Zum Hauptinhalt springen

Kärntens Wikinger unterwegs

Von Engelbert Washietl

Kommentare
Der Autor ist Vorsitzender der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor Wirtschaftsblatt, Presse, und Salzburger Nachrichten.

Ist das südlichste Bundesland mit Island vergleichbar? Was der Chefvolkswirt der isländischen Kaupthing-Bank über sein Land berichtet, lässt entsprechende Vergleiche zu.


"Indem sie sich in einem mentalen Universum bewegen, gelingt es den Isländern bemerkenswert lange, sich externen Einflüssen und Trends zu widersetzen." Der Chefvolkswirt der größten isländischen Bank, Ásgeir Jónsson, analysiert in dem in der "Wiener Zeitung" bereits besprochenen Buch "Der Fall Island", warum die Inselrepublik 2008 an den Rand des Staatsbankrotts geriet. Die inzwischen eingetretene Pleite nicht nur der Hypo Alpe Adria, sondern de facto des Bundeslandes Kärntens ergibt überraschende Analogien.

Jónsson arbeitet den aggressiven Expansionskurs der Banken eines Ministaates von 320.000 Einwohnern heraus, die sich bisher recht ordentlich von Fischen und Agrarprodukten ernährt hatten. Seit etwa 1999 gingen die Kaupthing-Bank und in ihrem Gefolge zwei weitere Großbanken Islands auf die Finanzwelt Nordeuropas regelrecht los.

"Islands Leistungen in den letzten Jahrzehnten legen die Vermutung nahe, dass es sich um einen nationalen Fall von Hyperaktivität handelt", schreibt Jónsson. Es schien, als würde die Piratenmentalität der Wikinger, die ab dem neunten Jahrhundert "Eisland" besiedelt hatten, durchschlagen. "Der zentrale Nachteil dieses Eifers ist ein Mangel an kritischem Denken und Besonnenheit." Am Höhepunkt der Finanzblase fühlte sich Island als Investmentbanker für Nordatlantik und Umgebung, und fast alle Isländer einschließlich der Regierung sparten nicht mit Applaus. "Dieser Beifall bedeutete jedoch auch, dass Befürchtungen über wachsende Auslandsverschuldung des Landes entweder mundtot gemacht, ignoriert oder gar nicht erst geäußert wurden."

Was für Island der nordeuropäische Raum war, wurde für Kärntens Hypo Alpe Adria das vor der Haustür liegende Südosteuropa. Mit leichtfertigen Geldgeschäften wurde ein Bilanzwachstum vorgespiegelt, dem keine andere Substanz zugrunde lag als die Bürgschaften durch das Bundesland Kärnten.

Ein Unterschied zu Island springt ins Auge. Die Isländer kamen ohne einen politischen Führer à la Jörg Haider aus. Sie brauchten keinen Rattenfänger, ein solcher käme in Island nicht auf. In kollektiver Eintracht präsentierte die Regierung in Reykjavik, als sie 2007 vor einem schwierigen Wahltag stand, "die Mutter aller wahltaktischen Staatshaushalte - eine wuchtige Mischung aus Wahlgeschenken und umfangreichen Steuergeschenken. Die Banken waren wunderbare Milchkühe, die hohe Steuern zahlten und gut bezahlte Arbeitsplätze schufen." So lang das eben ging.

In Kärnten erledigte Haider in Komplizenschaft mit der gefügigen Hausbank des Landes alle Fantasieprojekte im Alleingang. Kein Wunder, dass für die örtliche Bevölkerung bei seinem Tod die Sonne unterzugehen schien. Als für Island im September 2008 die Stunde der Wahrheit schlug, tat die isländische Regierung etwas völlig Unerwartetes: Nichts. Der Zusammenbruch war besiegelt.

Den Österreichern passierte das nicht, es wurde gehandelt - freilich nicht im Bundesland des Verursachers, sondern im Bundesfinanzministerium in Wien am vorletzten Wochenende. In seinem mentalen Universum vermochte Haiders Nachfolger Gerhard Dörfler die Abwälzung von Milliarden an Verbindlichkeiten auf den Rest der österreichischen Steuerzahler als Erfolg für Kärnten darzustellen.

Das Ergebnis ist freilich da wie dort ähnlich: So wie die Hypo Alpe Adria verstaatlicht wurde, stehen auch die drei großen Banken Islands als "Bad Banks" unter einem staatlichen Regime.