Zum Hauptinhalt springen

Kein Booster für eine zukunftsfähige Industrie?

Von Stefan Schleicher

Gastkommentare
Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Für die Reduktion der Emissionen bei Stahl und Zement liegen weit weniger Visionen vor als für den Bereich der Mobilität.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 2 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Viele Zustände in der Wirtschaftspolitik sind nicht unähnlich den Vorgängen um die Corona-Krise: Nicht die Notwendigkeiten, sondern die Opportunität von Wahlterminen beeinflussen die zu erledigenden Entscheidungen; nicht ein voraussehendes Management wird etabliert, sondern eher wird hastig gezimmerten Reparaturen vertraut; nicht faktenbasierte Argumente sondern ein undurchsichtiges Dickicht von Interessen mit Differenzierungen von Wien bis Vorarlberg und von Shopping-Lobbys bis zu Seilbahnbetreibern flicken am Fleckerlteppich der Lockdowns.

Bei zentralen Herausforderungen der österreichischen Wirtschaft zeichnet sich ein ähnliches Management des bewussten Wegschauens und der inkompetenten Reparaturversuche ab. Aktuelle Beispiele finden sich in der heimischen Grundstoffindustrie bei Stahl und Zement. Im internationalen Vergleich sind diese Industrien technologisch bestens positioniert. Deren hohe Intensität bei Energie und Treibhausgasemissionen motiviert aber die Suche nach radikalen und disruptiven Veränderungen, die nicht nur durch die Anforderungen der Klimaziele begründet sind.

Nicht ausreichend scheint bekannt zu sein, dass das Volumen der Treibhausgasemissionen dieser Industrien ähnliche Dimensionen erreicht wie der gesamte Straßenverkehr, der jedoch viel stärker im Radar der Klimapolitik sichtbar wird. Dann dürfte nicht bewusst sein, dass für die Reduktion der Emissionen bei Stahl und Zement weit weniger Visionen vorliegen als eben für den Bereich der Mobilität. Wasserstoff und Elektrizität scheinen schlüssige Technologieoptionen anzubieten. Aber allein die Voestalpine würde für das Volumen ihrer Stahlproduktion gut die Hälfte der in Österreich derzeit verfügbaren Menge an Elektrizität beanspruchen.

Sichtbar schwer genug ist ein Umstieg auf ein nicht-fossiles Mobilitätssystem. Noch viel schwerer ist die Einbindung von Stahl und Zement in ein bis 2040 zu erreichendes Ziel von Klimaneutralität. Dafür sind gewaltige Technologiesprünge erforderlich, über die es erst vage Vorstellungen gibt und die ähnliche Forschungsanstrengungen erfordern wie vor sechs Jahrzehnten das Ziel der US-Raumfahrt, Menschen auf dem Mond zu landen. Auf EU-Ebene steht dafür der Innovationsfonds zur Verfügung. Allerdings scheiterten die eingereichten österreichischen Projekte bei der ersten Ausschreibung.

Nicht unbedeutend für diese alarmierende Erfahrung ist in Österreich der Mangel an einem glaubwürdigen politischen Engagement für die Herausforderungen dieser Industrien. Von den rund 3,5 Milliarden Euro, die auf Österreich aus dem Aufbau- und Resilienz-Fonds der EU entfallen, sind gerade drei Prozent für die Industrie vorgesehen, die aber dringend viel größere Mittel bräuchte. Trotz Ankündigung im Regierungsprogramm finden sich dafür keine Spuren im Budget der Regierung.

Wie das Witzeln aus der Politik über warnende Ärzte in der Corona-Krise ist auch das unüberhörbare Schweigen der für eine zukunftsfähige Industrie zuständigen Ministerien nicht hilfreich. Nicht nur Deutschland und Skandinavien, sondern auch Italien haben inzwischen Österreich bei Initiativen zur Transformation der Industrien verdrängt.

So eine Wirtschaft: Die Wirtschaftskolumne der "Wiener Zeitung". Vier Expertinnen und Experten schreiben jeden Freitag über das Abenteuer Wirtschaft.