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Kein Ende des Krieges in Afghanistan absehbar

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Vor 20 Jahren verließ der letzte sowjetische Soldat Afghanistan. | Wann die letzten US-Truppen das Land verlassen, lässt sich nicht absehen. | Neu Delhi. Genau um 11.55 marschierte General Boris Gromow, der Kommandeur der sowjetischen Truppen in Afghanistan, über die Stahl-Brücke zwischen Afghanistan und Usbekistan. "Kein einziger sowjetischer Soldat ist mehr hinter mir", grüßte er Reporter in Termez auf der usbekischen Seite. "Unsere neun Jahre Aufenthalt enden hiermit." Es war der 15. Februar 1989.


Eine gedemütigte Supermacht kehrte von ihrem Afghanistan-Abenteuer heim. Der Krieg hatte rund 15.000 sowjetischen Soldaten und mehr als eine Million Afghanen das Leben gekostet. "Die Afghanen sind endlich frei von ihren Invasoren", triumphierte damals der CIA-Vizechef Robert Gates. Heute muss Gates, der inzwischen US-Verteidigungsminister ist, dafür sorgen, dass sein Land möglichst heil aus Afghanistan herauskommt. Wann der letzte amerikanische Soldat vom Hindukusch abzieht, ist völlig offen.

Größte Herausforderung für die US-Militärs

Der Afghanistan-Krieg sei die "größte militärische Herausforderung" für die USA, stellte Gates jüngst fest. Es ist eine gewisse Ironie der Geschichte, dass der Mann, der in seiner 26-jährigen Berufskarriere in der CIA mit dazu beigetragen hat, die Taliban und andere Mudjaheddin-Truppen aufzubauen und gegen die Sowjetunion in den Kampf zu schicken, nun damit beschäftigt ist, die selbsternannten Gotteskämpfer wieder loszuwerden.

Seit über sieben Jahren kämpft die von den USA-geführte Allianz in Afghanistan gegen die Taliban und andere islamische Extremisten. Die Sicherheitslage hat sich in den letzten zwei Jahren dramatisch verschlechtert. Gewalt und Gesetzlosigkeit regieren.

Der koordinierte Terrorangriff der Taliban mitten im hochgesicherten Regierungsviertel von Kabul am vergangenen Mittwoch zeigte, wie brandgefährlich die Lage ist. Die Dreistigkeit der Tat erinnert an die Anschläge im indischen Mumbai Ende November. Der Einfluss der Taliban hat sich zwischen wieder auf fast drei Viertel des Landes ausgeweitet.

In den nächsten Tagen will der neue US-Präsident Barack Obama ankündigen, wie viel Soldaten mehr nach Afghanistan verlegt werden sollen. Amerika hat zur Zeit dort rund 36.000 Kräfte im Einsatz. Das erscheint wenig, wenn man bedenkt, dass die Sowjetunion in den Spitzenzeiten rund 115.000 Soldaten im Land stationiert hatte. Plänen des Pentagons zufolge sollen noch einmal etwa 30.000 Soldaten an den Hindukusch verlegt werden. Viele halten das für das absolute Minimum, um das Kriegsglück des westlichen Allianz zu wenden.

Robert Gates warnt vor Stolperfalle

Gates hingegen warnt, eine größere US-Präsenz könne leicht zur Stolperfalle werden, wenn die Afghanen die westlichen Truppen als Besatzungsmacht ansehen würden. Bislang sei jede Großmacht, die versucht habe, Afghanistan militärisch zu dominieren, gescheitert.

Der amerikanische und der sowjetische Krieg unterscheiden sich stark, was den Zweck der Operation anbetrifft. Moskau wollte ein kommunistisches Regime in Kabul errichten. Die USA hingegen griffen Afghanistan nach dem 11. September 2001 als Reaktion auf den Anschlag auf das World Trade Center in New York an, bei dem etwa 3000 Menschen umkamen.

Al-Qaida, der Drahtzieher der Terrortat, operierte damals unter dem Schutz des Taliban-Regimes aus Afghanistan heraus. Doch während es den USA gelang, die Taliban schnell von der Macht zu vertreiben, fanden viele Kämpfer in der Grenzregion zu Pakistan Unterschlupf und konnten sich dort wieder neu aufstellen.

Doch trotz der unterschiedlichen Kriegsgründe sehen Beobachter auch Parallelen: So warnt Zbigniew Brzezinski, Nationaler Sicherheitsberater der Carter-Administration: "Die Sowjetunion hatte die Illusion, die Marxisten in Kabul würden ihnen helfen, einen Sowjetstaat zu bilden. Wir laufen nun Gefahr, das Gleiche zu tun wie die Sowjets: Anstatt das afghanische Wohlwollen zu nutzen und das Land schnell wieder zu verlassen und wirtschaftlich zu unterstützen, versuchen wir, mit einer großen ausländischen Präsenz einen modernen Staat zu schaffen - diesmal eine demokratische Version. Ich glaube nicht, dass das eine sehr weise Strategie ist."