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Karajan ist tot - Bei den Salzburger Festspielen scheint die Trauerarbeit noch im Gange zu sein

Von Edwin Baumgartner

Analysen

Bayreuth gegen Salzburg, das ist Brutalität. Zumindest, wenn der Wiener Staatsoperndirektor Ioan Holender den Vergleich zieht. Sein Gastkommentar im "Kurier" lässt sich überspitzt wiedergeben: Bei den Bayreuther Festspielen ist die Musik wichtiger als alles andere. In Salzburg ist alles andere wichtiger als die Musik. | Was Holender in seiner Polemik verschweigt: Bayreuth hat es leichter als Salzburg. Bayreuth hat Richard Wagner als identitätsstiftenden Genius loci. Die Pilgerfahrten zu Wagners Werk mag man belächeln. Aber ein Kult sorgt für Gläubige. Und Gläubige lassen sich auf Beschwerlichkeiten bereitwilliger ein als normale Touristen, die Kultur mitnehmen wie ein Wetterhäuschen aus dem Andenkenladen.


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Was in Salzburg fehlt, ist das identitätsstiftende Element. Genau daran scheint sich niemand heranzuwagen zu wollen. Statt einen Neubeginn zu wagen, verharrt Salzburg in Trauer um Herbert von Karajan.

Tatsächlich ist der späte Karajan verantwortlich dafür, dass Salzburg Salzburg ist. Karajan hat alles auf seine Person konzentriert. Salzburg spielte das egomanische Spiel mit. Solange Karajan lebte, schien Karajan als Konzept genug zu sein. Genau darin wurzeln die heutigen Probleme.

Karajan nämlich verdrängte Wolfgang Amadeus Mozart und den Festspielgründer Richard Strauss als Genii loci. Als Karajan starb, konnte kein neuer Fokus gefunden werden. Die verdrängten Heroen Mozart und Strauss wurden nicht zurückgeholt, weil die Tradition, sie ins Zentrum zu stellen, zu lange abgerissen war. Und während in Bayreuth Wagners Schaffen seine aktuelle Gültigkeit mühelos nachweist, taugt in Salzburg ein toter Dirigent schlecht als Magnet für lebendige Auseinandersetzungen mit der Musik.

Der geistig wendige Intendant Gérard Mortier erkannte das völlig richtig. Allerdings sprach er es auch aus. Was ihm ein beispielloses Sperrfeuer der österreichischen Presse eintrug. Wie kann man nur Karajan molestieren . . .

Was die meisten Kritiker Mortiers nicht bedachten: Karajan mag für einige zwar immer noch ein Idol sein. Aber verklärtes Angedenken garantiert keine künstlerische Qualität in der Gegenwart.

So sind die Salzburger Festspiele orientierungslos geworden. Dem derzeit amtierenden Leiter Jürgen Flimm die Probleme vorzuhalten, wäre indessen unfair. Patentlösung hat freilich auch Flimm keine.

Andererseits: Welche sollte er anbieten können?

Ein Karajan vergleichbarer Publikumsmagnet, der Oper und Konzert dominiert, ist weit und breit nicht in Sicht; zumal die einzige Möglichkeit, Nikolaus Harnoncourt, für eine entsprechende Positionierung zu alt ist und obendrein die Styriarte als Spielwiese hat.

Jede Menge Stars einzukaufen, wirkt wiederum nicht sonderlich identitätsstiftend.

Also doch eine reumütige Rückkehr in die Vor-Karajan-Zeit, in der Salzburg eine Hochburg der zeitgenössischen Oper war? Könnte man am Ende etwa mit Carl Orff, dessen Werk ähnlich dem Wagners Festspiel-Charakter hat, zu einem Genius loci aufbauen? Vielleicht in Verbindung mit einem Komponisten der Alten Musik?

Wie wichtig identitätsstiftende Schöpfer-Persönlichkeiten sind, zeigen die Salzburger Festspiele im Schauspiel-Sektor: Die "Jedermann"-Tradition ist nie abgerissen. Salzburg braucht nicht neidisch nach Bayreuth zu schauen. Salzburg kann durchaus von Salzburg lernen.

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