Zum Hauptinhalt springen

Kaschmir: Mit jeder Granate ein Jahresgehalt verpulvert

Von Andrew Hill

Politik

Basal Chu · Im Kaschmir-Konflikt verpulvern Pakistan und Indien mit jeder Artilleriegranate mehr oder weniger das Jahreseinkommen eines ihrer Bürger. Das hält sie nicht davon ab, Jahr für Jahr | dasselbe Ritual abzuspulen. Wenn es Mai wird und der Schnee schmilzt, fetten die Kanoniere ihre Geschütze, stapeln Sandsäcke um ihre Stellungen und beschießen sich. Das geht Tag und Nacht, bis im | Oktober wieder der erste Schnee fällt.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 24 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

In diesem Jahr hat der Dauerkonflikt eine andere, bedrohliche Qualität bekommen: Er nähert sich einem Krieg. Es wäre der dritte um den Kaschmir, seit Indien und Pakistan 1947 von Großbritannien

unabhängig wurden.

Oberst Herl Nawaz ist sich der Vergeblichkeit seiner Feuerbefehle bewußt. Außer Zerstörung brächten die Artillerieduelle nichts, sagt der pakistanische Offizier, während seine Geschütze ein

unsichtbares, 8 km entferntes Ziel jenseits der Waffenstillstandslinie im indisch verwalteten Teil Kaschmirs beschießen. Nötig seien Verhandlungen. "Kaschmir gehört auf die Tagesordnung der UNO",

sagt er.

Seine 14-cm-Geschütze, die noch aus der britischen Kolonialzeit stammen, und die des Gegners verschießen innerhalb von 24 Stunden etwa 300 Granaten. Jede kostet zwischen 5.300 und 8.000 Schilling,

mehr als ein Inder durchschnittlich im Jahr verdient und mindestens soviel wie das jährliche Einkommen eines Pakistani. Fachleute sagen, tagtäglich kosteten die Artillerieduelle an der

Waffenstillstandslinie fast 28 Mill. Schilling.

Oberst Nawaz hat als Zielgebiet einen Abschnitt der Straße zwischen Drass und Kargil zugewiesen bekommen. In diesem Gebiet rückten zu Beginn der jährlichen Artilleriesaison schätzungsweise 1.000 Mann

über die Waffenstillstandslinie von 1972 vor und besetzten leerstehende indische Bunker über der strategisch wichtigen Fernstraße im Kaschmirtal. Pakistan sagt, es seien kaschmirische

"Freiheitskämpfer", auf die es keinen Einfluß habe und die die historische Ungerechtigkeit korrigieren wollten, daß die Briten beim Abzug den moslemischen Kaschmir seinem Schicksal und letztendlich

dem Gutdünken des indischen Hindu-Fürsten überließen. Indien sagt, die Eindringlinge seien pakistanische Soldaten und afghanische Söldner, die ihm die angestammten Rechte auf den Kaschmir streitig

machten.

Die pakistanischen Geschütze in Basal Chu reichen 25 km weit und können mit Hilfe vorgeschobener Beobachter die Talstraße nach Belieben bestreichen. Oberst Nawaz sagt, der indische Nachschub sei von

2.000 auf 50 Fahrzeuge am Tag reduziert worden. Indien begann am 26. Mai mit seiner Offensive gegen die Eindringlinge und überlegt inzwischen, ob der hartnäckige Widerstand nicht durch einen eigenen

Vorstoß über die "Kontrollinie" gebrochen werden sollte.

Eine Alternative wäre die Eröffnung einer zweiten Front an der international anerkannten Grenze weiter südlich im Punjab, um Pakistan zu zwingen, den alten Zustand im Kaschmir wiederherzustellen. Das

würde offenen Krieg bedeuten, der diesmal das Risiko eines nuklearen Schlagabtausches bergen würde, denn Indien und Pakistan sind seit Mai vergangenen Jahres Atommächte. Das hat die Weltmächte auf

den Plan gerufen.

Das politische Patt findet seine Entsprechung an der 740 km langen Waffenstillstandslinie und im starren Ritual der Artillerieduelle, die mit der Schneeschmelze beginnen. Die Pakistanis schießen,

weil die Inder es tun · und umgekehrt. Oberst Nawaz nennt das "angemessen reagieren". Gesagt, getan. "Allah-o-Akbar" schreien seine Kanoniere und jagen eine Granate aus dem Rohr, kaum daß das Echo

des Einschlages einer indischen Granate verhallt ist. Genau 16 Sekunden hat es gedauert, bis sich der Knall in den Tälern verlief.

Die nächsten indische Bunkern liegen in Rufweite auf der anderen Talseite. Oberst Nawaz erinnert sich, wie er vor ungefähr drei Wochen hinüberrief, er wolle die Leichen von sechs indischen

Infanteristen übergeben, die bei einem Vorstoß gefallen waren und unten im ausgetrockneten Flußbett lagen. Doch statt Dank für diese Geste zu ernten, habe er sich nach der Übergabe den Vorwurf

anhören müssen, seine Männer hätten die Gegner verstümmelt. "Seither sprechen nur noch die Geschütze", sagt er.