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Kaprun, der Zorn und die Wut: Wenn eine Tragödie zum Armutszeugnis wird

Von Brigitte Pechar

Analysen

Eine Verkettung von unglücklichen Umständen hat zur Seilbahn-Katastrophe von Kaprun geführt. Viele kleine Fehler, aber kein großer Schuldiger, dem die Last der Verantwortung für den Tod von 155 Menschen vor nun genau zehn Jahren aufgebürdet werden kann. Zu diesem Schluss kamen jedenfalls die österreichischen Gerichte nach einem jahrelangen Verfahren.


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Die Angehörigen der vorwiegend ausländischen Opfer empfanden dieses Urteil als Schlag ins Gesicht. In die Trauer über ihren Verlust mischten sich Wut und Zorn darüber, dass an diesem Unglück niemand wirklich schuld sein sollte. Wirkliche Gerechtigkeit verlangt, so hat es jedenfalls den Anschein, einen Schuldigen hier auf Erden.

Die Trauer und vor allem wohl die ständig bohrende Frage nach dem Warum des persönlichen Schicksalsschlags lässt sich in diesem Fall leichter verarbeiten, wenn ein Einzelner oder - besser noch - ein ganzes System zur Verantwortung gezogen werden kann. Das Unglück von Kaprun verweigert sich dieser Dramaturgie von Trauerarbeit. Zumindest wenn man die Gerichtsurteile als letztgültiges juristisches Schlusswort anerkennt.

Dass der Zorn vieler Angehöriger bis heute anhält, hat vielleicht auch viel mit dem Verhalten auf österreichischer Seite zu tun. Erst zum zehnten Jahrestag kam der Seilbahn-Betreiber-Gesellschaft eine Entschuldigung über die Lippen: "Mit anhaltender Trauer und Erschütterung bitten wir von den Gletscherbahnen Kaprun um Verzeihung." Die Katastrophe "geschah in unserem Betrieb, also unter unserer Verantwortung. Zu dieser Verantwortung bekennen wir uns."

Warum erst jetzt, so spät? Warum haben Betreiber, Gemeinde, Land Salzburg oder die Republik nicht längst ein Zeichen gesetzt, etwa indem sie die Angehörigen alljährlich zu einem Trauergottesdienst nach Kaprun einladen? Es sind kleine Gesten dieser Art, die helfen, Leid zu lindern. Dazu braucht es keinen Schuldspruch, wie die Gletscherbahnen selbst völlig zutreffend feststellen.

Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass unser moderner bürokratischer Apparat in Staat und Wirtschaft mit einer solchen Geste des menschlichen Mitgefühls schlicht institutionell überfordert ist. Es gibt in diesem dutzende Experten für jedes Detail menschlicher Amts- und Geschäftsbeziehungen, aber offensichtlich keinen, der sich im Augenblick einer solchen Tragödie mit der menschlichen Dimension des Ereignisses auseinandersetzen könnte.

Das Feld gehört Juristen und Sachgutachtern. Und dies wohl nicht zuletzt deshalb, weil von den "Experten" der Opferseite jede noch so kleine Geste des Mitgefühls als verstecktes Schuldeingeständnis verstanden werden würde. Und ein solches wiederum ist im wahrsten Sinn des Wortes Gold wert.

Eine Tragödie wird so zum Armutszeugnis in jeglicher Hinsicht.

Siehe auch:Hoffen auf ein höheres Gericht

+++ Hundertfünfundfünfzig Tote - ich muss nach Kaprun