Zum Hauptinhalt springen

Kein "Christenfresser"

Von Susanne Güsten

Europaarchiv

Istanbul - Nach einer ganzen Reihe von Gesprächen in europäischen Hauptstädten und einem viel beachteten Auftritt im europäischen Parlament sieht sich der Vorsitzende der islamisch geprägten Regierungspartei AKP, Recep Tayyip Erdogan, in seinem Entschluss bekräftigt, die türkische Außenpolitik auf eine neue Grundlage zu stellen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 21 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Erdogans Wirbelwind-Tour durch die westeuropäischen Regierungszentralen hat das Bild der AKP in Europa verbessert. Die Regierungschefs von Silvio Berlusconi bis Tony Blair konnten sich persönlich davon überzeugen, dass der AKP-Chef kein islamistischer Christenfresser ist, sondern ein pragmatischer Politiker, der sein Land näher an Europa heranführen will.

Kern der Erdogan'schen Überlegungen ist eine Abkehr von der bisherigen starren Haltung bei Problemen wie der Zypern-Frage. Der AKP-Chef schlägt vor, die türkische EU-Bewerbung, das Zypern-Problem und den Streit um die neue europäische Verteidigungspolitik in einem "Paket" gemeinsam zu behandeln. Diese Vorgangsweise ermöglicht es der türkischen Seite, flexibler mit den Europäern zu verhandeln: ein Zugeständnis hier, ein Zugewinn da. Das kompromisslose Vorgehen der Vergangenheit scheint passé.

Endziel der neuen Taktik ist die möglichst rasche Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der EU. Presseberichten zufolge wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Türkei bereits in Kopenhagen ein Datum für den Beginn von Beitrittsgesprächen erhält. Doch selbst wenn Ankara sich in Kopenhagen mit dem Angebot begnügen muss, im kommenden Jahr ein Datum für den Beginn von Gesprächen zu bekommen, kann Erdogan zufrieden sein: Die Hoffnung auf baldige Gespräche bliebe den Türken schließlich auch dann erhalten.

Klar ist auch, dass Erdogan bald selbst türkischer Ministerpräsident sein wird: Bis Ende Februar sollen die nötigen Verfassungsänderungen unter Dach und Fach sein, die ihm trotz seiner Vorstrafe wegen religiöser Hetze erlauben sollen, seinen Freund Abdullah Gül als Regierungschef abzulösen.