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Karzais ehemalige Weggefährten fordern ihn nun heraus

Von Can Merey

Politik
Stärkster Konkurrent: Abdullah Abdullah. Foto: ap

Auch Abdullah und Ghani für den Verbleib ausländischer Truppen. | Kabul. (dpa) Es war ein Novum für Afghanistan: In einer ersten Fernsehdebatte standen sich vor kurzem die beiden wichtigsten Herausforderer von Präsident Hamid Karzai bei der Wahl am 20. August gegenüber. Abdullah Abdullah, Ex-Außenminister und Kandidat der Nordallianz, die Ende 2001 mit Unterstützung der US-geführten Koalition das Taliban-Regime in Kabul stürzte, trat gegen den Wissenschafter und früheren Kanzler der Universität Kabul, Ashraf Ghani, an. Das mittlere Stehpult blieb frei: Karzai stellte sich seinen Konkurrenten nicht.


Abdullah und Ghani kennen den Präsidenten gut. Beide dienten nach dem Sturz der Taliban in seinem Kabinett. Der promovierte Augenarzt Abdullah war bis 2006 Außenminister. Ghani, der zuvor elf Jahre bei der Weltbank gearbeitet hatte, war bis 2004 Finanzminister der Übergangsregierung. Abdullah werden die besseren Chancen vorhergesagt, bei der anstehenden Wahl zumindest den zweiten Platz hinter Karzai und vor Ghani zu belegen. In einer Umfrage hat auch der frühere Planungsminister Ramazan Bashardost zugelegt. Die anderen der insgesamt noch 36 Kandidaten - darunter zwei Frauen - gelten als Außenseiter ohne große Erfolgsaussichten.

Abdullah setzt im Wahlkampf auch auf einen Toten und dessen Popularität vor allem bei Nicht-Paschtunen: Immer wieder betont er seine Verbindung zu dem Tadschikenführer und militärischen Chef der Nordallianz, dem Nationalhelden Ahmed Shah Massud, den Al-Kaida-Attentäter kurz vor den Anschlägen vom 11. September 2001 ermordeten. Ein "Langzeit-Berater" und "enger Begleiter" Massuds sei Abdullah gewesen, heißt es auf der Homepage des Kandidaten.

Werben um Paschtunen

Abdullah engagierte sich in den 1980er Jahren im Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer. In dieser Zeit lernte er Massud kennen, der später mit der

Nordallianz erbitterten Widerstand gegen die Taliban leistete, die aus den Paschtunen im Süden des Landes hervorgegangen waren.

Bei der größten afghanischen Bevölkerungsgruppe will der 1960 in der südafghanischen Provinz und späteren Taliban-Hochburg Kandahar geborene Abdullah mit seinem paschtunischen Vater punkten - und damit Karzai Konkurrenz machen, der ebenfalls auf Paschtunen-Stimmen baut.

Ein Paschtune ist auch Ghani, der 1949 in Logar südlich von Kabul geboren wurde. Anders als Abdullah und Karzai kann er keine Vergangenheit im Widerstand vorweisen. Er studierte Anthropologie in New York, als die sowjetische Armee 1979 einmarschierte, und blieb im Exil, bis die Taliban gestürzt wurden.

Ghani promovierte, lehrte an amerikanischen Universitäten und machte in der Weltbank Karriere. Nach dem Sturz der Taliban ging er zunächst für die UNO nach Afghanistan zurück, bevor er in die Übergangsregierung aufgenommen wurde. Nach der Wahl 2004 kehrte er nicht mehr ins Kabinett zurück, sondern wurde Kanzler der Universität Kabul.

Kaum verwunderlich angesichts dieses Werdegangs, dass Ghani eher wie ein Intellektueller denn wie ein Vollblutpolitiker wirkt. Er versucht, gegen dieses Image anzugehen und sich auch als Mann des Volkes zu präsentieren. Aber er kann auf keine große Stammwählerschaft zurückgreifen. Diesem Mangel versucht er mit dem detailliertesten Wahlprogramm der drei wichtigsten Kandidaten zu begegnen.

Angriffe auf Karzai

Das Einkommen auf dem Land will Ghani vervierfachen, er verspricht eine Million neue Jobs. Das umstrittene Gefängnis auf dem US-Stützpunkt Baghram soll binnen drei Jahren geschlossen werden. Abdullah schlägt vor allem einen Wechsel vom Präsidial- hin zu einem parlamentarischen System vor. Ansonsten bleiben seine - wie auch Karzais - Wahlversprechen vage.

Einen sofortigen Abzug der ausländischen Truppen - wie von den Taliban verlangt - wollen weder Ghani noch Abdullah. Einig sind sich die beiden Kandidaten auch in einem weiteren Punkt: Ihrer Kritik an der Arbeit ihres ehemaligen Chefs. "Unter Präsident Karzais Regierung gedeiht die Korruption", beklagt Abdullah. Das Versagen der Regierung sei für den Vertrauensverlust im Volk und das Erstarken der Aufständischen verantwortlich. "Schlechte Regierungsführung hat eher zur gegenwärtigen Krise geführt als die Stärke der Taliban-Aktivitäten."

Ghani sagt über Karzai: "Das ist nicht der Mann, den ich kannte. Der Mann, den ich kannte, hatte unglaublichen Respekt vor Regeln. Diesen Mann verstehe ich nicht." Sollte Karzai an der Macht bleiben, "dann werden wir zu (einem Land wie) Somalia werden".