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Käufliche Loyalität: Die irakischen Stämme als unsicherer Partner

Von Wolfgang Zaunbauer

Analysen

In der irakischen Provinz Diyala, nordöstlich von Bagdad an der iranischen Grenze gelegen, haben sich unlängst neun arabische Stämme zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen die Terroristen der al-Kaida vorzugehen. Eine Einmischung der US-Truppen in diesen Kampf verbaten sich die Stammeskrieger ausdrücklich.


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Die rund 150 irakischen Stämme - aufgeteilt auf rund 2000 Clans - umfassen drei Viertel der irakischen Bevölkerung. Seit dem Sturz des Saddam-Regimes gewinnen die Stämme zunehmend an Bedeutung. In dem von Chaos und Gewalt geprägten multiethnischen Irak bildet oft die Familie die einzige Konstante und Blutsbande das einzige verpflichtende Moment. Die USA erkannten die Wichtigkeit der Stämme und setzten alles daran, sich die Loyalität der Clans - gegen bare Münze - zu erkaufen, was in den meisten Fällen auch gelang.

Die Amerikaner pfeifen im Zweistromland aus dem letzten Loch und sind auf jegliche Unterstützung angewiesen. Vor allem personell sind sie am Limit ihrer Möglichkeiten. Über diese Bindung der US-Ressourcen freut sich vor allem der Iran. Dieser hat zwar kein Interesse an der Zerstörung des Irak, noch weniger allerdings an seiner Konsolidierung. Vielmehr wollen die Mullahs, dass das Zweistromland auch weiter vor sich hin köchelt. Zu diesem Zweck bedienen nun auch sie sich der dortigen Stämme.

Westliche Experten gehen davon aus, dass der Iran gezielt versucht, die Clans zu infiltrieren und zu kaufen, um sie für seine Politik zu gewinnen. Wo ihm das nicht gelingt, sucht er ihre (lokale) Macht zu unterminieren. Dazu bedient er sich auch organisierter Verbrecherbanden. Die Absicht dahinter ist weniger, die Stämme direkt zum Aufstand gegen die amerikanischen Besatzungstruppen aufzustacheln, vielmehr will Teheran sie zur Abkehr von der Zusammenarbeit mit den USA zu bewegen.

Dann nämlich stünde einer Kooperation mit den Aufständischen nichts mehr im Wege, seien dies ausländische al-Kaida-Terroristen, Anhänger des entmachteten Saddam-Regimes oder religiöse Gruppen. Die Unterstützung durch die Stämme ist für die Aufständischen von elementarer Bedeutung, da sie ohne diese von Nachschub nahezu abgeschnitten sind. Zwar steht nach wie vor die Hälfte der irakischen Stämme auf Seiten der USA, ein Viertel kooperiert jedoch bereits mit den Aufständischen. Ob die Stämme in Diyala nun zu jenem restlichen Viertel gehört, das sich neutral verhält und seine Probleme selbst lösen will, oder ob auch sie schon auf der Gehaltsliste des Iran stehen, wird sich weisen.

Vor den USA hatte sich schon Saddam die Treue der Stämme erkauft - durch Geld, Ämter oder etwas Autonomie. Die Stämme sind jedem gegenüber loyal, solange die Bezahlung passt. Diese Unbeständigkeit des (noch) Verbündeten hätte der US-Führung eigentlich bewusst sein müssen. Solange sich die Loyalität der Stämme nach der Prämie richtet, bleibt den USA nichts anderes übrig, als der Höchstbietende zu sein. Denn ohne die irakischen Clans dürfte die Befriedung des Irak kaum gelingen.