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Kaum Perspektiven in Bagdad

Von Arian Faal

Politik

Während Anschläge das Land erschüttern, wählen 21 Millionen Iraker ein neues Parlament.


Bagdad/Wien.  Der Tisch ist bereits seit Dienstag feierlich gedeckt, frische Blumen stehen neben den Briefen mit den Wahlkarten für die Parlamentswahl. Irakische Kekse und ein Kokoskuchen füllen eine Bronzebox, die aussieht wie aus Tausend und einer Nacht. Für die 26 jährgie Roxana und ihren Ehemann Khaled wird der heutige Mittwoch zu einem besonderen Tag. Es ist ihr fünfter Hochzeitstag. Dass am selben Tag gewählt wird, habe sich so ergeben und bedeute nichts, meint die Perserin mit einem schelmischen Lächeln.

"Wir gehen in der Früh wählen und dann gibt es eine Party bei uns zuhause. Schauen Sie, es ist eine Wahl ohne Perspektiven. Wollen Sie, dass ich Ihnen das Ergebnis schon jetzt sage? Wir bekommen ein neues Parlament mit alten Gesichtern und es wird weiterhin Bombenanschläge mit zahlreichen Toten geben", erklärt sie im telefonischen Gespräch mit der Wiener Zeitung.

Rund 9.000 Kandidaten aus über 275 Parteien buhlen um 328 Sitze im Parlament. Einigen Experten zufolge ist der Ausgang des Urnengangs offen, andere handeln den schiitischen Ministerpräsidenten Nouri al-Maliki mangels profilierter Gegner als Favoriten. Wählen will Roxana dennoch al-Maliki, denn die Sunniten seien "das noch größere Übel".

Roxana weiß, dass sie immer wachsam sein muss, wenn sie im Schiitenviertel in Bagdad einkaufen geht. "Es ist wie ein Roulettespiel. Täglich geht man mit einem mulmigen Gefühl aus dem Haus. Der nächste Anschlag könnte schon dich selbst treffen. Allah allein gibt uns die Kraft, das durchzustehen", expliziert sie mit stoischer Ruhe.
Roxana kommt ursprünglich aus der iranischen Stadt Yazd. Ihr Mann Khaled war  als Kind mit seiner streng gläubigen schiitischen Familie in den Iran geflohen. In Yazd haben sich die beiden kennen und lieben gelernt. Da Khaled wieder in seine Heimat ziehen wollte, als die Schiiten nach dem Sturz Saddam Husseins die Macht übernommen hatten, zog Roxana mit ihm nach Bagdad.

"Eine große Umstellung war es nicht. Es gibt ja sehr viele Perser hier, die Freitagsgebete werden teilweise in Farsi gehalten und man kann sogar in den iranischen Lebensmittelshops  mit Rial bezahlen", so Roxana weiter.

Khaled und Roxana sind nicht die Einzigen, die die Wahl als "Farce" bezeichnen. Denn von Stabilität kann im Zweistromland noch lange keine Rede sein.

Das weiß auch die Führung in Teheran. Sie ist besonders daran interessiert, dass die Schiiten im Nachbarland  an der Macht bleiben. Es wird sich zeigen, ob al-Maliki gewinnt und reibungslos eine dritte Amtszeit antreten kann. Denn gerade im Irak sind  Wahlperioden geprägt von Terroranschlägen. Radikale Extremisten verwenden immer wiederkehrende Muster und terrorisieren die Bevölkerung.

Auch diesmal sind in den vergangenen Wochen bei Anschlägen mehrere Dutzend Menschen getötet und Hunderte verletzt worden.
Rigorose Sicherheitschecks und der Einsatz von zusätzlichem Wachpersonal und Spürhunden konnten die Attentate der sunnitischen Terrororganisation Al-Kaida und anderen terroristischen Gruppierungen bisher aber nicht verhindern. Militante Islamisten haben das Ziel, das Land zu destabilisieren. Denn sie wissen, dass die Wahl im Irak Einfluss auf die gesamte Region haben wird. Der erbitterte Kampf Sunniten gegen Schiiten ist aber zu komplex, um ihn darauf zu reduzieren. Das alles wird Roxana und Khaled nicht davon abhalten, "ihren Tag" mit Freunden und Familie gebührend zu feiern.

(af) Zur Wahl sind  rund 21 Millionen Bürger aufgerufen. Rund 4.000 stimmberechtigte Iraker in Österreich hatten bereits am vergangenen Sonntag und Montag die Gelegenheit im Wiener Wahlbüro ihre Stimme abzugeben. Die Sicherheitskräfte im Irak waren ebenfalls am Montag zur Wahl aufgerufen, damit sie am Mittwoch zur Sicherung der Abstimmung eingesetzt werden können. Die irakische Parteienlandschaft gliedert sich grob in drei Blöcke: in Schiiten, Sunniten und Kurden. Insgesamt acht Mandate sind für religiöse oder ethnische Minderheiten reserviert, fünf davon für Christen, und jeweils einer für Mandäer, Yeziden und Shabaks. Bei den Parlamentswahlen handelt es sich um die ersten seit dem Abzug der US-Armee aus dem Land Ende 2011.

Seit Jahren tobt in dem Land ein politischer Machtkampf zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen. Allein 2013 starben nach UN-Angaben 8.868 Menschen bei Attentaten. Seit Jahresbeginn kamen bei Gewaltakten im Irak laut der Website www.iraqbodycount.org bereits über 3.900 Menschen ums Leben, knapp 250 davon innerhalb der vergangenen Woche