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Keimzelle des Journalismus

Von Judith Belfkih

Politik
© WZ-Collage: Irma Tulek; Fotos: Christoph Liebentritt, Irma Tulek

Redaktionen sind ganz spezielle Organismen - eine Annäherung, die ein Loblied wird und ein unfreiwilliger Abgesang.


Ergebnis von Parteitag falsch - Babler doch vorne." Als diese knappe Eil-Meldung über die Agentur die Redaktion erreicht, ist es kurz vor 16 Uhr. Und damit 90 Minuten vor Redaktionsschluss. Die aktuelle Ausgabe der "Wiener Zeitung" ist zu diesem Zeitpunkt nicht nur längst geplant, sondern über weite Strecken geschrieben. Der rote Einzeiler ändert das. Ein kurzer Moment des Innehaltens, dann macht sich Geschäftigkeit bereit. Die Krisenstehung am Gang dauert keine zwei Minuten. Der Innenpolitik-Chef konzipiert mit seinem Team Texte neu, das Layout zeichnet Seiten um, eine neue Titelseite entsteht, online hat die Meldung längst Priorität.

Mit Redaktionsschluss der Printausgabe gut eine Stunde später sind zwei Seiten und ein Cover entstanden, die Chefredakteurin hat einen neuen Leitartikel verfasst, die Homepage ziert Analytisches zur Causa. Durch die Adern der Beteiligten strömt eine volle Dosis wohligen Tageszeitungsadrenalins.

Weltbild Journalismus

Es sind die Ausnahmesituationen, in denen sich die Stärke von Redaktionen zeigt; wenn sich in der Nacht des Terroranschlags in Wien fast wortlos Aufgaben verteilen im virtuellen Newsroom, wenn bis in die Morgenstunden eine Handvoll Redakteurinnen im Einsatz ist, jede und jeder selbstredend beiträgt, was er oder sie am besten kann - oder was gerade nötig ist, um zu informieren, um einen Überblick zu geben; wenn beim Tod der Queen allen klar ist, was zu tun ist; wenn aus einer Gruppe von Menschen dieses agile Wesen einer eingeschworenen Redaktion entsteht, das sich beinahe blind versteht, das in einem publizistischen Auftrag vereint, Geschehnisse begleitet, einordnet und dieses Ergebnis von Weltbegegnung und -betrachtung ihrer Leserschaft zur Verfügung stellt.

In solchen Situationen zeigt sich, dass Journalismus mehr als nur ein Beruf ist. Es ist vielmehr eine Grundhaltung der Welt gegenüber, eine Art, ihr entgegenzutreten. Ausgestattet mit einem kritischen Blick, der verstehen, Zusammenhänge erkennen und das Gesehene einordnen möchte. Angetrieben von einer unbändigen Neugierde und dem Bestreben, stets der viel zitierten "besten verfügbaren Version der Wahrheit" auf der Spur zu sein, um Leserinnen und Leser möglichst gut dabei zu unterstützen und dafür auszustatten, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Was es darüber hinaus wohl auch braucht: eine Portion Sendungsbewusstsein, Freude an der eigenen Denk- und Formulierungskunst und die Lust am inspirierenden Kitzel des stets nahenden Redaktionsschlusses.

Kollektiver Nährboden

Journalistinnen und Journalisten sind formal Einzelgänger. Jeden Text ziert ein Name, jeden Kommentar ein Porträtfoto. Redakteurinnen und Redakteure erzählen - auch wenn sie sich der Objektivität verschreiben - letztlich von ihrer Sicht auf die Welt. Und doch ist der Journalismus, den sie machen, immer Teamarbeit - und das nicht nur, weil sie arbeitsteilig mit Grafikerinnen, Fotografen und Layoutern arbeiten. Die Idee des Journalismus entsteht in Redaktionen, in der Dynamik des Austausches miteinander, im leichtfüßigen Gespräch, in der hitzigen Debatte über Themen, Zugänge und Bildideen. Dieser kollektive redaktionelle Nährboden, der zugleich Inspiration, kritisches Gegenüber, hartnäckige Reibfläche und auch Qualitätskontrolle ist, macht die wahre Qualität von Redaktionen aus.

Die Pandemie mit ihrem erzwungenen Homeoffice hat gezeigt, was uns fehlt, wenn dieser Austausch beschränkt ist. Journalismus wird nicht besser, wenn alle alleine zuhause sitzen und vor sich hin denken. Der Welt schreibend zu begegnen, beginnt immer mit der Auseinandersetzung mit ganz konkreten Menschen. Wie dabei die spannendesten Geschichten entstehen? Meist über eine persönliche Beobachtung, die ein Kollege, eine Kollegin in einer Sitzung teilt. Am Anfang steht oft eine alltägliche Erfahrung, die dann gemeinsam auf ihre allgemeine Relevanz abgeklopft wird und die sich oft als Blaupause für größere gesellschaftliche Entwicklungen erweist.

In der Stadt kein Taxi bekommen? Das Medikament des Sohnes nicht lieferbar? Nicht immer lassen sich aus scheinbar banalen Alltagsbeobachtungen eine Krise der Taxibranche oder ein Engpass bei Medikamentenkartons extrahieren. Nicht immer, aber erstaunlich oft. Recherche und damit das Stoßen auf allzu eingängige Erklärungen für Phänomene, hat dabei schon die besten Geschichten zerstört. Und das ist gut so.

Denn ob eine Beobachtung persönliche Anekdote bleibt oder zum publizistischen Thema wird, genau diese Entscheidungen treffen Redaktionen - in der Themenfindung, in der Überprüfung der Fakten und letztlich in der gemeinsamen Einordnung ihrer Relevanz. Durch dieses Abklopfen und doppelte Prüfen unterscheiden sich redaktionelle Medien grundsätzlich von den Empörungsbekundungen der Soziale Netzwerke.

Persönliches Samenkorn

Redaktionen wie jene der "Wiener Zeitung" sind mitunter eigentümliche, knorrig gewachsene, liebevoll brodelnde Wesen. Ihre Stärke liegt in der Vielfalt an Charakteren und Persönlichkeiten. Da gehören die meinungsstarken Besserwisser genauso dazu wie die Alles-Abwieger-und-Zerdenker, die schnell nach vorne Preschenden ebenso wie die stillen Analytiker und polternden Grantler. Sie alle sind gemeinsam besser als alleine - auch wenn das manche von ihnen nicht gerne lesen -, sie alle braucht es für die lebendige Ideenwerkstatt einer handlungsfähigen und schlagfertigen Tageszeitung.

Die Redaktion der "Wiener Zeitung" wird es mit 1. Juli in der bewährten Form nicht mehr geben. Ein Großteil von uns hat kein Angebot bekommen, Teil der digitalen Zukunft des Hauses zu sein. Was die "Wiener Zeitung" Ende dieser Woche verliert, ist nicht nur die gedruckte Zeitung, sind nicht nur herausragende Kolleginnen und Kollegen - sondern das eingeschworene Ideen- und Journalismuslabor einer eingespielten, ja eingeschworenen Redaktion. Die "Wiener Zeitung" verliert die Keimzelle ihres Journalismus.

Diese Entwicklung, Redaktionen auszudünnen und zugleich mit immer mehr digitalen Aufgaben zu versehen, beschäftigt die ganze Branche. Ebenso wie die sich rasant verändernden Parameter von Medienproduktion und -konsum. Der Medientheoretiker Bernhard Pörksen spricht von redaktionellen Gesellschaften: Jeder und jede ist medienmächtig, alle produzieren und verbreiten Inhalte. Journalistische Kompetenz ist also gefragter denn je, sollte man meinen.

Redaktionelle Gesellschaft

Was Pörksen mit seiner Analyse jedoch verkürzt: Soziale Medien sind keine Redaktionen. Sie funktionieren wie verstärkte Echokammern und nicht wie spiegelnde Korrektive. Vor allem aber: Inhalte zu produzieren und zu veröffentlichen, ist nicht automatisch Journalismus. Dennoch liefert Pörksens Konzept einen klaren Hinweis: Qualitätsjournalismus ist in einer Krise - nicht nur seine Finanzierung. Wenn sich ganze Gesellschaften als Kollektiv einer Redaktion begreifen, welche Rolle haben Journalistinnen und Journalisten dann künftig? Aktuell folgen sie ihrem Publikum von Plattform zu Plattform und buhlen neben Babyfotos mit seriösen Inhalten um Relevanz. Es ist ein Kampf, den Journalismus so nur verlieren kann. Fundiertes Nachdenken braucht mehr Ressourcen, als Katzenvideos zu drehen.

Die Idee einer Redaktion als Nährboden und Entwicklungslabor für kritische Auseinandersetzung mit Phänomenen der Gegenwart wird ihre Rolle neu finden und schreiben müssen im digitalen Medienzeitalter. In und außerhalb von Zeitungsverlagen. Damit wird auch Journalismus seine Aufgabe zeitgemäß nachjustieren.

Die gelebte Grundidee eines redaktionellen Miteinanders nehmen wir zum Abschied mit aus der "Wiener Zeitung". Vielleicht gelingt es uns ja, sie wie ein Samenkorn hinaus in die Welt zu tragen, an der einen oder anderen Stelle neu zu pflanzen und zum Blühen zu bringen.

Diesen Artikel finden Sie in Printform - ein letztes Mal - am 30. Juni in Ihrer "Wiener Zeitung".