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(K)ein Fall von Etikettenschwindel

Von Edwin Baumgartner

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Was spielen sie heute in der Oper? "Turandot"? Allein der Anfang, imponierendes Thema in den Blechbläsern, dann die Gongs und das Xylophon... - Halt! Was soll das? Tam-tata-tam-dada-tam in den Holzbläsern, und "Nessun dorma" singt auch keiner. Ein Fall von Etikettenschwindel! - oder ein Fall von "Turandot", komponiert von Ferruccio Busoni, nicht von Giacomo Puccini.

Dann hätten wir noch "La Bohème" von Ruggero Leoncavallo, den "Fliegenden Holländer" von Pierre-Louis Dietsch (nach einem Handlungsentwurf eines gewissen Richard Wagner) und einen "Macbeth" von Antonio Bibalo. Für das Theater gäbe es einen "Faust" von Christopher Marlowe und einen von Ferdinand Avenarius und einen "Kaukasischen Kreidekreis" von Klabund. Um nur ein paar wenige mehrfach komponierte und mehrfach gedichtete Themen zu nennen.

Hat die Arbeiterkammer ein Glück, dass die Dramaturgen meistens zum gängigen Klassiker greifen! Sonst müsste sie laufend vor "Etikettenschwindel" warnen.

Das nämlich macht sie, weil die "Phantom der Oper"-Produktion, die im Februar 2018 in der Wiener Stadthalle zu sehen sein wird, mit dem Lustersturz-Reißer von Andrew Lloyd-Webber nichts zu tun hat, sondern von Arndt Gerber (Musik) und Paul Wilhelm (Text) stammt. Das freilich ist auf der Ankündigung, etwa von Wien Ticket, deutlich vermerkt. Geht die Arbeiterkammer davon aus, dass Musical-Fans Analphabeten sind? Oder ist zu erwarten, dass sie demnächst auch vor dem Etikettenschwindel in der Volksoper warnt, weil das dort gespielte "Cendrillon" ein Ballett ist und nicht die Oper von Jules Massenet?