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Katerstimmung am Nil

Von Gerhard Lechner

Politik

Revolutionäre feiern sich selbst, in der Bevölkerung verlieren sie an Rückhalt.


Kairo/Wien. Zumindest einmal noch wollten viele Ägypter die Magie des Tahrir-Platzes heraufbeschwören: Zehntausende strömten am Mittwoch auf den legendären Versammlungsort, an dem vor genau einem Jahr die Revolution, die Langzeit-Diktator Hosni Mubarak aus dem Amt fegte, begonnen hatte. Es bot sich ein Bild wie aus den Tagen der Revolte: Ein übervoller Platz, überall ägyptische Fahnen, da und dort sah man auch wieder friedlich vereint zum Himmel gereckte Kreuze und Koranbände, die den Geist der Verbrüderung gegen das alte Regime symbolisiert hatten.

Doch das euphorische Gefühl des geeinten Volks auf der Straße ist längst dahin. Auch während des Gedenktags kam es wieder vereinzelt zu Prügeleien zwischen den Anhängern der verschiedenen Lager. "Die Protestbewegung war immer sehr heterogen", betont der Politologe und Ägypten-Experte Cengiz Günay vom Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP) gegenüber der "Wiener Zeitung". Es war das gemeinsame Feindbild Mubarak, das die Demonstranten einte.

Mubarak ist jetzt zwar weg, sein Apparat ist aber immer noch quicklebendig: Amnesty International wirft dem seither regierenden Militärrat in einem 62-Seiten-Bericht vor, die Unterdrückung fortgesetzt, teils sogar noch verschärft zu haben. So wurden tausende Zivilisten vor Militärgerichte gestellt. Ob die Aufhebung des seit 1981 geltenden Ausnahmezustands, die Militärrats-Chef Mohammed Hussein Tantawi unmittelbar vor den Revolutionsfeiern verkündet hatte, an diesem Zustand etwas ändert, ist unklar. Auf dem Tahrir-Platz erschallten jedenfalls am Mittwoch erneut Forderungen wie: "Nieder mit der Militärherrschaft!" Oder: "Die Revolution ist noch nicht zu Ende!"

Touristen bleiben aus

Viele Ägypter empfinden das aber mittlerweile als eine gefährliche Drohung: Schließlich bleiben seit der Revolution die gewohnten Massen an Touristen aus. Wo einst Reisebusse im Minutentakt haltmachten, rufen heute, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, Kutschenfahrer und Plastikpyramiden-Verkäufer den selten gewordenen Besuchern ein "Revolution price, cheap cheap!" zu. Besuchten 2010 noch fast 15 Millionen Touristen das Land, waren es ein Jahr später nur noch knapp mehr als 9 Millionen. Kein Wunder, dass viele von der Rebellion genug haben.

"Die Wahlen relativ früh anzusetzen, war jedenfalls ein kluger Schachzug des Regimes", resümiert Politologe Günay. Denn was in der Phase des Protests die Stärke der Jugendbewegung gewesen war - ihre ideologische Unbestimmtheit, die niemanden ausschloss, der Mangel eines Programms - wurde ab dem Zeitpunkt, als es darum ging, Politik zu machen, zum großen Nachteil. "Bei den Wahlen haben naturgemäß jene gut abgeschnitten, die über funktionierende Netzwerke und Visionen verfügten", so Günay. Den Anspruch, das Volk zu repräsentieren, können die Protestler nicht mehr stellen.

Verweltlichung der Themen

Dass Ägypten sich nach dem Erdrutschsieg der islamistischen Parteien im Eilzugtempo in einen Gottesstaat verwandeln wird, glaubt der Politologe aber nicht: "Dass das islamistische Spektrum durch die Wahlen im demokratischen System angekommen ist, ist ein Fortschritt, der nicht unterschätzt werden sollte", sagt er. Gerade die ultrareligiösen Salafisten hätten lange Zeit Parteien und Demokratie als unislamisch und die Einheit der Muslime gefährdende Konstruktionen abgelehnt.

"Das Paradoxon ist, dass parallel zum Prozess der Re-Islamisierung, den es seit den 1970er Jahren gibt, innerhalb des islamistischen Spektrums eine Art Säkularisierung stattfindet. Natürlich nicht im Sinne einer Abkehr von der Religion oder von gesellschaftlichen Zielvorstellungen - aber politisches Engagement bringt einfach eine gewisse Verweltlichung der Themensetzung mit sich", meint Günay. So habe sich beispielsweise die Muslimbruderschaft vermehrt auf Defizite im Bereich der Menschenrechte, der politischen Verantwortlichkeit und der demokratischen Freiheiten konzentriert.