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"Kein Einmarsch in den Nordirak"

Von Wolfgang Zaunbauer

Europaarchiv

Ankara fordert von den USA mehr Härte gegen die PKK. | Yenel: Türkei steht als Nahost-Vermittler zur Verfügung. | "Wiener Zeitung": Die USA haben versprochen, gegen die PKK vorzugehen. Sind damit die türkischen Forderungen erfüllt oder plant Ankara nach wie vor einen Einmarsch in den Nordirak?


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Selim Yenel: Nein, ein solcher ist nicht geplant. Wir versuchen den USA und den Irakern klar zu machen, dass sie wirkungsvoller gegen die PKK vorgehen müssen. Bisher waren sie dazu nicht bereit. Daher nehmen auch die terroristischen Aktivitäten im Südosten der Türkei zu. Wir haben gesagt: "Genug ist genug. Ihr solltet unsere Bedenken endlich ernst nehmen." Wir wollen, dass die Iraker ihr Gebiet selbst kontrollieren. Manchmal muss man einfach laut werden. Aber natürlich wollen wir nicht in den Nordirak einmarschieren. Das würde zu einem gewaltigen Chaos führen.

War die Drohung also nur rhetorisch gemeint?

Ja, es war Rhetorik. Wir halten uns an das internationale Recht und respektieren die irakische Regierung. Aber wir erwarten von den Irakern und den Amerikanern, dass sie sich mehr bemühen. Man kann nicht sagen "Dein Terrorist ist gut, mein Terrorist ist böse". Terrorismus ist Terrorismus, ohne wenn und aber.

Misst die internationale Gemeinschaft bei der Türkei mit zweierlei Maß?

Ja. Es fehlt auch an Verständnis für die Türkei und ihre Probleme. Als EU-Kandidat erwarten wir die Solidarität der EU.

Was erwarten sie von der PKK, um diese Probleme zu lösen?

In den vergangenen Jahren haben wir versucht, Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Demokratie ist der beste Weg dazu. Terrorismus kann nicht die richtige Antwort sein. Wenn man Probleme hat, löst man sie am besten mit demokratischen Mitteln, nicht mit Waffengewalt. Das verlangen wir.

Die Türkei ist ein guter Freund Israels. Gleichzeitig gibt es große Solidarität mit der islamischen Welt. Wie funktioniert dieser Spagat?

Es ist sehr schwierig. Ich glaube, wir sind das einzige Land in einer solchen Situation. Aber wir haben immer gesagt, dass wir bereit sind, unsere Vermittlerdienste anzubieten, wenn es nötig und gewünscht ist.

Der türkische Premier Tayyip Erdogan hat türkische Truppen für eine internationale Sicherheitstruppe für den Libanon angeboten.

Der Ministerpräsident hat klargestellt, dass wir nur für eine friedenserhaltende Truppe zur Verfügung stehen, nicht für eine friedensschaffende.

Sollten islamische Länder mehr Verantwortung in der Nahost-Krise übernehmen?

Das sollten sie, und das versuchen sie auch. Sie sollten mit den Verantwortlichen von der Hisbollah und der Hamas reden und sie zur Vernunft bringen. Aber dafür ist es wahrscheinlich schon zu spät. Auch die internationale Gemeinschaft kann nur zusehen und nichts unternehmen. Das ist nicht erfreulich, aber so ist die Wirklichkeit. Wir sehen von weitem zu, und noch mehr Menschen werden getötet, noch mehr Kinder sterben.