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Kein Bollwerk mehr

Von Eva Krafczyk

Politik

Warschau - Wer an einem Sonntagvormittag über polnische Dörfer fährt, findet meist ausgestorbene Straßen vor. Das ändert sich erst, wenn die Glocken zum Ende der Messe läuten und die Bauern in Festtagskleidung die Dorfstraße entlang nach Hause strömen.


Die Bilder scheinen ins Klischee zu passen: Das katholische Polen ist danach - neben Irland - die letzte Bastion der Kirche im von Säkularisierung geprägten Europa. Doch auch in Polen ist die katholische Kirche nicht mehr das Bollwerk von einst.

Katholizismus und Patriotismus, das galt in Polen einst als untrennbar. Die Entscheidung für die Teilnahme am kirchlichen Leben war jahrzehntelang zugleich eine Entscheidung gegen das kommunistische Regime. Seit der Wende vor zwölf Jahren gilt dieses Entweder/Oder jedoch nicht mehr. Mit Pluralismus und Verwestlichung verlor die Kirche viel von ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Zudem finden 60 Prozent der Polen, in einer demokratischen Gesellschaft solle sich die Kirche auf religiöse und caritative Arbeit beschränken und sich aus der Politik heraushalten.

Noch ist der polnische Papst der Kitt, der die Bindung der polnischen Katholiken an die Kirche zusammenhält. Bei der Haltung der Gläubigen zur Kirche hingegen stellen Meinungsforscher immer häufiger eine "selektive Religiösität" fest, wie sie in Westeuropa schon länger üblich ist.

Zwar bezeichnen sich 92 Prozent der Polen als gläubige Christen und fast 47 Prozent geben an, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, die kirchliche Haltung zu Moral und Sexualität aber lehnen die meisten rundweg ab. So gaben 75 Prozent der Teilnehmer einer vom Episkopat in Auftrag gegebenen Umfrage an, sie praktizierten Empfängnisverhütung. Nicht einmal ein Drittel der Befragten akzeptierte die Haltung der Kirche zu vorehelichem Geschlechtsverkehr.

Im Gespräch mit katholischen Laien ist häufig Unzufriedenheit über das autoritäre Gebaren vieler Pfarrer zu hören.

Auch die Skandale wegen sexuellen Missbrauchs durch Priester sind an Polen nicht vorbeigegangen. Im Juni musste etwa der Posener Erzbischof sein Amt niederlegen. Katholische Intellektuelle waren nach jahrelanger Passivität des Episkopats an die Öffentlichkeit gegangen und warfen dem Kirchenmann vor, seit Jahren Theologiestudenten sexuell genötigt zu haben.