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Kein Ende der "ethnischen Säuberungen"

Von Inge Santner

Politik

Der Ordinarius für Bevölkerungswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität und Leiter des Demographie-Instituts an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Rainer Münz (46), blickt düster in die Zukunft: Seiner Ansicht nach hat ein neues Jahrhundert der "ethnischen Säuberungen" begonnen. Den Schwerpunkt neuer Vertreibungen ortet er im Interview mit der "Wiener Zeitung" in Asien.


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Wiener Zeitung: Herr Münz, das unselige 20. Jahrhundert hat neben den Massenermordungen auch die Massenvertreibungen erfunden. Können wir jetzt im 21. Jahrhundert aufatmen?

Münz: Nein. Die so genannten "ethnischen Säuberungen" gehen sicherlich weiter, allenfalls in etwas kleinerem Umfang.

WZ: Welchen Umfang hatten sie im abgelaufenen Jahrhundert? Wie viele Menschen waren betroffen?

Münz: 40 bis 60 Millionen. Die Angaben müssen zwangsläufig unpräzise bleiben, weil sich die Grenzen zwischen Flucht, Evakuierung, Rückzug, Pogrom, wilder Vertreibung und geordneter Aussiedlung sehr oft verwischen.

WZ: 40 bis 60 Millionen? Diese Zahl entspricht fast der Summe aller Immigranten, die seit den Zeiten des Christoph Columbus in Nord- und Südamerika eingewandert sind.

Münz: Trotzdem stimmt sie. Mehr als 50 Prozent aller europäischen Völkerverschiebungen der letzten hundert Jahre gehen auf ethnische Ursachen zurück. Die Emigration aus rein wirtschaftlichen Gründen macht den kleineren Teil aus.

WZ: Und wie viele der verschobenen Millionen sind irgendwann später wieder in die alte Heimat zurückgekehrt?

Münz: Sehr wenige. Nahezu alle Vertreibungen des 20. Jahrhunderts sind nie revidiert worden. Eine gewisse Ausnahme bilden jene Völkerschaften, die unter Stalin innerhalb der Sowjetunion verschoben wurden, also z. B. die Wolga-Deutschen, Krim-Tartaren, Tschetschenen, Inguschen etc. Denen ist nach Stalins Tod die teilweise Rückkehr ermöglicht worden. In toto aber ist überhaupt nur eine einzige vertriebene Bevölkerung wieder heimgekehrt - die albanische aus dem Kosovo.

WZ: Und auch die nur dank der internationalen Friedenstruppe.

Münz: Allein hätte sie es nie und nimmer geschafft. Ziel der ethnischen Säuberungen ist ja die endgültige Entfernung unerwünschter Bevölkerungen. Die Vertriebenen sollen ein- für allemal draussen bleiben.

WZ: Das 20. Jahrhundert konnte die Massenvertreibungen erfinden, weil ihm die nötigen technischen und administrativen Möglichkeiten zur Verfügung standen, genau wie beim Holocaust. Die Idee selbst aber scheint nicht neu. Sie hat historische Vorbilder. Unter dem katholischen Königspaar Isabella und Ferdinand wurden sowohl Mauren wie Juden aus Spanien vertrieben. Später mussten die Hugenotten aus Frankreich verschwinden.

Münz: Achtung! Zwischen solchen historischen Vorbildern und heute gibt es einen gewaltigen Unterschied: Die Verfolgungen der Vergangenheit resultierten ausschließlich aus religiösen Motiven. Es handelte sich um Gewaltakte gegen Andersgläubige. Verfolgungen aus ethnischen Gründen wären bis ins späte 19. Jahrhundert hinein glattweg undenkbar gewesen. Die vormodernen Reiche waren multi-ethnische Gebilde. Ihre Staatsbürger waren primär Untertanen eines Kaisers, Königs, Zaren, Sultans. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Völkerschaft spielte vergleichsweise wenig Rolle.

WZ: Wann und wo setzen Sie die Geburtsstunde der ethnischen Verfolgungen an?

Münz: Sie fällt mit dem Untergang der großen europäischen Reiche zusammen. Vor allem mit dem Ende des osmanischen Reiches und des Habsburg-Imperiums. Damals wurden die Grenzen in Mittel- und Osteuropa neu gezogen. Es entstanden Nationalstaaten auf ethnischer Grundlage. Parallel dazu entstanden die Minderheiten, die es vorher nicht gegeben hatte.

WZ: Und nochmals parallel dazu die oft zitierten "Minderheitsfragen".

Münz: Selbstverständlich. Die neuen Staaten waren ja in der Regel keine homogenen Nationalstaaten, sondern durchsetzt mit starken andersvölkischen Gruppen. Ihr Realzustand widersprach dem offenkundigen Bedürfnis des Staatsvolks, selbst seinem Herr auf Territorium zu sein.

WZ: Anders gesagt, die Minderheiten wurden als Belästigung empfunden . . .

Münz: Mehr noch, als Bedrohung der staatlichen Integrität und Souveränität. Sie sollten möglichst schnell beseitigt werden. Zu diesem Zweck erfand das 20. Jahrhundert eine ganze Fülle unterschiedlicher Strategien. Sie reichten von der Assimilation durch Zwangstaufen und Namensänderung über die organisierte Auswanderung bis zur Vertreibung und Ermordung. Ab dem Balkan-Krieg 1912/13 ging es in großem Stil los. Zuerst wurden die Balkantürken in mehreren Schüben aus dem ehemals osmanischen Herrschaftsgebiet verdrängt. Dann erfolgte die Vertreibung und Ermordung der Armenier durch die Jungtürken.

WZ: . . . der erste neuzeitliche Genozid.

Münz: Ein Genozid mit Folgewirkung noch dazu. Hitler hat sich bei den Naziplänen zur Judenvernichtung ausdrücklich darauf bezogen. Seine Frage "Wer redet heute noch von den Armeniern?" ist verbürgt. Er dürfte tatsächlich der Überzeugung gewesen sein, dass die Weltgemeinschaft den Massenmord an Minderheiten toleriert oder zumindest rasch vergisst.

WZ: Auch auf die englischen Konzentrationslager in Südafrika, in denen 20.000 Buren gestorben sind, hat er sich gerne berufen.

Münz: Ja. Die ethnischen Exzesse des 20. Jahrhunderts hatten eben viele Wurzeln und viele Gesichter. Im Rückblick gleicht Europa jahrzehntelang einem monströsen Verschiebebahnhof der Völker. Da waren zuerst die Polen, Letten, Ukrainer und Litauer - insgesamt etwa eine Million Menschen -, die zwischen 1918 und 1923 aus dem Russischen Reich in ihre neu- oder wiedergegründeten Staaten strebten. Da waren 1,2 Millionen Deutsche, die nach dem Ersten Weltkrieg aus den abgetrennten Gebieten Elsass-Lothringen, Posen, West-preussen nach Deutschland umsiedelten. Da waren 500.000 Magyaren, die nach der Zerschlagung Ungarns ihre Wohnorte in Rumänien, Jugoslawien und der Tschechoslowakei verließen. Und da war obendrein noch eine ganz besondere Spezialität: Der vertraglich ausgehandelte Minderheitenaustausch zwischen der Türkei und Griechenland von 1922/23. Er hat das Ende der 1,4 Millionen starken griechischen Kolonie in Kleinasien bedeutet.

WZ: Dabei waren die Massenwanderungen nach dem Ersten Weltkrieg quantitativ noch relativ bescheiden.

Münz: Wie man's nimmt. Verglichen mit dem völkischen Hin und Her rund um den Zweiten Weltkrieg erscheinen sie tatsächlich so. Letztere begannen mit Hitlers "Heim-ins-Reich"-Politik. Um die 800.000 Auslandsdeutsche aus Wolhynien, Galizien, Bessarabien, Slowenien, der Bukowina und nicht zuletzt aus Südtirol sind unter schwerem Druck nach Deutschland verfrachtet worden. Vice versa mussten die Ukrainer, Weißrussen, Polen etc. sämtliche Gebiete räumen, die "germanisiert" werden wollten.

WZ: Angeblich sind allein zwischen 1939 und 1943 an die fünfzehn Millionen Menschen verschoben worden.

Münz: Das kommt mir übertrieben vor. Die ganz große Umschichtung vollzog sich erst in den letzten Kriegs- und den ersten Nachkriegsjahren. Sie endete mit der fast vollständigen Vertreibung aller Volksdeutschen aus dem östlichen und mittleren Europa. Eine glaubwürdige Statistik nennt neun Millionen aus den Gebieten östlich von Oder und Neisse, 3,2 Millionen aus der Tschechoslowakei, 200.000 aus Ungarn, 350.000 aus Jugoslawien. Aber nicht nur Deutsche waren betroffen. Bekanntlich ist der polnische Staat ein gutes Stück vom Osten nach dem Westen verlegt worden. Durch diese Prozedur verloren viele Polen in den sowjetisch gewordenen Gebieten ihre Heimat. Ähnlich erging es 140.000 Italienern in Istrien - um wenigstens die wichtigsten Gruppen zu nennen.

WZ: Zu vergessen sind auch nicht die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter.

Münz: Richtig. Wir wissen etwa, dass von den 5,5 Millionen Kriegsgefangenen, die Hitler-Deutschland gemacht hat, an die 3,3 Millionen verhungert oder an Krankheiten gestorben sind. Die Bilanz ist deshalb so schrecklich, weil die Nazis lange Zeit in den Kriegsgefangenen keine möglichen Arbeitskräfte, sondern nur nutzlose Esser gesehen haben, deren Tod aus Sparsamkeits-Erwägungen willkommen war.

WZ: Das alles führt unweigerlich zur Frage der Wiedergutmachung, sofern eine solche überhaupt möglich ist.

Münz: Dieses Thema wird uns noch lange beschäftigen. Es ist mit den Zahlungen an überlebende Juden und Zwangsarbeiter bei weitem nicht abgeschlossen. Ganz generell erhebt sich die Frage, wie der einzelne Volkskörper mit Erinnerungen umgeht, sowohl mit der historischen Schuld gegenüber den fremden Opfern wie auch mit der historischen Schuld gegenüber jenen Landsleuten, die aus politischen Gründen so oder so Unrecht erlitten haben. Wenn man nichts oder zu wenig tut, entsteht unweiterlich neues Konfliktpotential. Denken Sie an die palästinensischen Flüchtlingslager, die zur idealen Rekrutierungsbasis für nationalistische Parteien und Milizen geworden sind.

WZ: Herr Münz, werfen wir abschließend einen Blick in die Zukunft. Warum glauben Sie - wie eingangs gesagt - an die Fortsetzung der ethnisch motivierten "Säuberungen"? Die Blütezeit der deklarierten Nationalstaaten ist doch offenkundig im Abklingen.

Münz: Ist sie das? Ich sehe wenig Bestätigung dafür. Zugegeben, im EU-Europa verliert der Nationalstaat zunehmend an Attraktion. Das zeigt sich auch im Negativen, so zum Beispiel daran, dass Deutschland die Aussiedler-Zuwanderung - d. h. die Aufnahme von Volksdeutschen aus Rumänien oder den GUS-Regionen - deutlich erschwert hat und 2010 abschließen möchte. Am Balkan hingegen und in den Nachfolgeländern der Sowjetunion ist die Konsolidierung der frisch entstandenen Nationalstaaten noch lange nicht beendet. Ich betrachte es ganz und gar nicht als Zufall, dass die Rückkehr der Kosovo-Albaner in ihre Dörfer automatisch zur Vertreibung hunderttausender Serben und Roma geführt hat. Auch die Russische Föderation kommt bis dato ethnisch nicht zur Ruhe. Seit 1990 sind ihr nicht weniger als fünf Millionen Russen aus anderen Teilen der ehemaligen UdSSR zugeflossen, Verwaltungsbeamte natürlich, Angehörige der Roten Armee und des KGB, doch auch einfache Arbeiter und Angestellte, die sich etwa in Usbekistan nicht mehr wohl fühlen, seit die Amtssprache Usbekisch ist. Egal, ob im Baltikum, im Kaukasus oder in Zentralasien, überall sieht sich das einstige Staatsvolk über Nacht in der Position einer Minderheit.

WZ: Keine Beruhigung also im 21. Jahrhundert?

Münz: Eine nur teilweise Beruhigung in Europa, vermutlich keine in Afrika, wo nicht nur die Konflikte zwischen Hutus und Tutsis andauern. Und erst recht keine in Asien. Dort vermischt sich die ethnische mit der religiösen Unverträglichkeit zu extremer Brisanz. Noch ist gut in Erinnerung, dass Pakistan nur deshalb gegründet wurde, weil Hindus und Moslems nicht miteinander leben können, was zur Zwangsumsiedlung von zwölf Millionen Menschen geführt hat. Heute potenzieren sich die Zerfallstendenzen gleich in mehreren Teilen Asiens. Im Kaschmir steht die Moslem-Mehrheit gegen den Rest der Bevölkerung. Auf Sri Lanka, in Indonesien, im Tibet wie auch in anderen Regionen Chinas wächst die ethnische Spannung.

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