sie bestens ausgerüstet und brachten zur Freude der ansässigen Bevölkerung sogar eine Musikkapelle mit in den Orient. Eine Augenzeugin aus Palästina berichtete über den Einzug der österreichisch-ungarischen Truppen in Jerusalem, dass die ganze Stadt auf den Beinen war und die Truppen mit Blumen bewarf.

Zeitgleich zum militärischen Engagement begann auch eine propagandistische Offensive der Doppelmonarchie: Im Mai 1916 kam im Auftrag des k.u.k. Kriegspressequartiers ein Filmvorführer nach Jerusalem und sorgte mit dieser damals neuartigen Technik für Aufregung. Daneben begann Österreich-Ungarn auch mit dem Aufbau von Spitälern in Palästina. Neben der Versorgung der Soldaten wurde auch die Zivilbevölkerung in diesen Stationen behandelt. Das Ansehen der österreichisch-ungarischen Monarchie konnte dadurch erheblich gesteigert werden, denn die Ärzte führten unter anderem umfassende Choleraimpfungen durch.

Im Juli 1916 begann der Angriff auf den Suezkanal, die britische Armee hatte dort aber bereits starke Stellungen zur Verteidigung aufgebaut. Die Attacke scheiterte, die britischen Truppen gingen zum Gegenangriff über und die osmanischen, deutschen und österreichischen Verbände mussten den Rückzug antreten. Bei der Stadt Gaza wurde eine Verteidigungslinie errichtet, und ein britischer Vormarsch auf Palästina konnte abgewiesen werden. Die Botschaft in Istanbul konnte stolz nach Wien vermelden, der englische Angriff bei Gaza sei dank "der ausgezeichneten Haltung" der k.u.k. Gebirgshaubitzendivision abgewehrt worden.

Österreich-Ungarn schickte im Sommer 1917 eine hochrangig besetzte "Orientmission" in das Osmanische Reich, die von Erzherzog Hubert Salvator sowie dem Gelehrten und Landeskenner Alois Musil angeführt wurde. Ziel dieser Mission war, ein Gegengewicht zum deutschen Einfluss aufzubauen und den Zugang zu den Bodenschätzen des Osmanischen Reiches zu erleichtern.

Nachdem Deutschland angekündigt hatte, ein "Asienkorps" für den Einsatz im Nahen Osten aufzustellen, wollte die Doppelmonarchie nicht hinter dem Verbündeten zurückstehen. Im Herbst 1917 beschloss man daher in Wien die Schaffung des "k.u.k. Orientkorps", das mehr als 8000 Mann umfassen sollte. Die besten Truppen, die nach drei Jahren Krieg noch zur Verfügung standen, waren für den Einsatz in Palästina vorgesehen. Es sollte aber nicht so weit kommen, denn die Soldaten wurden vor ihrer Abreise umdirigiert und an die italienische Front geschickt.

Das "formlose" Ende

In den letzten Wochen des Krieges wurde das Übergewicht der Entente immer drückender, und die Lage der österreichischen Truppen in Palästina verschlechterte sich. Dennoch nötigten sie dem als "Lawrence von Arabien" berühmt gewordenen Thomas E. Lawrence Respekt ab. Er berichtet in seinen Erinnerungen von "vorzüglichen kleinen österreichischen Gebirgshaubitzen", die sich "geradezu großartig" verteidigten.

Die Lage der Mittelmächte verschlechterte sich aber zusehends und im Oktober 1918 kapitulierte das Osmanische Reich, die k.u.k. Truppen zogen sich daraufhin nach Konstantinopel zurück. Nach einer umständlichen Rückreise erreichte der Großteil der Truppen am 24. Jänner 1919 den Wiener Südbahnhof. Dort lösten sich die Truppe "formlos" auf und damit ging der wohl exotischste Einsatz von k.u.k. Truppen im Ersten Weltkrieg sang- und klanglos zu Ende.

Christian Hütterer, geboren 1974, ist Politikwissenschafter und Historiker und im EU- und im Internationalen Dienst der österreichischen Parlamentsdirektion beschäftigt.