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Kaum Migranten in Redaktionen

Von Bernd Vasari

Politik
Heimische Medien: Die vielfältige Gesellschaft wird zu wenig abgebildet.
© corbis

Migrationsforscher Güngör: "Migranten im Journalismus sind Erlebnissubjekte."


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Wien. Es kommt schon mal vor, dass Mercedes Echerer an ihrer Stimme erkannt wird. Für die Ö1-Radiomoderatorin der Sonntagvormittagsendung "Café Sonntag" ist das nichts Besonderes. Überrascht war sie allerdings, als ihre Stimme vor kurzem am Brunnenmarkt von einem türkischen Standler erkannt wurde. "Ich höre Ihre Sendung und finde sie super", sagte dieser zur Moderatorin.

Das komme nicht oft vor, dennoch: Auch Migranten hören österreichische Mainstreammedien, sagt Echerer während der Podiumsdiskussion zum Thema: "Diversity: Bringen Emanzipation und Multikulti auch mehr Vielfalt in die Medien?" im Rahmen des eintägigen Symposiums der "Wiener Zeitung" am Donnerstag. Wenn heimische Medien allerdings über Migranten berichten, dann hauptsächlich durch klischeebeladene Berichterstattung oder auf den für Migranten reservierten "Ghettoseiten". "Wenn etwa der ORF die Sendung ,Heimat, fremde Heimat‘ im Programm hat, dann läuft etwas falsch", sagt Echerer. Auch Moderatoren mit Migrationshintergrund seien im ORF kaum zu finden. Und wenn, dann würde man sie vorwiegend in der Minderheitenredaktion antreffen, kritisiert sie. In anderen Medien sei das nicht anders.

Clara Akinyosoye, Chefredakteurin von M-Media, Verein zur Förderung von interkultureller Medienarbeit, stellt es "die Haare auf", wenn Integrationsseiten als Ghetto bezeichnet werden. "Unsere Redaktion ist alles andere als ein Einheitsbrei. Die Journalisten kommen aus allen möglichen Ländern von verschiedenen Kontinenten." Das müsse aber nicht heißen, dass es sich zwangsläufig nur an Migranten richte. Integrationsseiten seien zwar nicht das Um und Auf, dennoch waren sie bis jetzt maßgeblich daran beteiligt, dass sich die Berichterstattung über Migranten verbessert habe.

Diversitätskonzept statt Integrationsseite?

Integrationsseiten abschaffen würde Akinyosoye aber nur, wenn es stattdessen Diversitätskonzepte in den Redaktionen gibt. Und dazu gehören auch mehr Migranten, die als Journalisten eingesetzt werden. Der Radiosender FM4 hätte bereits ein gutes Diversitätskonzept. Dieses könnte man auch für den ganzen ORF verwenden, empfiehlt Akinyosoye.

Gegen eine "Ghettoisierung" ist Bettina Roither-Epp, Programmchefin von Ö1. Themen über Migration sollen sich im Programm ganz normal abbilden, ohne dafür eine Nische schaffen zu müssen. Sie wünsche sich auch mehr Redakteure mit Migrationshintergrund. Allerdings gebe es davon zu wenig. Das würden auch die Bewerbungen zeigen, bei kaum Migranten dabei seien. "Wir bevorzugen sogar Bewerber, bei dem ein Migrationshintergrund vermutbar ist." Dennoch seien Migranten nach wie vor in der Redaktion unterrepräsentiert. Das sei ein Defizit, sagt Roither-Epp.

Daniela Kraus, Geschäftsführerin von Fjum, ein Verein, der Journalisten weiterbildet, kennt das Problem. Daran schuld sei für sie die Prekarisierung im Journalismus: "Wer kann es sich heute noch leisten, im Journalismus einzusteigen?" Dazu brauche es das nötige Kleingeld oder die finanzielle Unterstützung der Eltern. Da nach wie vor viele Migranten in bescheidenen Verhältnissen aufwachsen, sei hier der Weg in den Journalismus versperrt.

Mercedes Echerer lässt diese Argumentation nicht gelten. Ö1 und andere Medien sollen einfach weitersuchen, sagt sie. Özlem Topcu, Redakteurin der "Zeit" und Buchautorin, sieht die Gefahr der "Verspießung" in den Medien. Der Durchschnittsjournalist sei weiß, männlich, in den Vierzigern, fahre ein Auto und habe einen Hund. Warum Migranten als Journalisten kaum zum Zug kommen, weiß sie nicht. Bewerber mit nicht-deutschem Namen würden anscheinend noch immer aussortiert werden, sagt sie.

Neugeborene: 70 Prozent mit Migrationshintergrund

Der Migrationsforscher Kenan Güngör weist darauf hin, dass 70 Prozent der gegenwärtig Neugeborenen in Österreich einen Migrationshintergrund haben. "Wenn Journalisten nicht ein Altherren- und Altfrauenklub werden wollen, dann muss hier was geändert werden." Derzeit dürfen Migranten im Journalismus nur Erlebnissubjekte sein und nur über ihre eigene Geschichte erzählen, so Güngör.

Bettina Roither-Epp fordert auch ein Umdenken in der Politik. Es werde von Politikern noch immer behauptet, dass Österreich kein Einwanderungsland sei. Das sei auch ein Grund, warum Migranten oftmals nicht als vollwertiger Teil der österreichischen Gesellschaft gesehen werden. Das würde sich dann auch in den Medien widerspiegeln. Österreich war aber immer schon ein Einwanderungsland, sagt die Ö1-Programmchefin.

Daniela Kraus fordert einen pragmatischen Zugang: "Wir haben eine vielfältige Gesellschaft. Und diese muss sich daher auf personeller und inhaltlicher Ebene in den Medien abbilden." Jemanden aufgrund seines Migrationshintergrundes einzustellen, hält sie für falsch. "Ich wüsste nicht, durch welches Merkmal ich mich definieren würde. Außerdem würde ich das beleidigend finden, auf ein Merkmal reduziert zu werden."