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Katastrophenjournalismus

Von Rotraud A. Perner

Wissen

Auf breites Interesse stieß beim heurigen Journalistinnenkongress vergangene Woche die Podiumsdiskussion "Krisenjournalismus - Gratwanderung zwischen Einfühlungsvermögen und Quote". Da berichtete Maria Kern vom "Kurier" von heimischen Amokläufen, Claudia Reiterer ließ Bilder von Lassing, Galthür und Kaprun wieder auferstehen und Susanne Scholl ließ hinter die Kulissen ihrer Russland- und Tschetschenienberichterstattung blicken: welche Bilder kann man den Medienkonsumenten zumuten? Wann beginnt man, die Würde von Toten zu verletzen? Aber auch: wo kann zuviel Rücksichtnahme bei Betroffenen den Eindruck erwecken, man nähme sie nicht ernst?

Ethische Fragen waren es, die Österreichs Topjournalistinnen auf diesem Podium bewegten, und das entspricht den wissenschaftlichen Untersuchungen, die ergaben, dass männliche Berichterstatter mehr an Quantitäten wie beispielsweise Anzahl (etwa von abgeworfenen Bomben oder Einsatzkräften), Gewichtigkeiten (wie Sprengkraft oder Pferdestärken), Geschwindigkeiten oder Kostenangaben interessiert sind, die weibliche Reporterschaft hingegen an den psychischen und sozialen Folgen für die betroffenen Menschen.

So war es nur logisch, dass auch die Frage erörtert wurde, mit welchen Methoden die Fachfrauen die Wahrnehmungsspuren der Katastrophen, die sie so genau recherchieren müssen, aus ihrem Gedächtnis verbannen. Das Eintauchen in die Geborgenheit im Kreis der Kollegen wurde da genannt oder das Umschalten auf die Mutterrolle. Sozialer Beistand ist eben ein Heilmittel - im Gegensatz zu dem weitverbreiteten Wahn, man(n) müsse alles allein durchstehen.

In meinem Beitrag auf dem Podium ging es mir um die Frage, welche geistigen Bilder und damit Vorbilder in den Köpfen der Leser-, Hörer- und Seherschaft suggeriert werden: Identifikation mit dem Täter durch Kameraführung aus seinem Blickwinkel? Oder wird die abstumpfende Sichtweise des unbeteiligten Beobachters inszeniert? Denn: den Blickwinkel des Opfers will kaum jemand teilen - wer je den Kultfilm "Shining" gesehen hat, weiß, wie unerträglich es ist, aus der Perspektive des Sohnes auf den psychotisch wütenden Vater blicken zu müssen...

Identifikationen mit Feind- oder Freundpositionen können aber auch durch das geschriebene Wort hervorgerufen werden. Oft wirken sie nicht unmittelbar, sondern zeitversetzt - und meist werden sie auch nicht bewusst wahrgenommen. Dazu bedarf es schon besonderer Intuition - oder Schulung.

Solche "Einladungen" zur Identifikation werden aber leider ebenso unbewusst verursacht. Ein besonders befremdendes Beispiel fand ich am 17. März in den "Vorarlberger Nachrichten": über der Titelzeile "Messerstecher steht heute vor Gericht" und dem Bericht über den vorsätzlichen schweren Raub an einer Prostituierten, die der jugendliche Täter zuvor in ihrer Arbeitswohnung mit mehreren Messerstichen lebensgefährlich verletzt, anschließend die Blutende vergewaltigt, dann notdürftig versorgt und nochmals vergewaltigt hatte, steht als "Zitat des Tages" zu lesen: "Nichts kommt einen Mann so teuer zu stehen wie die Opfer, die eine Frau für ihn bringt. (Jules Romains)."

Ich habe diesen Strafprozess in Feldkirch mit meinen Student/innen im Rahmen des Seminars "Perversion" der Ausbildung zu Sexualberater/in besucht. Deren Resümee lautete: der arbeitslose junge Mann hatte seinen Hass auf Sexarbeiterinnen - Frauen, die, wie er phantasierte und auch zu Protokoll gegeben hatte, "viel Geld haben", ausagiert. Erbeuten konnte er 35 Euro. Der Preis dafür: 16 Jahre. Die Geisteshaltung aber wird bleiben. Bei etlichen Lesern leider auch.