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Kaschmir-Konflikt flammt erneut auf

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Tod zweier Soldaten lenkt in Indien vom Vergewaltigungsskandal ab.


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Neu Delhi. Zwischen zwei verfeindeten Nachbarn ist erneut ein Streit ausgebrochen: Indien beschuldigt Pakistan, die umstrittene Grenze in Kaschmir verletzt zu haben. Zwei indische Soldaten seien von pakistanischen Sicherheitskräften getötet worden, die über die hochgesicherte Grenze auf indisches Territorium eingedrungen seien, hieß es am Mittwoch aus Neu Delhi. Pakistan hingegen bestreitet, etwas mit dem Tod der indischen Soldaten zu tun zu haben. Das Außenministerium in Islamabad sprach von "haltlosen und unbegründeten Andeutungen" und forderte eine Untersuchung durch unabhängige UN-Beobachter.

Der neu aufgeflammte Kaschmir-Konflikt dürfte Indien durchaus gelegen kommen. Indische Fernsehsender, die zuvor wochenlang rastlos über den Skandal der bestialischen Vergewaltigung einer 23-jährigen Studentin in Neu Delhi berichtet hatten, schalteten wieder ganz auf den außenpolitischen Zankapfel Kaschmir und das schwierige Verhältnis zum Erzfeind Pakistan um, statt sich den Versäumnissen der indischen Polizei beim Schutz ihrer Bürger zu widmen.

Die pakistanische Außenministerin Hina Rabbani Khar erklärte in Islamabad, sie sei "etwas angewidert" von "manchen Aussagen Indiens". Ihre Regierung habe sich vier Jahre lang um Frieden und Stabilität in der Region bemüht, sagte sie in einem TV-Interview. Quellen im indischen Militär legten nahe, dass der Angriff auf indische Ziele an der Demarkationslinie eine Antwort auf eine angebliche Grenzverletzung durch die indische Seite gewesen sei. Islamabad erhebt selbst Vorwürfe gegen Neu Dehli. Erst kürzlich sei bei einem indischen Angriff auf einen pakistanischen Grenzposten in Kaschmir ein Soldat getötet und ein weiterer verletzt worden.

Unbestätigten Berichten zufolge soll einer der nun getöteten indischen Soldaten enthauptet in einer bewaldeten Gegend im Himalaya-Gebirge in Kaschmir gefunden worden sein. Andeutungen wie diese könnten in Indien für öffentliche Empörung sorgen und die Atommacht mit ihren über 1,2 Milliarden Einwohnern unter Druck setzen, weitere Angriffe gegen Pakistan zu führen.

Eine Eskalation der Situation gilt allerdings als eher unwahrscheinlich. Zwar sprechen indische Fernseh-Sender bereits von einer neuen "Kargil-Aktion". Damit spielen sie auf den Beginn des letzten indisch-pakistanischen Kriegs 1999 an, bei dem pakistanische Soldaten im Winter in Kaschmir auf dem Kargil-Gletscher in rund 5000 Meter Höhe indische Positionen infiltrierten. Bei dem fast drei Monate dauernden Krieg im höchsten Gebirge der Welt kamen um die 1000 Soldaten ums Leben. Doch diesmal dürfte die Situation sich kaum so weit zuspitzen, dass beide Atommächte sich einen neuen Krieg um den Dauer-Zankapfel Kaschmir liefern, um den sie seit über 65 Jahren streiten.

USA haben kein Interesse an einer Eskalation

Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Selbst der aus Pakistan koordinierte Terror-Angriff auf einen Bahnhof und mehrere Luxushotels in Indiens Finanzmetropole Bombay 2008, bei dem über 160 Menschen starben, führte nur zu einer zeitweise Verstimmung zwischen den Erzfeinden. Beide Länder haben in den letzten Jahren den Handel miteinander ausgeweitet. Treffen der beiden Regierungschefs während wichtiger Cricket-Spiele zwischen den Nationalmannschaften Indiens und Pakistans haben ein positives Signal gesetzt, dass die Führungen beider Länder gewillt sind, ihre komplizierten Beziehungen ein Stück weit zu normalisieren.

Auch dürfte ein weiteres Kriegsabenteuer zwischen den beiden Nachbarn international auf Protest stoßen. Gerade die haben kein Interesse, dass die beiden wichtigen Regionalmächte auf einen offenen Konflikt zusteuern. Die USA sind damit beschäftigt, ihre Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Ein neuer Krieg zwischen Indien und Pakistan mit der Gefahr einer Destabilisierung der Region käme Washington daher alles andere als gelegen.

Seit 1947 umstritten

Das Kaschmir-Problem sorgt zwischen Indien und Pakistan für Dauerzwist. Die Himalaya-Region gilt als einer der gefährlichsten Krisenherde der Welt, vor allem seitdem Indien und Pakistan über Atomwaffen verfügen.

1947, als Großbritannien den indischen Subkontinent in die Unabhängigkeit entließ und die mehrheitlich moslemisch besiedelten Gebiete an Pakistan fielen, optierte der Maharadscha von Kaschmir, Hari Singh, ein Sikh, für den Beitritt zur Indischen Union, obwohl sein Fürstentum großteils von Muslimen besiedelt war. In der Folge kam es zum ersten indisch-pakistanischen Krieg und der Teilung Kaschmirs. Etwa 60 Prozent der Fläche fielen an Indien, während der nordwestliche Teil unter pakistanische Verwaltung gestellt wurde. Die Waffenstillstandslinie von 1949 bildet die Grenze. Das in einer UNO-Resolution festgelegte Selbstbestimmungs-Referendum wurde von Indien abgelehnt.

1965 kam es zum zweiten indisch-pakistanischen Kaschmir-Krieg. Die schweren Gefechte brachten keiner der beiden Seiten territorialen Gewinn. Seit 1989 herrschen im indischen Teil bürgerkriegsähnliche Zustände. Verschiedene Gruppen kämpfen für die Vereinigung mit Pakistan oder für ein unabhängiges Kaschmir unter Einschluss des pakistanischen Teils. 1999 gab es erneut einen kurzen Krieg. Immer wieder kommt es zudem an der Demarkationslinie zwischen Indien und Pakistan zu Grenzverletzungen. Im Jahr 2007 rief das Terrornetzwerk Al-Kaida wegen des Kaschmir-Konflikts einen Heiligen Krieg gegen Indien aus.