Zum Hauptinhalt springen

Karrierist greift nach der Macht

Von Alexander Mathé

Politik

Mit Händen und Füßen hatte sich Frankreichs Präsident, Jacques Chirac, gegen den Aufstieg seines Wirtschafts- und Finanzministers, Nicolas Sarkozy, gewehrt. Umsonst, wie es scheint. Mit der offiziellen Ankündigung für den Vorsitz der Regierungspartei UMP zu kandidieren, steht der Minister vor der Machtübernahme in Frankreich.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 19 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Chirac begrüße die Entscheidung und unterstütze Sarkozy, hieß es nach einem Treffen der beiden im Elysee-Palast. Was auf den ersten Blick freundschaftlich anmutet, gleicht aber eher einem Waffenstillstand mit dem Finger am Abzug.

"Sarkozy wird mein letzter Skalp sein!", soll Chirac noch vor kurzem gesagt haben. Jetzt sieht es so aus, als ginge es ihm selbst ans Leder. Denn der Minister hat bereits angekündigt, Chirac bei den Wahlen 2007 im höchsten Staatsamt beerben zu wollen. Die Ernennung zum Parteivorsitzenden im November scheint ohnedies gesichert.

Dabei hatte der Staatschef alles unternommen, um dem ehrgeizigen Medienliebling die Flügel zu stutzen: Sarkozy wurde mit dem Finanzministerium betraut. Die Aufgabe, ein Haushaltsdefizit von 4,1 Prozent und eine Arbeitslosigkeit von 9,6 Prozent zu meistern war mehr als delikat. Doch Sarkozy bestand, baute seine Position aus und schaffte es zum beliebtesten Politiker Frankreichs. Gestärkt konzentrierte er sich auf die nächste Sprosse der Karriereleiter: Den Parteivorsitz.

Davon versuchte ihn Chirac mit allen Mitteln abzubringen. Von sich aus und auf die Bitte von Premier Jean-Pierre Raffarin hin, der um seine Autorität fürchten muss. Der Präsident stellte klar, dass Sarkozy im Falle der Übernahme des Parteivorsitzes auf sein Ministeramt verzichten müsse. Dieser Verzicht steht jedoch auf wackeligen Beinen. War doch Chirac selbst in den 80er Jahren Premierminister, Oberbürgermeister von Paris und Partei-Chef in einer Person.

Mit der vom Präsidenten angekündigten Unterstützung soll nun der Eindruck entstehen, als würde Sarkozy zu den Wahlen von Chiracs Gnaden antreten. Der Sohn ungarischer Einwanderer hat aber schon früher bewiesen, dass er Hilfe gar nicht nötig hat. Seine Devise lautet: "Ich erwarte nicht, dass mir jemand etwas gibt, ich nehme es mir."

Sarkozy glaubt an politische Freundschaft genauso, wie er an den Weihnachtsmann glaubt. Bereits im Alter von 28 Jahren übernahm er in einer Blitzaktion das Amt des verstorbenen Bürgermeisters der Nobel-Gemeinde Neuilly-sur-Seine. Damit überging und verriet er seinen Parteivater, den späteren Innenminister Charles Pasqua, der zu diesem Zeitpunkt krankheitshalber verhindert war.

In diesem Verhalten begründet sich Chiracs Antipathie. Er selbst war bei den letzten Präsidentschaftswahlen verraten worden. Da hatte Sarkozy den als Favorit gehandelten Edouard Balladur unterstützt. Sarkozy hatte sich jedoch verrechnet, denn Chirac gewann die Wahlen.

Seither hat sich ein brisantes Katz- und Mausspiel zwischen den beiden emtwickelt. Wer am Ende wessen Skalp in Händen halten wird, bleibt indes noch abzuwarten.