Zum Hauptinhalt springen

"Kein Finanzdienstleister hat vor der Krise alles richtig gemacht"

Von Stefan Janny

Reflexionen

Keine pauschale Entschädigung für Beschwerdeführer. | Trotz Krise 100.000 Vertragsabschlüsse. | 2010 soll AWD-Österreich wieder Gewinn machen. |
§§"Wiener Zeitung": Was bedeutet Vermögen für Sie? * | Ralph Müller: Vermögen bedeutet für mich das, was jeder Einzelne an veranlagten Geldern besitzt oder noch aufbauen will.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 14 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Und AWD verringert dieses Vermögen dann?

Das tut AWD nicht. Unser Ziel ist, uns sorgsam um die Vermögen unserer 300.000 zufriedenen Kunden zu kümmern. In einer einzigartig schwierigen Situation an den Kapitalmärkten gibt es aber auch einen kleinen Teil unserer Kunden, der temporär Verluste erlitten hat. Der überwiegende Teil war aber mit unseren Dienstleistungen sehr zufrieden, was sich auch daran ablesen lässt, dass zu Jahresende 2009 rund 100.000 unserer Kunden ihr Vertrauen durch neue Abschlüsse dokumentiert haben werden.

Dennoch ist der Name AWD in Österreich nahezu ein Synonym für mangelhafte Beratung, hohe Verluste und die Weigerung, betroffene Kunden zu entschädigen.

Naturgemäß hat die Kampagne, die der Verein für Konsumenteninformation (VKI) gegen uns führt, zu einer gewissen Aufmerksamkeit geführt. Hier geht es um Immofinanz-Aktien, die angesichts der Situation an den Kapitalmärkten bedauerlicherweise an Wert verloren haben. Das ändert aber nichts daran, dass es sich bloß um einen kleinen Kreis von weniger als einem Prozent unserer Kunden handelt, die sich angeblich schlecht beraten fühlen.

Warum klagt der VKI dann ausgerechnet den AWD und nicht andere Finanzdienstleister, die solche Aktien vermittelt haben?

Warum sich die Aufmerksamkeit des VKI auf AWD entlädt, müssen Sie andere fragen. Meine einzige Erklärung ist, dass wir als Nummer eins unserer Branche unter Beobachtung stehen. Tatsächlich ist bloß jede sechste Immofinanz-Aktie über AWD verkauft worden.

Unter den Privatkunden war Ihr Immofinanz-Marktanteil allerdings vermutlich höher.

Immofinanz war eben eine Volksaktie. Die Finanzkrise, die US-Immobilienkrise und Ungereimtheiten, die es bei Immofinanz anscheinend gegeben haben soll, haben die Aktie dann unter Druck gebracht. Allerdings hat sich der Kurs in den letzten Monaten erholt.

Aber die Verluste der Kunden mit Immofinanz-Aktien werden vermutlich nie wieder wettgemacht werden.

Das hängt ganz davon ab, wann sie gekauft und verkauft haben. Manche Kunden haben mit monatlichen Sparplänen die schwierige Phase durchgetaucht und kommen rechnerisch nun auf einen Mischkurs, der durchaus wieder erreicht werden kann.

Ihre Botschaft an unzufriedene AWD-Kunden mit Immofinanz-Aktien lautet demnach: zurücklehnen und warten?

Das hängt vom Einzelfall ab und davon, wie wohl sich der Kunde mit seinem Investment fühlt und wie das zu seiner Gesamtveranlagung passt.

Hat AWD beim Vertrieb von Immofinanz-Aktien auch Fehler gemacht?

Auf den ersten Blick kann ich in unserem Bereich keine Fehler erkennen.

Also ist alles bestens gelaufen?

Kein Finanzdienstleister hat im Vorfeld der Krise alles richtig gemacht. Niemand hat die Schärfe und Tiefe dieser Krise vorhergesehen. Ich stehe im Übrigen erst seit wenigen Monaten an der Spitze des Unternehmens und möchte daher nicht allzu viel über die Vergangenheit urteilen.

Der Versuch, als neuer Chef die Vergangenheit über Bord zu werfen, wird allerdings nicht gelingen.

Niemand wirft die Vergangenheit des Unternehmens über Bord. Meine Aufgabe ist es jedoch, die Strategie für die Zukunft zu gestalten, was wir mit sehr viel Energie getan haben.

Dadurch wird das Immofinanz-Problem aber nicht aus der Welt zu schaffen sein. Immerhin hat der Sozialminister selbst den seinem Ministerium nahestehenden VKI beauftragt, in dieser Sache gegen AWD gerichtlich vorzugehen. Normalerweise versuchen Unternehmen in einer solchen Situation, das Problem mit einer gütlichen Einigung aus der Welt zu schaffen. Die AWD-Reaktion ist aber, eine "Hetzkampagne" zu beklagen, statt Entschädigungen anzubieten.

Ich bin überrascht, dass es einen klaren Auftrag des Ministers gegeben hätte. Ich hätte das bisher eher als VKI-Eigeninitiative gesehen.

Auf der Homepage des Sozialministeriums ist dieser Auftrag veröffentlicht.

Spielt aber auch keine Rolle. Unser Ansinnen war von Anfang an, gemeinsam mit dem VKI die Einzelfälle zu prüfen und wenn es wirklich zu Fehlern gekommen sein sollte, gütliche Lösungen anzubieten. Zu 100 Prozent ausschließen kann man bei 300.000 Kunden nie, dass in Einzelfällen auch Fehler passieren.

Umso mehr, als AWD in Sachen Immofinanz wegen solcher Einzelfälle bereits verurteilt wurde.

Das zeigt, dass es sich bloß um eine Handvoll Einzelfälle handelt. Deswegen ist es auch wichtig, jeden einzelnen Fall zu prüfen. Eine pauschale Lösung mit der gleichen Quote für alle Beschwerdeführer ist für uns kein gangbarer Weg. Denn damit würde man jenen Kunden, bei denen wirklich Fehler passiert sind, nicht in vollem Umfang gerecht, und andererseits erhielten Kunden Entschädigungen, die keinen Anspruch haben.

Sie werden die Beschwerden mittlerweile geprüft haben. Da Sie bislang aber keine freiwilligen Entschädigungen angeboten haben, kann das nur bedeuten, dass Sie entweder keine Fehler bei AWD gefunden haben, oder dass Sie ohne Gerichtsurteil keine Entschädigungen zahlen wollen.

Wir haben die Daten, von denen Sie sprechen, erst mit der ersten Sammelklage bekommen. Bei zwei dieser Fälle hat sich gezeigt, dass die Immofinanz-Aktien gar nicht über AWD gekauft wurden. Der VKI hat zu unserem Bedauern ja nie den Weg gewählt, uns die Namen dieser Kunden vorab zu nennen, so dass wir uns jeden einzelnen Fall anschauen hätten können.

Also wird die Angelegenheit gerichtlich ausgefochten?

Aus unserer Sicht wird die Angelegenheit gerichtlich geklärt werden.

Und Beklagter in der möglicherweise umfangreichsten Zivilklage der Zweiten Republik zu sein, macht Sie nicht nervös?

Auf Basis der vorliegenden Fakten kann ich keine Größenordnung erkennen, die einen der größten Zivilprozesse der Zweiten Republik bedeuten würde.

Faktum ist, dass die Marke AWD nachhaltig beschädigt scheint. Wie soll die Zukunft aussehen?

Ich kann keine nachhaltige Beschädigung der Marke AWD erkennen. Ich bin mehr denn je überzeugt, dass wir über eine sehr starke Marke verfügen und bei unseren treuen Kunden ein hervorragendes Standing haben. Unsere Berater erhalten sogar aufmunternde Briefe von Kunden.

Einige Berater haben jüngst AWD den Rücken gekehrt.

Das hat sich erfreulicherweise wieder stabilisiert. Der Kern unserer Beratermannschaft besteht aus einer sehr treuen Basis.

Eine Namensänderung steht nicht zur Disposition?

Das steht nicht zur Debatte. Unsere Marke hat in vielen Ländern eine besondere Strahlkraft. Zu dieser Marke stehen wir uneingeschränkt.

AWD macht in Österreich substanzielle Verluste: Eigentlich subventionieren Sie nunmehr die Anbieter derjenigen Produkte, die Sie vertreiben.

Auch wir sind von der Finanzkrise betroffen, was im ersten Halbjahr zu einer relativ starken Reduktion der Umsätze und entsprechende Verlusten geführt hat.

Der Umsatz ging um etwa 45 Prozent zurück.

In etwa. Die letzten Monate stimmen uns allerdings zuversichtlich, dass wir im nächsten Jahr wieder aus der Verlustzone kommen werden. Rund ein Drittel aller Wertpapierfirmen in Österreich haben ihre Konzession zurückgelegt. Es gibt in der Branche einen massiven Aderlass. AWD wird aber im Unterschied zu anderen gestärkt aus der Krise hervorgehen.

AWD hat jahrelang damit geworben, unabhängig zu sein und objektiver als Banken zu beraten. Nachdem das Unternehmen kürzlich von einer Schweizer Versicherung übernommen wurde, musste die Bezeichnung "unabhängig" gestrichen werden.

Wir agieren in der Kunden-Beratung nach wie vor komplett unabhängig.

Das behauptet jeder Bankmitarbeiter auch.

Ein Bankberater hat die primäre Aufgabe, Produkte des eigenen Konzerns zu verkaufen. AWD hat die primäre Aufgabe, aus einem Kreis von mehr als 5000 Produkten am Markt die besten für den Kunden herauszusuchen. Diese Grundsäule unseres Geschäftsmodells bleibt mit einem anderen Eigentümer erhalten.

Swiss Life wird AWD aber doch nicht gekauft haben, damit AWD möglichst viele Versicherungspolizzen von Generali verkauft?

Swiss Life wird für AWD nur einer von vielen Produktpartnern sein. In Österreich ist das im Übrigen noch nicht der Fall, weil Swiss Life in Österreich operativ noch nicht tätig ist.

Zur PersonRalph Müller wurde 1968 in Kamp-Lintford in Deutschland geboren, wuchs in der Steiermark auf und studierte Rechtswissenschaften in Graz. Ab 1996 war Müller in der Bank Austria tätig, wo er den Aufbau des mobilen Vertriebs leitete und danach zum Geschäftsführer der BA Finanzservices bestellt wurde. Ab 2002 war er Sprecher der Geschäftsführung dieser Bank-Austria-Tochter und avancierte 2005 zum Bereichsleiter Vertrieb. 2008 wurde der Jurist - als Nachfolger des nunmehrigen Bank-Austria-Chefs Willibald Cernko - zum Retail-Vorstand der Bank Austria berufen. Mit dem 1. Juli 2009 wechselte Müller zum Finanzdienstleister AWD, wo er als Geschäftsführer der Österreich-Tochter auch für Zentral- und Osteuropa verantwortlich ist.